Die Zukunft der persönlichen Mobilitätseinheit
Roboter-Einrad, Roboter-Bett, Elektrofahrräder - drei Begegnungen der letzten Wochen verdeutlichten mir einen wichtigen Trend: die Automatisierung der persönlichen Fortbewegung.
- Martin Kölling
Die vergangene Woche hatte für mich einen ganz besonderen Höhepunkt parat, der in der heutigen Zeit geradezu subversiv anmuten muss: Die WM der Fahrradkuriere in Tokio. Fast zwei Wochen flitzten rund 500 Zweiradboten aus aller Welt durch Japan. Die Weltmeisterschaft begann mit einem Pre-Event in Kyoto, gefolgt von einer 600 Kilometer langen Fahrradtour von Kyoto nach Tokyo und gipfelte vorige Woche in den verschiedenen Wettrennen. Besonders beeindruckte mich die Begeisterung, mit der – und ich wähle dieses Wort mit Bedacht – die Rikscha-Kulis der Moderne der Automatisierung der persönlichen Fortbewegung die Stirn bieten. Ich finde Rikscha deshalb passend, weil es auf chinesisch Ren-li-che, also wörtlich übersetzt Menschen-Kraft-Wagen, heißt. (Wobei mir auffällt, dass die Bezeichnung PKW (Personenkraftwagen) für ein motorgetriebenes Fahrzeug eigentlich reichlich irreführend ist.)
Ein Kurier nach dem anderen versicherte mir, dass ihr Job Suchtpotenzial bietet. Freude am Fahren einmal anders als durch den Tritt aufs Gaspedal definiert: Der Adrenalinausstoß im Geschwindigkeitsrausch verbindet sich mit dem Gefühl, körperlich etwas geleistet zu haben. Viele haben ihn als Notlösung begonnen und können sich trotz knallharter Arbeitsbedingungen nicht mehr von ihm lossagen. Der Schweizer Teilnehmer David Beerli, der eine Europameisterschaft der Fahrboten mitorganisiert hatte, hofft, nach dem Studium einen Job zu finden, der es ihm erlaubt, nebenbei auch noch als Fahrradbote zu arbeiten. Doch andere Begegnungen mit technischen Entwicklungen aus japanischen Entwicklerstuben weckten in mir die Sorge, dass die menschliche Fortbewegung aus eigener Kraft in Zukunft nur noch etwas für einige wenige hartgesottene Menschen ist.
Da ist zum einen der in Japan schon ganz real stattfindende Elektrofahrradboom. Mit den eBikes können die Menschen auch Brückenrampen und Geschwindigkeiten bis zu 25 km/h bewältigen, ohne außer Atem zu geraten oder in Schweiß auszubrechen. (Das wird als guter Trainingseffekt für etwas untrainierte Wohlstandsbürger verkauft, weil die Herzfrequenz niedrig gehalten und das Training damit im aeroben Bereich stattfindet, wodurch die Fettverbrennung erhöht werden soll.) Inzwischen hat das eBike seine bisherige Nische als uncooles Beförderungsmittel von Omas und Hausfrauen verlassen. Ich habe zu meinem Entsetzen sogar einen Fahrradkurier mit eBike gesehen.
Immerhin muss man bei den eBikes noch mittreten. Einen Schritt weiter ging Honda mit dem Roboter-Einrad U3-X. Das kann dank vom humanoiden Roboter Asimo entlehnter Gleichgewichtstechnik selbsttätig einen bis zu 100 Kilogramm schweren Menschen ausbalancieren und bewegen. Der zweite Clou neben dem Balanceakt ist das omni-direktionale Rad, das in alle Richtungen, also sowohl nach vorn, hinten, zur Seite oder diagonal, rollen kann. Gesteuert wird das Gerät durch einfache Gewichtsverlagerung – und für die Kurvenfahrt zusätzlich eine sensible Fußspitze. Das funktioniert in der Praxis erstaunlicherweise auf Anhieb. Nur: Drohen solche Geräte die Menschheit nicht vom Zweibeiner in Sitzwesen zu verwandeln?
Mit dem Roboterbett von Panasonic muss ich sogar gar nicht mehr aufstehen. Das Ding kann sich von einem Bett in einen Rollstuhl "verwandeln". Nun, eigentlich verwandelt es sich nicht. Vielmehr handelt es sich um ein modulares Bett, aus dem ein Rollstuhl ausscheren kann. Die Matratze besteht aus mehreren Blöcken. In der Mitte ist eine Fläche ausgeschnitten, unter der der Rollstuhl steckt. Bei der Metamorphose des Betts in den Rollstuhl stellt sich das Rückteil auf, die Matratzenstücke neben der Sitzfläche klappen zu Seitenlehnen hoch, ein Matratzenteil am Fußende klappt nach unten weg und ermöglicht so dem Fußteil und damit dem gesamten Rollstuhlmodul seitlich aus dem Bettgestell herauszufahren und loszurollen. Das Ding ist natürlich dafür gedacht, die Mobilität von Bettlägerigen zu erhöhen. Aber auch Aufstehfaule könnten es natürlich verwenden.
Die neuen Techniken sind natürlich für Gehbehinderte toll. Da ich allerdings der Theorie anhänge, dass die große Mehrheit der Menschen grundsätzlich Anstrengung minimieren will, befürchte ich ein Einsickern dieser Techniken in den Alltag. Meine persönliche Trotzreaktion: Ich schwinge mich so oft es geht auf meine persönliche Mobilitätseinheit und radle durch Tokio. Die weiteste Strecke zu einem Interview betrug bisher rund 14 Kilometer. Mit 45 Minuten Fahrtzeit war ich etwa genau so schnell wie mit der U-Bahn (inklusive Fußwegen) – ohne jegliche elektrische Fahrhilfe und Robotertechnik. (wst)