FrĂĽher aufstehen
Der Wahlkampf ist eine der wenigen Gelegenheiten, zu denen prominente Politiker den direkten Dialog mit normal sterblichen suchen. Am Samstag, beispielsweise wollte die Bundesfamilienministerin sich in Hannover den Fragen der Volkes stellen.
Der Wahlkampf ist eine der wenigen Gelegenheiten, zu denen prominente Politiker den direkten Dialog mit normal sterblichen suchen. Jedenfalls ein bisschen. Am Samstag, beispielsweise wollte die wegen ihrer entschiedenen Eintretens fĂĽr Internetsperren umstrittene Bundesfamilienministerin sich in Hannover den Fragen der Volkes stellen: Frau von der Leyen kandidiert fĂĽr den Wahlkreis 43 , Hannover SĂĽd und hatte sich fĂĽr ihre BĂĽrgerfragestunde den Lindener Markt ausgesucht.
Für alle, die Hannover nicht so intensiv kennen: Linden ist für diese Stadt ein bisschen so, wie Kreuzberg für Berlin: Viel Multi-Kulti, Langzeitarbeitslose, Studierende und grün-alternative, die in Pulks zusammenstehen, um auf dem Wochenmarkt am Samstagmorgen ihren Kaffee zu schlürfen. Gar nicht weit von hier hat Karl Koch damals gewohnt - der berühmt, berüchtigte Hacker, der Daten an den KGB verkauft haben soll. Phantasievolle Zeitgenossen haben das Wahlplakat der Ministerin in dieser Gegend mit einer krakeligen „23“ ergänzt. Die Sache versprach also einen gewissen Unterhaltungswert: Zensursula in der Höhle des Löwen sozusagen.
Doch auf den ersten Blick ist die Szenerie entschieden unspektakulär: Gleich vorne bei der Post steht die F.D.P - verteilt gelbe Kugelschreiber und bunte Faltblätter - fünf Meter weiter versucht ein Linksparteiler die Massen per Massenzeitung anzuagitieren. Über die Straße auf der linken Seite kuscheln sich die Wahlkampstände von SPD und Grünen aneinander – auf der anderen Straßenseite, vor der Apotheke, steht die CDU. Dann rückt ein kleines Grüppchen von Menschen an, die die Flagge der Piratenpartei tragen. „Du kommst zu spät“, sagt ein Pirat zu seinem anrückenden Parteifreund. „Sie ist schon seit zehn Minuten weg“.
Manchmal kann Politik offenbar ganz einfach sein: Wer Ärger vermeiden will, muss auch an schwierigen Orten seinen Auftritt einfach nur richtig timen: Am Samstag vor 11 auf dem Lindener Markplatz aufzutreten, ist für einen guten Teil der ortsansässigen Bevölkerung einfach außerhalb der Realität. Man kann das unsportlich nennen, ich nenne es klug. Am nächsten Samstag will sie noch einmal wiederkommen - diesmal um 8.
P.S. Die Polizei ermittelt gegen 15 Mitglieder und Sympathisanten der Piratenpartei wegen "Verstoß gegen das Versammlungsgesetz". Sie hatten sich mit Plakaten an den Tross der Ministerin gehängt, die eigentlich über den Markt flanieren wollte. Das sei allerdings keine "spontane Demonstration" gewesen, meint die Polizei, da die Plakate bereits vorbereitet waren. Wieauchimmer – die waren bestimmt nicht aus Linden.
P.P.S: Apropos Parteien: Weil es so schön zum Wahlkampf passt, hier noch mal ein Link auf einen wunderschönen Text von Peter Glaser: Das Zentralkommitee der KPDRM (schreitet von Sieg zu Sieg).Wie heißt es doch so schön: Der Staub in den Archiven ist der Sprengstoff von Morgen. (wst)