Die fiesen Extrem-User
Ich habe neulich die 500. Anwendung auf mein iPhone gespielt. Seither stürzt das Gerät immer ab, wenn ich nach einem Programm mit dem Anfangsbuchstaben "T" suche. Wirklich böse kann ich dem Hersteller trotzdem nicht sein.
Neulich habe ich ein kleines Jubiläum auf meinem Smartphone gefeiert: Das iPhone erhielt die insgesamt 500. Anwendung in seinen Flash-Speicher. Neben den zumeist günstigen Preisen im Handy-Software-Laden für das Gerät, vulgo: App Store, sorgte vor allem das breitgefächerte Angebot an Lite- und Freeware-Versionen für diesen gigantischen Programmhaufen, der gar nicht mehr in Form von navigierbaren Homescreens dargestellt werden kann, sondern nur noch per eingebauter Suche ("Spotlight") erreichbar ist.
Allerdings fiel mir dabei letzte Woche etwas sehr negatives auf: Jedes Mal, wenn ich dort nun nach dem Buchstaben "T" suche, schmiert mein Wunderhandy radikal ab. Erst nach knapp fünf Minuten ist mein iPhone wieder einsatzbereit; zum Glück speichert Apple die meisten Gerätezustände, etwa aufgerufene Web-Seiten, automatisch.
Ich könnte nun sauer sein auf den Hersteller und an dieser Stelle schreiben, wie peinlich es ist, dass dort offenbar niemand ausprobiert hat, etwas mehr Programme auf seinen Testeinheiten auszuprobieren, als gewöhnlich. Aber ehrlich gesagt: Ich bin es nicht. Der Grund: Ich bin ja irgendwie selbst schuld. Meine 500 Anwendungen sind nur deshalb auf dem Handy, weil ich es hasse, irgendetwas, das ich gerade brauchen könnte, nicht dabei zu haben. Also packe ich mir lieber den Speicher voll, auch wenn die Übersicht furchtbar leidet und ich schon den Namen jeder einzelnen Anwendung wissen muss, bevor ich sie starten kann.
Ob aber Apple auf Extrem-User wie mich bei Qualitätschecks seiner jeweils neuesten Betriebssystemversion achten sollte? Mein natürlicher Instinkt sagt: Eigentlich ja. Schließlich sind wir Verrückte es, die die uns zur Verfügung gestellten Systeme bis aufs letzte ausreizen und damit Innovationen womöglich sogar vorantreiben. Andererseits: Wer als Normalo - ich bin IT-Journalist und muss einfach viel testen - 500 iPhone-Anwendungen mit sich herumträgt, muss schon ein bisschen viel Zeit haben.
Tatsächlich wird es in der Software-Entwicklung immer schwieriger, wirklich alle Eventualitäten zu berücksichtigen. Auch automatisierte Testverfahren neigen dazu, die wirklich extremen Nutzungen nicht zu erfassen, stattdessen lieber Otto-Normal-User als Maßstab für brutale Bug-Checks zu verwenden. Immerhin ist es dank Internet inzwischen kein Problem mehr, schnell Feedback zu Problemen zu erlangen, das man dann auswerten und für die nächste Version verwenden kann.
Klar bleibt aber ganz sicher eins: Wir werden alle immer mehr und bei immer mehr Geräten zu freiwilligen wie (häufiger) unfreiwilligen Betatestern werden, so sehr uns das nervt. Die Komplexität bringt es einfach mit sich. Natürlich will niemand solche Dinge in sicherheitsrelevanten Bereichen. Aber mein iPhone schmiert ja zum Glück nicht ab, wenn ich die "110" wähle... (wst)