Richtig falsch

Beim Bildfälscherwettbewerb „Richtig falsch“, den Docma und c't im Frühjahr ins Leben gerufen haben, ging es darum, digital manipulierte Fotos einzureichen, die in der Presse erscheinen könnten, ohne bei den Lesern Argwohn zu erregen. c't und heise Foto stellen die gelungensten Arbeiten nun online zur Abstimmung.

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Was in Werbeanzeigen und in der Modefotografie zum Äußersten getrieben wird, ist in Tageszeitungen und Nachrichtenmagazinen verpönt: die digitale Manipulation von Fotos. Ein Pressefoto dokumentiert einen Sachverhalt und sollte mit digitalen Mitteln weder geschönt noch dramatisiert werden. Dennoch erliegen Journalisten immer wieder dieser Versuchung, denn der Weg vom Wegstempeln eines Fussels oder Kratzers zum Entfernen einer Person aus dem Gruppenfoto oder einer Rolex vom Handgelenk ist nicht weit.

Selbst Ortskundige könnte dieses Bild der Wiener Oper täuschen. Manipulierte Architekturaufnahmen waren ein beliebtes Betätigungsfeld beim Wettbewerb.

Um den Blick und das Bewusstsein für Retuschen zu schärfen, die den Wahrheitsgehalt eines dokumentarischen Fotos ändern, haben die Zeitschrift für digitale Bildbearbeitung Docma und c't aufgerufen, Fotomontagen auf Grundlage einer plausiblen Bildlüge zu erstellen und mit einer passenden, pressetauglichen Bildunterschrift zu versehen.

Anfang September traf sich eine zwölf Personen starke Jury, um knapp 150 eingereichte und für tauglich befundene Werke zu begutachten. Unter den Juroren waren Redakteure von Docma, c't und Spiegel online sowie Vertreter von Firmen wie Adobe, Wacom, Addison Wesley und Hewlett Packard. Zwei Tage lang begutachtete und diskutierte die Jury die eingereichten Werke, um anschließend über die besten zu entscheiden.

Achtung, Fälschung! Frank-Walter Steinmeier hat diesen Brief von Gasprom nie bekommen. So oder anders demonstrieren Teilnehmer des Bildfälscherwettbewerbs, wie Bilder lügen.

Die Jury hat sich ein Urteil gebildet. Über die Platzierung durch die Juroren wird aber noch nichts verraten, denn jetzt sind Sie gefragt. Auf heise Foto und den Docma-Webseiten stehen die besten Arbeiten ab sofort bis Mitte November online zur Abstimmung. Machen Sie sich selbst ein Bild und wählen Sie Ihren Favoriten.

Die eingereichten Arbeiten fallen vielseitig aus. Viele Teilnehmer orientierten sich ästhetisch am Pressefoto – schließlich ging es darum bei dem Wettbewerb. Nicht nur durch die bloße Montage, sondern auch durch Schwarzweißumsetzung, Körnung, Helligkeit und Kontrast erzielen einige Teilnehmer einen sehr dokumentarisch wirkenden Bildeindruck.

Witzige Bildidee oder Verunglimpfung eines Lebensstils? Wohin auch immer die Nonne im Originalbild gedeutet hat, die Lenden des nackten David waren es zumindest nicht.

Andere Arbeiten bestechen durch die Beiläufigkeit des bildwichtigen Motivs. In der Detailfülle geht das hineinmontierte Objekt scheinbar unter, dreht aber dennoch die Bildaussage in die entscheidende Richtung. Das ist zum Beispiel dort der Fall, wo das Fahrradschutzblech ein Porsche-Logo erhält, Jugendlichen vor dem Fußballstadion ein Ball vor die Füße gesetzt wird, die Telefonzelle ein Vodafone-Logo ziert oder Frank-Walter Steinmeier ein Brief von Gasprom in die Hand montiert wurde. Im Original hielt er eine Visitenkarte. Viele kreative Ideen sorgten für Schmunzeln, so zum Beispiel die beiden Nonnen, welche auf die nackte Pracht der Florentiner David-Statue deuten.

Das Thema Architektur schlug sich in etlichen Arbeiten nieder. Ein Teilnehmer bereicherte bekannte Wiener Gebäude wie die Oper um zusätzliche Gebäudeteile – in diesem Fall ein weiteres Stockwerk. Ein anderer setzte aus den Teilen einer Berghütte ein Hochhaus zusammen. Ein dritter versah langweilige Betonwohnungen mit farbenfrohen indischen Türen. Glaubwürdig wirkt eine Montage, in der ein Teilnemer Hotelburgen vom Strand entfernt hat. Jeder Mittelmeerurlauber hat so eine Szene mehr als einmal herbeigesehnt.

So soll der Strand aussehen. Den Horror eines jeden Urlaubers, die nicht enden wollenden Hotelburgen, hat dieser Teilnehmer einfach weggestempelt.

Autos wurden in verschiedener Weise manipuliert, aufgetürmt, gealtert, gestreckt, gekürzt oder schlicht über die Klippe gejagt. Daneben spielten Tiere, Natur, Sport und Mode eine Rolle. Man montierte Kitesurfer in den Hamburger Hafen, skalierte eine Katze zu gigantischen Ausmaßen, tätowierte Barbiepuppen oder ließ den Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen unter einer Waldlandschaft verschwinden. Selbst Porträts blieben nicht verschont. Augen, Ohren und Nasen wurden subtil verändert und vertauscht, Brauen gepierct oder der Nachwuchs geklont.

Was auch als Illustration dienen kann, ist letztlich doch eine Fälschung, denn die hier aufgetürmten Autos lagen so nie am Hafen und haben im Zweifel auch nichts mit der Abwrackprämie zu tun.

Platzierungen gab es in den drei Kategorien Profi, Semi-Profi und Ausbildung zu vergeben. Dabei zählte die Qualität der Ausführung anhand von Kriterien wie Freistellung, Beleuchtung, Schärfezone, Lichtreflexion und Schattenwurf. Anhand von Licht und Perspektive ließen sich einige Einsendungen bereits nach kurzem Betrachten als Fälschung entlarven. Allerdings war technische Perfektion nicht allein ausschlaggebend. Mindestens ebenso wichtig war der Jury die zündende Bildidee, deren Plausibilität und die Art und Weise, wie sie verkauft wurde. Über die Vergabe des jeweils ersten Platzes waren sich die Juroren in allen drei Kategorien mehr oder weniger einig. Über die Plätze zwei bis sechs entbrannten Diskussionen. Bei der anschließenden Abstimmung lagen mehr als einmal zwei Bilder gleichauf.

Im Frühling 2010 stellt das Museum für Kommunikation in Frankfurt die bestplatzierten Werke aus. Das Ergebnis der Online-Abstimmung wird dort gleichberechtigt neben dem Jury-Verdikt als Publikumspreis präsentiert.

www.ctmagazin.de/0921052 (akr)