Was war. Was wird.
Was immer man vom Sommerloch halten mag -- eigentlich existiert es gar nicht. Aber nicht nur Digi-Soaps und Schmierenkomödien füllen das nicht existente Loch auf, sondern auch Erinnerungen an nicht existente Feiertage, freut sich Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
**** Ich mag Sommerlöcher, auch wenn Nessie sich nicht in ihnen tummelt. Ellison mit Oracle gegen Peoplesoft mag ja interessant sein, doch was ist eine feindliche Übernahme gegen eine feindliche Unternehmung wie die vom Sportclub Operation? In einem Umfeld, in dem seit 1969 Code hin- und hergeschaufelt wird, dass die Pfeile sich nur so biegen und wenden müssen, zeugt es von Chuzpe, die eigene Zeitschleife für die einzig Richtige zu halten. Weiter so! Analysten voran! Verschwörungstheoretiker: Deckung geben! Alles wird gut und Linux ist pleite. Zu einem guten Sommerloch gehören auch die Ausrutscher im Schlamm: Den Vorfall als IBMs Vietnam zu bezeichnen und auf Microsofts Afghanistan zu hoffen, das geht nur in Amerika.
***
Mit etwas Verstand
ist das Newstickerforum
Quelle der Freude
Mit diesem kleinen, platten, auĂźerordentlich phantasielosen Haiku und ein paar Linus-gerechten Add-Ons sei der groĂźe Kobayashi Issa geehrt, der heute vor 240 Jahren erstmals die Erde erblickte. Auf 200.000 Haikus soll es Issa gebracht haben und zu groĂźer Kunst natĂĽrlich. Auf den ultimativen Heise-Haiku mĂĽssen wir noch warten. Drum, ehe aus dem Club der toten Dichter eine ganze tote Gesellschaft wird, die sich nur noch am "ewigen" Copyright aufgeilen kann, appelliere ich an die Poeten: schickt Haikus. Sommer-Haikus, DRM-Haikus, die Themen sind unbegrenzt.
Ich sah die Maus am
Computer, das arme Ding
Engelbart lachte
*** Bei den Geburtstagen darf natürlich der gestrige von Posterboy Che Guevara nicht fehlen, der von den Kapitalisten als Erfinder des Dreitagebartes verehrt wird. Anderswo bringt dieser typisch deutsche Revolutionär mit deutscher Freundin und deutschem Tagebuch es natürlich zur Büste. Noch ist bei den Revolutionsdevotionalien die Vielfalt klassischer Vorbilder nicht erreicht, doch Rom ist auch nicht an einem Tag von Gregory Peck umrundet worden. Jeder Schuss ein Kuss: Das Duell in der Sonne war der Lieblingsfilm eines Revolutionärs, der als WG-Poster enden musste.
*** Wer über Poster schreibt, darf die großflächigen Anzeigen nicht vergessen, mit denen T-Mobile derzeit die Zeitungen füllt. Ein kleines Häufchen Sand, auf Marmorstein unter einer Käseglocke: So liegt, beschützt und behütet, der letzte Rest der Service-Wüste Deutschland im Museum. Dass die Wüste schmilzt, während überall die Berge wachsen, verdanken die Herren des Magenta dem Ecco-Award für den weltbesten Geschäftskundenservice. Was schlechter Service ist, verkündet derzeit die Band, die mit "Anger" ihrem Ärger Luft macht: Metallica hat Mitleid mit den Menschen, die mit ihrer Musik gefoltert werden. Die Band hat Mut und verweist auf noch schrecklichere Musik.
*** Ob auch in den USA solch schreckliche Musik üblich ist, wenn der Vatertag begangen wird, wie hierzulande von den Bollerwagen ziehenden, Bier in sich hineinschüttenden, die Wälder unsicher machenden männlichen Exemplaren des Homo sapiens sapiens? Immerhin kann man mit einem Kater dann am Montag als Krone der Schöpfung leicht ein ernsthaftes Jubiläum ignorieren: Am 16. Juni vor 40 Jahren machte sich eine Frau auf einen Weg, den zu gehen sich die meisten Männer doch nicht trauen würden. Valentina Tereschkowa war die erste Frau im All, flog mit Wostok 6, gemeinsam mit Valery Bykowski, der mit Wostok 5 allerdings bereits am 14. Juni gestartet war, in drei Tagen 49 mal um die Erde. Die westlichen Männer meinten, sie habe sich "da oben" nicht mit Ruhm bekleckert und sei ohnmächtig geworden. Was die erste Frau im Weltall mit einem Lächeln quittiert haben soll.
*** Bleiben wir noch einen Moment in höheren Sphären -- oder zumindest bei dem, wie sich manche Leute diese vorstellten. Vor genau 80 Jahren erschien Hermann Oberths Buch "Die Rakete zu den Planetenräumen", das als Grundlagenwerk und Startpunkt der "westlichen" Raumfahrttechnik gilt. Der "östliche" Vater der Raumfahrt, Konstantin Ziolkowski, hatte ähnliche Ideen und Formeln schon zwanzig Jahre früher, im Jahr 1903 publiziert. Nur schrieb er, für einen Russen nicht ungewöhnlich, auf Russisch -- was die Rezeption in den westlichen Ländern nicht gerade förderte. Seine Texte wurden erst nach Oberths Buch in Westeuropa, England und den USA bekannt; die Verdienste heimste Oberth ein. Trotzdem waren die Sowjets dann die ersten mit einem Satelliten, mit einem Mann und dann auch mit einer Frau im All. Hat ihnen aber alles nichts genützt -- und dieses Mal nicht deswegen, weil sie vor allem Russisch sprachen und schrieben.
Was wird.
Nichts genützt haben anderen Leuten letztendlich auch weitere, als technische Einrichtungen nur unzureichend beschriebene Geräte der Sowjets: Panzer. Was wird, was ist nie gewesen, was durfte nicht sein, übermorgen vor 50 Jahren, als Arbeiter sich gegen eine zehnprozentige Normerhöhung wehrten, die dem Aufbau des Sozialismus beschleunigen sollte? Heute ist der 17. Juni kein besonderer Tag mehr, sondern Alltag, wie er es in der DDR war. Da gab es den 12. Juni, der "Tag des Lehrers" und den 18. Juni als "Tag der Genossenschaftsbauern und der Arbeiter in der sozialistischen Land- und Forstwirtschaft" und dazwischen halt Alltag. 1953 war eigentlich auch kein besonderes Jahr, als einziges Ereignis verzeichnete der weltsozialistische Kalender im Juni die Einführung der elektronischen Rechenmaschine Strela in die Volkswirtschaft der Sowjetunion. Inzwischen werden dank der früheren "Gauck"- und mittlerweile zwar korrekt so zu bezeichnenden, aber kaum so genannten "Birthler"-Behörde die Archive Ost und West fusioniert. Und siehe da, die Geheimdienst-Kommentare zum Aufstand sind hüben wie drüben gleich, wie es sonst nur Linux- und SCO-Codekommentare sein können. Beide Seiten vermuteten, dass Agenten von langer Hand geplante Streiche inszenierten. Der vielleicht einzige deutsche Aufstand der Arbeiter, der doppelt verarschten Kriegsheimkehrer ist Alltag, die Feier deutscher Großmannsucht ist Feiertag geworden, typisch. Nicht einmal zu einer neuen Flagge hat es gereicht. Die große deutsche Aussprache, die Brecht von beiden Deutschlands forderte, sie hat es nie gegeben. Stattdessen gibt es Talkshows wie die mit Friedmann. "Du, ich finde es unheimlich gut, dass du das gesagt hast." Gute Zeiten? Schlechte Zeiten! Also feiern wir statt des 17. lieber den 16. Juni? Ach, wieso denn: Als ob der Aufstand des 17. Juni eines Leopold Bloom nicht würdig gewesen wäre.
Weil Sommer ist, möchte ich das Augenmerk der geneigten Leser und Leserinnen auf zwei Camps lenken. Heraus in die Service-Wüste? Aber nicht doch. Es gibt ein komfortables Camp bei Berlin und eines in Bad Boll. Das letztere behandelt Linux auf dem Itanium, mithin die 1 Milliarde-Dollar-Forderung, die SCO an IBM gestellt hat. Bei einem Camp teilen sich die Rechner und ihre Dompteure die Zelte, beim anderen gehen die Menschen ins Hotel und lassen die Rechner draußen in der Nacht alleine.
Einsam müssen sich die Rufer in der Wüste fühlen, die immer noch von den Segnungen des kommenden Mobilfunknetzes schwärmen. UMTS als der Ring, der alles bändigt, hat ausgedient, Darum lädt die nicht gebeutelte Firma Nokia am Montag zu einem "Vision Update" ein, unter dem putzigen Titel: "Mobilität, was kommt danach?" Ja, was kommt denn da? Gibt es überhaupt ein Leben nach der Mobilität? Oder ist alles Wüste und Sommerloch zugleich? (Hal Faber) / (jk)