Digitaler iPhone-Darwinismus

Mit einer neuen Software ist es möglich, potenzielle Geschlechtspartner noch beim ersten Treffen bequem mobil auszuforschen. Das ist nicht nur privatsphärentechnisch der absolute Horror, sondern killt auch jede Spontanität.

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Es kommt nicht selten vor, da freue ich mich ausgiebig, dass ich seit mehreren Jahren glücklich verheiratet bin. Ich wollte ehrlich gesagt einfach nicht mehr da draußen in der Dating-Welt sein müssen, wo sich junge bis mittelalte Menschen heutzutage über soziale Netze verabreden und dann ständig versuchen, alles über den Gegenüber herauszufinden, bevor es auch nur zum ersten Händeschütteln kommt. Wer keine vernünftige Online-Reputation aufbaut, so scheint es, wird künftig auch von der Vermehrung ausgeschlossen - digitaler Darwinismus, sozusagen.

Wer Facebook, MeinVZ und die zahlreichen Partnerschaftsplattformen schon hasst, dürfte bei Datecheck vollends den Koller kriegen. Die iPhone-Anwendung, die in der vergangenen Woche auf der DEMOfall in San Diego vorgestellt wurde, ist der Horrortrip für jeden Datenschützer. Die Idee: Wäre es nicht "fantastisch", wenn man gleich beim ersten Date alles wichtige über das Gegenüber erfahren könnte? Aktuell nur in den USA erhältlich, sammelt Datecheck nach Eingabe eines Namens, einer Handy-Nummer oder einer E-Mail-Adresse in wenigen Sekunden Infos aus offen zugänglichen Datenbanken und stellt sie dann übersichtlich dar.

Wie man – zumindest bis gestern, seitdem ist es gesperrt – diesem hübschen Video entnehmen konnte, betrifft das nicht nur so gewöhnliche Infos wie den Wohnort, sondern auch andere Details – etwa, ob das Date noch bei Mama und Papa wohnt, möglicherweise Kinder hat, wie viel sein Haus oder seine Wohnung gekostet hat, ob es auf einer Fahndungsliste steht und/oder Vorstrafen hat und allerlei mehr. Die freundliche Datecheck-Werbedame fragt in dem YouTube-Film, warum niemand vorher an eine solche Anwendung gedacht habe. Meine Meinung: Vermutlich hatte die Menschheit bis vor kurzem noch genug Schamgefühl.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Datecheck tut nach US-Recht nichts Illegales, denn die verwendeten Datenquellen sind alle frei zugänglich (in Deutschland gingen bestimmte Funktionen gar nicht). Das Beispiel zeigt nur, was passiert, wenn man all diese Schnipsel aggregiert und ein Menschen-Aussortier-Raster daraus macht. (Übrigens übernimmt Datecheck keinerlei Verantwortung für die Richtigkeit der Daten und bietet auch keine einfache Möglichkeit, sie zu ändern.)

Und selbst wenn ein potenzieller Geschlechtspartner bei den Datecheck-Standarddiensten als "Engel" durchkommt, kein "Faulpelz" oder "Abschaum" (dafür gibt es extra ein "Abschaum-O-Meter") ist - vielleicht reicht auch das nicht. Als kleines Extra hat die Software nämlich auch noch ein Astro-Kompatibilitätsmodul integriert, das gegebenenfalls vor problematischen Kombinationen warnt. (bsc)