Zu lange ignoriert

Web 2.0, Smartphones, Cloud Computing: Das Betriebssystem von morgen erfordert radikales Umdenken, sagt Microsoft-Forscher Andrew Herbert.

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Dieser Text ist der Print-Ausgabe 09/2009 von Technologie Review entnommen. Das Heft kann, genauso wie die aktuelle Ausgabe, hier online portokostenfrei bestellt werden.

Web 2.0, Smartphones, Cloud Computing: Das Betriebssystem von morgen erfordert radikales Umdenken, sagt Microsoft-Forscher Andrew Herbert.

Der Informatiker Andrew Herbert leitet seit 2003 das Microsoft-Forschungszentrum im britischen Cambridge. Herbert hatte sich bereits in den achtziger Jahren mit verteilten Computersystemen beschäftigt und mehrere Jahre eine Arbeitsgruppe zur Forschung an zukünftigen Betriebssystemen geleitet.

Technology Review: Am PC hat sich in den vergangenen 20 Jahren nicht viel geändert. Wir haben immer noch eine Kiste auf dem Schreibtisch mit Monitor, Tastatur und Maus. Warum?

Andrew Herbert: Um Ihre Frage zunächst noch einmal zuzuspitzen: Sogar der gute alte Großrechner ist uns erhalten geblieben. Er ist immer noch präsent in Datenzentren und macht, was er immer gemacht hat: große Mengen an Daten speichern und verarbeiten. Was den PC angeht – das ist einfach eine gute Technologie, um die Dinge zu erledigen, die ein PC erledigen sollte: zum Beispiel die Tabellenkalkulation.

Aber wir haben auch Geräte wie den Surface-Computer entwickelt, bei dem mehrere Benutzer gleichzeitig den Rechner über einen berührungsempfindlichen Bildschirm bedienen.

TR: Nun sind aber die Anwendungen, die es bisher für den Surface-Computer gibt, noch sehr begrenzt. Kann ich damit auch echte Arbeit erledigen?

Herbert: Ich habe den Surface-Computer Kollegen aus Natur- und Ingenieurswissenschaften vorgeführt, und die waren sehr interessiert. Man kann damit große, komplexe Datensätze intuitiv handhaben. Eine Applikation erlaubt es beispielsweise Ärzten, ihren Patienten an einem 3-D-Modell genau zu demonstrieren, wie eine Operation ablaufen wird. Die Entwicklung dieser neuen Surface-Technologie folgt den Regeln der Evolution. Ich möchte nur an die frühen Jahre von Windows erinnern: Da war es doch auch so, dass in vielen dieser Fenster nur das alte MS-DOS gelaufen ist. Aber so ist der Ablauf: Erst mal werden die alten Anwendungen an die neue Oberfläche angepasst, weil die Leute mit dem weitermachen wollen, was sie gewöhnt sind. Und dann werden neue Anwendungen entwickelt.

TR: Die nächste große Welle ist also die Multitouch-Oberfläche?

Herbert: Ja, natürlich. Wir haben auch jetzt schon berührungsempfindliche Schnittstellen an unseren Laptops.

TR: Ja, aber diese Touchpads sind nur sehr klein.

Herbert: Sicher. Aber wenn die größer werden, ergeben sich völlig neue Möglichkeiten der Interaktion. Stellen Sie sich nur mal vor, mein Schreibtisch hier wäre ein Touchscreen.

TR: Aber der Tablet PC, der ja auf diesem technischen Prinzip eines berührungsempfindlichen Bildschirms aufbaut, war bislang kein großer Erfolg, oder?

Herbert: Nein. Aber Microsoft bringt viele Technologien in einem sehr frühen Stadium auf den Markt. Und dann lernen wir eine Menge darüber, was funktioniert und was nicht funktioniert.

TR: Ein relativ teures Lernverfahren. Sehr erfolgreich hingegen waren in den letzten Jahren die kleinen, tragbaren Geräte wie Mobiltelefone, Netbooks und Multimedia-Player. Werden die den PC ablösen?

Herbert: Nein. Wenn Sie ein mobiles Gerät als eine Art kleinen PC betrachten, kommt dabei etwas heraus, das weder ein gutes Telefon noch ein guter PC ist. Der PC funktioniert am besten am Schreibtisch – das ist rein physikalisch ein relativ großes Ding. Wenn Sie sich dagegen erfolgreiche mobile Anwendungen ansehen, die haben oftmals ein sehr viel einfacheres Interface. Wenn Sie sich ein Navigationsgerät ansehen: Das löst nur ein Problem – den Weg von meinem Zuhause zu meinem Ziel zu finden. Ich denke, wir werden in Zukunft immer mehr Computer sehen, die in kleinen, einzelnen Geräten stecken und einzelne, spezialisierte Aufgaben lösen.

TR: Aber Smartphones wie das iPhone sind doch gerade Beispiele für Minicomputer, die alles Mögliche können, oder? Und die sind sehr erfolgreich am Markt.

Herbert: Haben Sie jemals versucht, ein Arbeitsblatt oder eine Tabelle auf einem Smartphone zu bearbeiten? Oder eine Stichwortsuche probiert? Das ist eine sehr schmerzvolle Erfahrung.

TR: Auf der anderen Seite soll die Software aber, um gut zu funktionieren, immer mehr über den Anwender und seine Situation wissen – "context aware" werden. Halten Sie das wirklich für eine gute Idee?

Herbert: Ich glaube nicht, dass die Computer die Herrschaft übernehmen. Ein dreijähriges Kind, meine Großmutter oder irgendein Farmer im ländlichen Indien sind immer noch sehr viel intelligenter als alles, was Sie an Rechenkraft heutzutage auftreiben können. Ich denke, die Rolle von Technologie ist, den Menschen dabei zu helfen, effizienter zu arbeiten, gut informiert zu sein und die richtigen Entscheidungen zu treffen.

TR: Wer bestimmt, was richtig ist? Der Computer oder ich?

Herbert: Das hängt eben vom Kontext ab. Ich wäre sehr froh darüber, wenn mein Handy automatisch feststellen würde, dass ich ein Flugzeug betreten habe und sich abschaltet – die meisten von uns vergessen das und müssen dann von der Flugbegleiterin ermahnt werden. Aber ich wäre sehr verärgert, wenn mein Handy entscheiden würde, es könne die noch nicht erledigten Druckaufträge jetzt an den Drucker auf dem Flur übertragen, weil ich ja gerade den Besprechungsraum gegenüber betreten habe.

TR: Das setzt voraus, dass mein Handy mich kennt – vielleicht besser, als mir lieb ist.

Herbert: Allerdings. Viele dieser Dienste basieren darauf, dass Sie viel über sich preisgeben – wo Sie gerade sind, was Sie tun und so weiter. Es wäre sehr gut, wenn die Software Ihnen verrät, was Sie da eigentlich alles preisgeben, welche Risiken damit verbunden sind, und Sie dann selbst entscheiden lässt. Ich denke, das Leben ist eine einzige Abwägung zwischen Risiko und Belohnung, und Technologie sollte uns dabei helfen, damit klarzukommen, statt uns die Entscheidungen aus der Hand zu nehmen. Ich will immer noch selbst bestimmen, ob und wann ich über eine Straße gehe, aber ich wäre froh, wenn mein Handy mich anschreit, wenn ich gerade dabei bin, etwas sehr Dummes zu tun.

TR: Aber man kennt doch den Effekt vom eigenen PC. Da poppt ständig irgendein Fenster mit einer Warnung auf – und wir klicken das einfach weg.

Herbert: Das ist ein Teil der Herausforderung, der wir uns im Design stellen müssen. Offen gesagt, haben wir in Vista zu viele Fragen eingebaut, von denen man viele eben gerade nicht einfach abschalten konnte. Das hätte ein bisschen mehr kontextabhängig sein können. Aber das System kann lernen. Und wenn mein Computer, der weiß, dass ich normalerweise sehr auf meine Daten und meine Privatsphäre achte, mir sagen würde: Du bist gerade dabei, sehr viele Daten im Internet über dich preiszugeben, willst du das wirklich? Dann wäre ich nicht böse. Aber wenn das System mich bei jeder E-Mail, die ich verschicke, fragt: Willst du diese Mail wirklich verschicken? Das würde mich doch sehr nerven. Ich denke, da haben wir noch einen langen Weg vor uns.

TR: Also muss die Software sich an den User anpassen?

Herbert: Ja. Und dabei müssen Sie auch bedenken, dass ein Mensch in seinem Leben viele verschiedene Rollen spielt. Während des Tages leite ich die Microsoft-Forschung in Cambridge. An den Wochenenden bin ich ein Fan alter Flugzeuge – besuche Museen und lese Bücher darüber. Aber in meiner Tasche ist immer dasselbe Mobiltelefon. Also muss das Gerät sich anpassen und verschiedene Situationen unterscheiden.

Die andere große Herausforderung ist die Perspektive. Wenn der Computer seine Fragen vom Standpunkt der Technik aus stellt, ist das in vielen Fällen verwirrend: Eine Fehlermeldung wie "Prozess 55 abgestürzt an COO5C2" ist nicht wirklich hilfreich. Oder: "Kann Datei foo.bar nicht öffnen, weil Parameter Murmel nicht in Zugangsliste". Es gibt noch immer einige von diesen Meldungen in unserer Software. Viel hilfreicher wäre es, wenn die Software mir sagen würde: "Sie versuchen eine Datei zu öffnen, die vertrauliche Firmendaten enthält. Sie befinden sich aber außerhalb des sicheren Firmennetzwerks." Dann sage ich: "Okay, alles klar."

TR: Ich denke, Sie sind nicht der Erste, der das zu den Produktentwicklern gesagt hat.

Herbert: Stimmt. Aber Sie müssen immer daran denken, dass wir über ein sehr, sehr großes System sprechen.

TR: Ist es vielleicht mittlerweile zu groß? Zu komplex?

Herbert: Die Realität sieht einfach so aus, dass wir sehr große Programme haben. Damit müssen wir umgehen. Ich meine, es gibt einfach kein Zurück zu Software mit 60000 Zeilen Code. Das gilt nicht nur für Windows. Ich spreche von Systemen, die online Bankdaten verwalten, Flugbuchungen managen, das Stromnetz steuern. All diese Systeme bestimmen unseren Alltag, und wir sind von ihnen abhängig. Die Frage ist, wie wir diese Software verlässlicher machen können. Die schiere Größe ist nur eines dieser Probleme – Computer sind sehr gut darin, Dinge immer und immer wieder zu prüfen. Sie sind also auch gut zur Verifikation großer Systeme geeignet. Schwieriger ist ein anderes Problem: Je mehr ein System tun kann, desto mehr entstehen aus den Wechselwirkungen zwischen den vorhandenen Eigenschaften neue Eigenschaften.

TR: Apropos Größe: Jeder spricht heutzutage über Cloud Computing und die nahezu unbegrenzte Rechenleistung aus dem Netz. Ist das die Zukunft des Datenmanagements?

Herbert: Cloud Computing ist deswegen so erfolgreich, weil es die Einstiegskosten für kleine, innovative Firmen reduziert hat. Wenn Sie vorher eine kleine Firma hatten, die einen Online-Shop eröffnen wollte, mussten Sie eine feste Anzahl Server in einem Datenzentrum mieten. Die müssen Sie bezahlen, auch wenn Sie nur einige Hundert Kunden haben. Jetzt müssen Sie nur für die Rechenleistung zahlen, die Sie tatsächlich brauchen.

Tatsache ist aber auch, dass Sie zwar rein rechnerisch eine Menge Rechenpower und Speicherplatz bekommen, wenn Sie Computer über das Netz zusammenschalten. Aber man braucht auch Programme, die in der Lage sind, all diese verteilten Ressourcen zu nutzen. Und das ist nicht ganz einfach. Ehrlich gesagt haben wir, wenn man die Geschichte der Software-Industrie betrachtet, diese Frage ziemlich lange ignoriert.

Sicher, es gab Leute, die sich damit beschäftigt haben: Wissenschaftler mit Supercomputern etwa. Aber für den Rest von uns reichte es, dass Intel und die anderen Hardware-Hersteller jedes Jahr neue, schnellere Prozessoren lieferten. Plötzlich haben die Hardware-Hersteller aber gesagt: Wir machen jetzt nur noch Prozessoren mit mehren Kernen. Also müssen wir uns mit diesen Fragen beschäftigen. Etwa: Wie muss die Prozesskommunikation gestaltet werden, um die Möglichkeiten von vielen Prozessoren auch wirklich ausnutzen zu können?

TR: Wie lange wird es Ihrer Meinung nach dauern, bis ein Betriebssystem wie Windows davon profitiert?

Herbert: Wenn Sie sich eine Technologie wie unsere Cloud-Computing-Plattform Azure ansehen, dann skaliert die schon heute mit der Anzahl der Prozessoren, auf der sie läuft – je mehr Rechenleistung Sie brauchen, desto mehr Prozessoren werden benutzt. Aber Azure liegt ein ganz anderes Rechenmodell zugrunde als Windows. Das auch wiederum auf einem anderen Rechenmodell aufsetzt als sein Vorläufer DOS.

Ich denke, was wir bekommen werden, ist eine Familie von Betriebssystemen: Bei nur einem oder wenigen Prozessoren kommen wir mit den bestehenden Rechenmodellen aus. Wenn wir einige zehn Prozessoren haben, können wir Techniken verwenden, die wir auf Supercomputern gelernt haben. Wenn wir einige Hundert oder Tausend Prozessoren haben, kommen wir in die Welt von Azure oder EC2 von Amazon oder auch Google.

TR: Alle reden über die Krise. Spüren Sie die auch hier bei Microsoft Research?

Herbert: Sicher. Während die Abteilung wächst, versuchen wir, wie auch der Rest des Unternehmens, unsere Ressourcen ökonomischer einzusetzen. Ich denke sehr viel mehr über Budgets nach, Reisekosten und so weiter.

TR: Aber Sie haben noch immer die Freiheit zu erforschen, was Sie interessiert?

Herbert: Ja, wir haben diese Freiheit noch immer. Natürlich wissen wir, dass die Kollegen in der Produktentwicklung Dinge entwickeln müssen, die den Kunden helfen, die ökonomische Flaute besser zu überstehen. Also haben auch wir unser Portfolio durchgesehen, nach Themen, mit denen wir uns schon beschäftigt haben und die helfen könnten: Echtzeit-Kommunikation, Zusammenarbeit in Gruppen über das Netz und so weiter. (bsc)