Computex

Fazit der zweitgrößten IT-Messe der Welt

Alle sind glücklich und zufrieden: Die Aussteller, die Besucher und natürlich auch die Messeorganisatoren - diesen Eindruck vermittelten zumindest die Computex-Veranstalter auf der Abschluss-Pressekonferenz.

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Von
  • Georg Schnurer

Es gehört inzwischen zum festen Ritual einer jeden größeren Messe: Die Veranstalter feiern das gerade zu Ende gegangene Event als großen Erfolg – egal, ob sich dieser "Erfolg" auch mit harten Fakten belegen lässt oder nicht. So wunder es kaum, dass auch die Computex-Organisatoren Taitra und TCA die Computex 2009 als großartigen Erfolg verkaufen. Es gab mehr Produktneuvorstellungen als je zuvor, jubelte etwa Walter Yeh, Executive VP der Taitra. Und auch Li Chang, Deputy Secretary General der TCA, stößt ins gleiche Horn. Man habe auf den extra eingerichteten sogenannten "Match Making Meetings" einen Umsatz von über 700 Millionen US-Dollar generiert. Vor allem Firmen aus den "Emerging Markets", also aus der Türkei, Russland, Argentinien, Indien und natürlich Festland-China hätten wesentlich zu den guten Geschäftsabschlüssen beigetragen. Doch auch Firmen aus Japan, Kanada, Italien und Deutschland hätten bei den insgesamt 256 Face-to-Face-Meetings gute Geschäfte gemacht, beteuerte Li Chang. Namentlich nannte er hier Siemens und Alcatel-Lucent. Nun, warten wir ab, ob diese Geschäfte positiven Einfluss auf die darbende deutsche Wirtschaft haben.

Das war toll! Zum Auftakt der Computex-Abschluss-Pressekonferenz gab es erst mal ein Einstimmungs-Video. So großartig war die Messe, lautete die Botschaft.

Die meisten Fachbesucher – oder "Buyer", wie sie auf der Computex traditionell genannt werden – zeigten vor allem Interesse an Notebooks, Netbooks, Flachbildschirmen, GPS und Kassensystemen. Ups? Kassensysteme? Wirklich Neues entdeckten wir nun gerade in diesem Segment nicht. Schuld daran könnten natürlich die immer noch sehr stark aufs OEM-Geschäft ausgerichteten taiwanischen Unternehmen sein. Viele Produkte, die in Europa unter klingendem Namen verkauft werden, fertigen weitgehend unbekannte Herstellern aus Taiwan und China. Doch das soll sich nun langsam ändern, verkündete Walter Yeh. "Branding" sei ein wichtiger Erfolgsfaktor für die taiwanische Wirtschaft. Das eigene Logo, die eigene Marke auch im Markt zu zeigen und zu etablieren ist nun einmal unvermeidlich, wenn man langfristig gegen die wachsende Konkurrenz aus China bestehen will.

Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg seien "Design" und "Innovation", betonte der Taitra-Mann und spielte damit wohl auf den im Rahmen der Computex nun bereits zum zweiten Mal abgehaltenen "Design & Innovation Award" an. Wir können Mr. Yeh hier nur beipflichten: Gutes Design und innovative Produkte, das sind der Schlüssel zum Erfolg. Doch wenn man sich unter den ausgezeichneten Produkten dieser Computex umsieht, scheinen viele Unternehmen noch einen langen Weg vor sich zu haben.

Im Spiegelbild der Messe: Die mit dem "Design & Innovation Award 2009" ausgezeichneten Produkte in der Nangang-Halle.

Doch zurück zur Computex-Bilanz: Die harten Zahlen der Messe können sich durchaus sehen lassen, besonders, wenn man diese mit den eher trostlosen Meldungen von anderen Messeveranstaltern vergleicht. 1712 Aussteller präsentierten ihre Produkte auf über 40.000 m². Freilich verteilten sich die Messestände auf ein zweigeteiltes Messegelände, was die Besucher angesichts der weit auseinander liegenden Standorte entweder zu "Reisenden" machte, oder sie vor Messebeginn zu sorgfältiger Besuchsplanung zwang.

Letzteres, so war zumindest unser Eindruck, fiel dieses Jahr deutlich leichter als in der Vergangenheit: Die meisten Aussteller hatten immer Zeit für einen ausgiebigen Plausch. Die extreme Hektik war einer entspannteren Atmosphäre gewichen. So schön das für den Besucher ist, die meisten Aussteller waren mit dieser neuen Erfahrung weniger glücklich. Weniger Besucher, das heißt zwar einerseits mehr Zeit für intensive Gespräche, andererseits bedeutet ein verminderter Andrang natürlich auch weniger Chancen für neue Geschäfte. So waren denn auch einige Hersteller sichtlich deprimiert.

Das zugegebenermaßen subjektive Gefühl leererer Hallen deckt sich freilich nicht mit den offiziell verkündeten Besucherzahlen: Laut Veranstalter sollen 2009 insgesamt 32.178 ausländische Fachbesucher den Weg auf die Computex gefunden haben. Das wären knapp ein Prozent mehr als noch im Vorjahr. Die größten Zuwächse gab es bei den Einkäufern aus Festlandchina (+34%) und Indien (+18%). Auch die Anzahl der lokalen Besucher soll um gut fünf Prozent zugelegt haben. Wie bei allen Zahlen, die von Messeveranstaltern ausgegeben werden, ist hier sicher ein gesundes Maß an Skepsis angebracht. So wurden unsere Eintrittsausweise beispielsweise bei jedem Betreten von einer der vier Ausstellungshallen von eifrigen Türstehern gescannt. An einem typischen Messetag taucht die eigene ID so gern 10 bis 12 Mal im Besucher-Log auf. Ob man sich hier später bei der Auswertung wirklich die Mühe macht, Doppelbuchungen herauszurechnen? Diese Frage stellt sich freilich nicht nur bei der Computex, auch andere Messen verwenden ähnliche Zählsysteme und nähere Angaben zur genauen Ermittlung der Besucherzahlen rückt kein Veranstalter heraus.

Doch genug der Zahlen – eine Messebilanz besteht schließlich nicht nur aus nackten Fakten. Klar ist: Die Computex ist seit Jahren ein wichtiger und auch in Krisenzeiten stabiler Faktor im weltweiten IT-Markt. Gerade 2009 konnte die Messe in Taiwan eindrucksvoll zeigen, wie man trotz widriger äußerer Umstände – Weltwirtschaftskrise, Schweinegrippe – ein durchweg gelungenes IT-Event auf die Beine stellt. Die Veranstalter haben es geschafft, der IT-Branche einen kleinen Schubs hin zu mehr Optimismus zu geben. Guter Service für Besucher und Aussteller sowie eine klare Ausrichtung als B2B-Messe sind hier die wesentlichen Komponenten des Erfolgs.

Jetzt in "strategischer Allianz": Die Berliner IFA und die Computex.

Ein weiterer, für die Computex eher neuer Erfolgsfaktor ist die Offenheit. Gab man sich in der Vergangenheit noch eher zugeknöpft, öffnet sich die Messe nun immer weiter. Am deutlichsten ist das natürlich im Umgang mit dem großen und durchaus gefährlichen Nachbarn China zu beobachten: Schloss man chinesische Unternehmen in der Vergangenheit noch von der Computex aus, so heißt man diese inzwischen mit offenen Armen willkommen. Ein eigener Pavillon, organisierte Rundgänge auf der Messe und viele weitere Aktivitäten im Hintergrund laden den großen Bruder von jenseits der Taiwan- beziehungsweise Formosa-Straße zu Geschäften mit der aus chinesischer Sicht "abtrünnigen Provinz" ein.

Doch nicht nur in Asien sucht die Computex nach neuen Geschäftspartnern. Auch in Europa schmiedet man strategische Allianzen. So verbündete man sich mit der in Berlin inzwischen jährlich stattfindenden IFA. Erstes sichtbares Ergebnis dieser Cooperation war ein kleiner IFA-Stand auf der Computex. Auf der IFA soll es dann im Gegenzug einen 5000 m² großen Taiwan-Pavillion geben. Dort werden vor allem solche Unternehmen aus dem kleinen China ausstellen, die bereits den Schritt zur eigenen Consumer-Marke geschafft haben.

Doch bevor der Blick vollends auf die Zukunft gerichtet wird, noch einige kurze Impressionen von der Computex 2009. Eines unterscheidet diese Messe in Taiwan von ähnlichen Ausstellungen in Europa auf den ersten Blick: Der uralten Erkenntnis "Sex sells" wird hier weit intensiver gehuldigt, als im ernsten Europa und dem prüden Amerika. Egal, um welches Produkt es auch geht, "Showgirls" sollen die vornehmlich männlichen Besucher an die Stände locken. Ob sich die Investition für die Standbetreiber lohnt, ist nur schwer abzuschätzen. Ein "Hingucker" sind die zumeist attraktiven Damen auf jeden Fall.

Hingucker auf der Computex 2009 (14 Bilder)

Acer

Acer will 2009 vor allem Netbooks an den Mann bringen...

"Hingucker" gab es zum Glück aber auch bei den gezeigten Produkten. Netbooks – gern auch mal ohne x86-Innenleben –, Notebooks und natürlich die kommenden MIDs waren unbestritten der Renner der Computex 2009. Interessante Neuheiten präsentierten die Hersteller freilich auch bei den Netwerkspeichersystemen fürs Wohnzimmer und den brandheißen SSDs.

Noch mehr "Hingucker" (17 Bilder)

Supa

Vierbeiner entlaufen? Kein Problem, wenn des Menschen besster Freund mit diesem GPS-/GSM-Tracker bestückt ist.

Die übliche Portion "Buntes" durfte natürlich auch nicht fehlen. Wie wäre es etwa mit einem GPS-/GSM-Tracker für den Hund der Familie? Doch auch bei den etablierten Produktgruppen wie etwa den Mainboards gab es dank der Neuvorstellungen von Intel und AMD interessante Entwicklungen zu bewundern. Bahnbrechendes sucht man hier freilich vergeblich. Die Hersteller folgen allesamt den von den CPU- und Chipsatzherstellern vorgegebenen Pfaden und nur selten sieht man mal etwas vom Standard Abweichendes wie etwa die von Gigabyte bei den neuen P55-Boards vorgesehenen SATA-3-Ports. Über diese neue, schnellere Massenspeicher-Schnittstelle sollen vor allem kommende rasend schnelle SSDs angebunden werden. Diverse neue Barebones und Wohnzimmer-PCs bewarben sich um die Gunst der Käufer. Die Palette reichte hier von kleinen, lüfterlosen Designs mit VIAs Nano-Plattform, über ATOM-basierende Designs mit Intel-Chipsatz bis zu Lösungen mit dem ION-Chipsatz von Nvidia.

2010 wird gefeiert: Die Computex findet zum 30. Mal in Taipei statt.

Im Jubiläumsjahr 2010, so versprechen die Computex-Veranstalter, werde man ein regelrechtes Feuerwerk interessanter Initiativen abschießen, um die 30. IT-Ausstellung in Taipei gebührend zu feuern. Genauere Angaben wollte Walter Yeh hierzu freilich noch nicht machen. Auf jeden Fall werde man sich bemühen, noch mehr ausländische "Buyer" nach Taiwan zu locken. Zudem werde 2010 auch der Weg zwischen den verschiedenen Computex-Standorten schneller zu bewältigen sein. Die MRT, Taipeis Metro-System, werde dann mit zwei Linien bis direkt zur Nangang-Halle reichen. Das sorgt zwar noch immer nicht für eine direkte Verbindung zwischen den Veranstaltungsorten, da die Station am Wolkenkratzer 101 dann wohl noch nicht betriebsbereit sein dürfte, doch immerhin erspart die von Staus unbehelligte MRT den Besuchern in den Tagesrandlagen unnötig langes Sitzen in den bislang verwendeten Shuttlebussen. (gs)