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Was war. Was wird.

Alles ist neu in der norddeutschen Tiefebene und Hal Faber frickelt an diesen verdammten Makros rum, auf dass doch endlich richtige Links dabei rauskommen mögen. Auf hohem Niveau gescheitert ist noch besser als die SPD.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.


Was war.

*** Überall ist Neuanfang, nur in der kleinen Wochenschau nicht. Denn am Rande der norddeutschen Tiefebene gibt es eine Großbaustelle in Hannover und nein, es ist nicht das Ihme-Zentrum, sondern der Heise-Verlag. Zum dritten Mal, seitdem das WWWW den mageren wochenendlichen Newsticker mit mäusespeckigen Inhalten aufflufft, wird das CMS gewechselt, ändern sich Link-Syntax, ID-Nummern und einiges mehr. Noch ehe ein klarer Gedanke geschrieben werden kann, muss ein ordentliches Makro her und der Editor umgebaut werden, und das an einem schönen Herbsttag, der den Mais in den Ebenen rascheln lässt. Ich bitte also um Nachsicht bei diesem Altanfang, wenn der eine oder andere Link nicht funzt. Sachdienliche Hinweise werden gerne entgegengenommen, doch GNU Bucks werden nicht gezahlt.

*** Mit meiner persönlichen Wahlprognose hat die letzte Wochenschau gar nicht mal so schlecht abgeschnitten: Wie erwartet, ist "Siggy Pop" Gabriel in die Pole Position geprescht und wird mit der ganzen Kompetenz eines Pop-Beauftragten an einer Rot-Grün-Roten Lichtorgel schrauben. Auch die zwei Prozent der Piratenpartei waren goldrichtig. Ob zur nächsten Wahl weitere zwei Prozent hinzukommen, kann freilich ebensowenig berechnet werden wie der Haushalt der Piratenpartei: "Nerds sind verliebt in technische Probleme, aber Zahlenwerke mögen sie nicht." Soso, wo ein Klischee ist, da kommt ein zweites um die Ecke und, haha, der Piratenschatz ist futsch.

*** Nicht vorhergesagt habe ich allerdings das Verhalten der implodierenden SPD, das jeder Nerd als "Epic Fail" bezeichnen wird. Beim Spurwechsel von Christoph Matschie in Thüringen muss man nachgerade froh sein, dass Matschie kein Skiläufer ist. Mal rechts, mal links blinken auf der Schussfahrt in die Bedeutungslosigkeit, da hätte Kuddl Schnööf, der große Theoretiker der Tiefebene fix geseggt, wer keene Klöten hefft. Nicht vorhergesagt habe ich schließlich den neuen gelben Provinzialismus, den die Vertreter der Wirtschaftspartei FDP an den Tag legen, wenn der designierte Outside Minister spricht: "Wir sind hier in Deutschland. In Deutschland ist es üblich, dass man Deutsch spricht." Bekommen Daimler, Siemens, Bosch oder SAP Steuererleichterungen, wenn sie die Kommunikation auf Englisch abschaffen? Nach dem Reinfall mit Muentefering dürfte die Presse ihren Spass mit dem Gezwitscher von Westerwave haben.

*** Warum eigentlich sollen Ärzte nicht etwas Fun bei der OP haben? So können sie die Zeit überbrücken, wenn die Leiche entsorgt und der Raum für den nächsten Kandidaten aufgehübscht wird. Etwa für die Patienten, die sich mitsamt der neuen Gesundheitskarte an scharf geschalteten Lesegeräten verletzt haben. Sie wird zusammen mit dem Gesundheitsfonds und den diversen Steuerschrauben eine wesentliche Rolle bei den Verhandlungen zur Pfeilgiftfroschkoalition spielen, schließlich ist die gestresste deutsche Ärzteschaft die Klientel der Liberalen schlechthin. Das bisschen Gezanke um die Sperrtechnik kann man ruhig den Gerichten überlassen, die die Verfassung schützen und Erfahrung mit solchen Brennstäben haben.

*** Die Sensation dieser Woche ist nicht die aussterbende Primatenart Steini, sondern die längst ausgestorbene Entwicklungsstufe Ardi, obwohl ich mir bei diesem Foto gar nicht mal so sicher bin, dass wir tatsächlich höher entwickelt sind als jene fernen Wesen. Immerhin legten sie schon Wert auf hübsche Wangenknochen, wie Günther Grass, äh, Gunther Sex.

*** Mit Ardi soll die Savannen-Theorie vom aufrechten Gang geschreddert werden, an die seit Theweleits "Männerphantasien" ohnehin wenige glauben: Nach diesem Buch trollten sich Männchen bei Angriffen fort, während Weibchen mit Kindern ins Wasser gingen und dort warteten, bis die hungrige Raubkatze keine Lust mehr hatte und verschwand. So fiel das Fell ab, kam der aufrechte Gang in die Welt und es entwickelten sich diese langen Frauenhaare zum Festhalten für die Kleinen. Kurz gesagt: im Zweifelsfall siegt der Katzencontent. Nach Ardi sind die Schimpansen übrigens eine Rückentwicklung weg vom aufrechten Gang. Sie kletterten auf Bäume und warten seitdem auf unendlich viele Schreibmaschinen, um endlich mit unendlich viel Zeit den "Hamlet" zu schreiben, ganz wie es ein beliebtes Theorem der Informatiker lehrt.

*** Unter deutschen Informatikern ist derzeit ein ganz informierender Streit ausgebrochen. Anlass ist ein Artikel zur Entwicklung dieser Disziplin (PDF-Datei), in dem beklagt wird, wie unpolitisch heute Informatik ist und ein früher hoch gehandeltes Thema wie "Informatik & Gesellschaft" (I&G) kein Thema mehr ist. Etliche empörte Antworte sind in Heft 3 der FIfF-Kommunikation erschienen, aber (noch) nicht online verfügbar. Daher ein längeres Zitat für alle aufrecht gehenden Affen und Piraten und Internetmanifestierern, die in den letzten Wochen laut waren:

"Angewendet auf aktuelle Fragen im Umfeld von I&G bedeutet dies, dass es durchaus Sinn macht, bspw. am Urheberrecht evolutionäre Änderungen vorzunehmen, um hier Recht und reale Verhältnisse wieder besser in Einklnag zu bringen und so allen Beteiligten gerecht zu werden - oder es zumindest zu versuchen. Doch es wäre aus einer evoluitionären Perspektive eben falsch, schlagartig Rechte an Immaterialgütern komplett aufzugeben - eine immer wieder, mehr oder minder lauthals geäußerte Forderung, auch im Umfeld von I&G. Es ist also sinnvoll, den Gedanken des 'fair use' von geistigem Eigentum weiter zu entwickeln, da auf diese Weise vielleicht ein Ausgleich zwischen Eigentumsrechtenund anderen gesellschaftlichen Interessen erreicht werden könnte. Es wäre hingegen falsch, radikale Lösungen zu suchen, da diese weitreichende und nicht zu kontrollierende Nebenfolgen hätten. Sowohl in Bezug auf die Gesamtgesellschaft als auch im Umfeld von I&G-Themen sind soziologische Großversuche schlicht irrational; man sollte Systemfragen besser auf solche wie Entscheidungen zwischen Linux, Mac OS und Microsoft Windows beschränken."

*** Das sind klare Worte. Bleiben wir hier in dieser kleinen Wochenschau bescheiden bei den Systemfragen, so empfiehlt sich ein Artikel aus dem Guardian, der Windows etwas eigenwillig lobt und gegen Apple verteidigt: "Windows is like the faint smell of piss in a subway: it's there, and there's nothing you can do about it." Gegen diesen Geruch kommt man nicht an, besonders hoffnungslos ist da das Herumstänkern der Einmarkennutzer. Das nenne ich einmal eine frische Herangehensweise an die Systemfrage. Dazu passt die Neuverfilumung eines berühmten Apple-Werbespots durch DVD-Jon, den man auf Youtube genießen kann: Am 6. Oktober werden wir die Wahl haben.

*** Noch aber ist TDDE09, den man mit Herrn Kruse von den Blogjournalisten feiern kann. Wie gut, dass es damals nicht dieses Twitter gab, da hätte der Botschaftszug leicht in einen Sonderzug nach Pankow enden können. So aber fiel die Mauer an jenem 9. November vor 20 Jahren, mit schönen Bildern bis ins ferne Amerika. Dort lief die Comdex in Las Vegas und ich schrieb über die Vorstellung von Lotus Notes durch Ray Ozzie, die Multimedia-Sensation Soundblaster von Creative Labs, die ersten CD-ROM-Laufwerke und die Demonstration von Excel für OS/2 durch Bill Gates. Auf den Tischen in den Casino-Hotels tanzten betrunkene Deutsche und viel wurde von kommenden Märkten im Osten geredet. Später kamen blühende Landschaften hinzu.

*** Während Deutschland ungeniert seine neue Herrlichkeit mit Riesen und die neue Regierung den DDR-Bürger als Held der kommenden Finanzkrisen ausruft, darf ein Blick auf die Kleinen nicht fehlen. Im Alter von 87 ist Marek Edelman gestorben, einer der Anführer des Aufstandes im Warschauer Ghetto. Sich nicht wie Lämmer abschlachten lassen, sondern das Geschick in die eigene Hand nehmen, auch wenn es das Leben kosten kann, das lehrt das Leben von Edelman.

Was wird.

In der nächsten Woche werden die Nobelpreise verliehen, eine erhabene Angelegenheit edler Gemüter. Die erneuten empörten Diskussionen im Vorfeld, ob ein gewisser jüdischer Straßenbarde und Bänkelsänger namens Bob Dylan überhaupt würdig ist, den Literaturpreis zu erhalten, sind ebensowenig neu wie die Tatsache, dass ein gewisser Philip Roth doch jetzt bitte mal an der Reihe ist. Seit 1994 kennt man die Argumente der Personen mit einem Literaturbegriff vom Schlage eines Melitta-Filters. Erstmals in der Geschichte der Preise und Anti-Preise dürfte in diesem Jahr der IGnobel-Preis die eindeutig bessere Auszeichnung sein, zumindest in der Kategorie der Wirtschaftswissenschaften, die ohnehin keinen echten Nobelpreis bekommt. Die Gewinner sind – das sollte man Herrn Westerwelle und der FDP vielleicht mal übersetzen: "The directors, executives, and auditors of four Icelandic banks – Kaupthing Bank, Landsbanki, Glitnir Bank, and Central Bank of Iceland – for demonstrating that tiny banks can be rapidly transformed into huge banks, and vice versa – and for demonstrating that similar things can be done to an entire national economy."

Zum guten Schluss sei auf eine öffentliche Podiumsdiskussion in Hamburg aufmerksam gemacht, mit der die Woche am Freitagabend endet. Sie trägt den hübschen Titel "Legenden der Überwachung – Wie Wissenschaft und Medien aneinander vorbeireden." Bei dieser Veranstaltung spielen wir Journalisten mal wieder die Rolle der Doofen. "Journalisten brauchen einfache Antworten – Wissenschaftler wollen nicht nur die Stichwortgeber für plakative Schlagzeilen sein. Auch beim Thema Überwachung wird dieses Problem besonders deutlich. Journalisten wollen Zahlen und knackige Thesen, ihre Kollegen aus der Universität wollen Erkenntnisse." So bleibt das große Rätsel zwischen Erkenntniss und Presse: Warum gibt es eigentlich keine knackigen Erkenntnisse? (vbr)