4W

Was war. Was wird.

Die sonntägliche Wochenschau ist für grün anlaufende wutkollernde Sektenmitglieder, Sinnsucher und Serienknuddler nur bedingt geeignet, freut sich Hal Faber und schmökert weiter in "Sabrina & Twister".

vorlesen Druckansicht 344 Kommentare lesen
Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hulk Faber den Blick für die Details schärfen. Die sonntägliche Wochenschau ist für grün anlaufende wutkollernde Sektenmitglieder, Sinnsucher und Serienknuddler nur bedingt geeignet.

Was war.

*** "Oh Darling, muss das wirklich sein?" Sabrina saß gedankenverloren vor ihrer Tastatur und starrte in das Nichts zwischen Bildschirm und dem strahlenschützendem Rosenquarz. "Was denn?" fragte ich ahnungslos, den Sherry nachfüllend. "Na, diese Sex-Faxen hier bei Heise." "Was denn, was denn, wieder etwas Neues zu Friedman, Naumann und den fahrhéltenische chôzef?" "Ach, du und deine beschnittenen Zwangsreflexe", lächelte Sabrina mit ihren Lächeln, das einen Aufwischlappen versteifen lässt, "nein, nein, guckst du hier und findest, was es alles braucht, um mit einer Frau zu schlafen, richtig krass das." Ich zuckte zusammen. Wollte sie wieder meine Kreditkarte, wollte sie wieder deutsche Lustobjekte sammeln? Aber nein, die Meldung von der nahezu kostenlosen, zeitlich limitierten Sommerlektüre, die Microsoft gegen Abgabe von Passport-Daten offeriert, kann es nicht sein, zeigt sie doch den Altruismus, der in IT-Firmen so häufig vorkommt. Wie kaltschnäuzig mit dem großen Geld spekulierend kommen dagegen Sabrina & Twister einher, der frisch erschienene Schlüsselroman zu allen Heise-Foren. Nix ist mit kostenlos und Reader für lau und so, obendrein ist der Band auch noch teurer als der Schelmenroman vom dicken Don. Ja Darling, es muss sein.

*** Nein, das war keine bezahlte Werbung, kein Wurfgeschoss aus dem Klassenkampf des Bildungsbürgertums. Ich empfehle einfach gerne gute Bücher, zumal dann, wenn sie mit einem Dankeschön an angelwing, p h o s m o, B.Eckstein und all die anderen versehen sind, die dieses Forum bereichern und nicht auf der Trollwiese gefüttert werden. Gute Bücher jedenfalls sind das richtige Antidot für die medienverwahrloste Generation, die ohne elterliche Aufsicht mit den Nachtschattengewächsen des Internet groß wird. Diese Generation folgt der längst verabschiedeten Generation x und der ebenfalls eingemotteten Generation Golf, diese Generation ist digital, weil sie sich besonders intensiv mit der Digitalisierung des täglichen Lebens befasst und nutzwertige Informationen verlangt wie andere ihren Stoff. Und das Beste ist doch, dass diese Generation kontinuierlich nachwächst, nachreift an den nutzwertigen Inhalten des Internet, die von AOL und Pampers geliefert werden. "Der Pampers-Content ergänzt den AOL Women-Channel um spannende und nützliche Inhalte." Selten ist das Netz besser auf den Punkt gebracht worden. So wächst sie heran, die Generation Digital und geht dann vielleicht in die große Politik und tut sich im I-Gaffernment engagieren. Umgekehrt macht manchmal die große Politik nicht mit, was die Generation Digital dann als Peinlichkeit erfahren muss, was zuvorderst eine Parteilichkeit ist: In unserem Land wird aus jeder Reform ein Reförmchen und dann räumt man die Spielsachen der Kleinen weg. Ohne Tabu gesehen ist die Generation Pampers an der Regierung.

*** Es gibt Regierungen, die Probleme mit der Kritik haben, besonders dann, wenn die Beweise fehlen oder gründlich revidiert wurden. Manchmal gibt es einfach Kommunikationsprobleme mit all den Sprachen und Instanzen. Dieses legt auch der Fall Berlusconi nahe, wo immer noch nicht restlos geklärt ist, ob der amtierende EU-Ratsvorsitzende den fragenden EU-Parlamantarier Schulz als Capo oder Lagerkommandant in einem Film sehen wollte oder als KaPo, mithin als Kameradschaftspolizist, als denunzierender Scherge von der härtesten Sorte. Ebenfalls offen ist die Frage, wieso diese Anwandlung staatsmännischer Ironie als KZ-Witz geführt wird. Die jüdische Spezialität unter den bitterbösen Witzen einem Ermächtiger zuzuweisen, ist wohl zu viel der Ehre.

*** Mit der Wikipädie kann man Jubiläen feiern, aber auch trauern: Am letzten Sonntag starb Katherine Hepburn, der wir diesen ersten Computerfilm verdanken. ERMERAC sollte der Computer heißen, doch Hepburn feminisierte das Ding und nannte es Emmy. Emmy verschmauchte dann bei der Frage (von Spencer Tracy), ob die Watusis auf Korfu leben. Danke Katherine, für viele gute Filme, danke auch Emmy: Ohne sie hätten wir nicht die EMERAC-Metapher als Name für das Interface-Geklingel aus dem Hause Microsoft bekommen. Wobei, wenn Benutzerfreundlichkeit an erster Stelle in den Filmen steht, die gute alte Raumpatrouille unerreicht ist. Am Dienstag hatte der Rücksturz ins Kino Premiere. Das Bügeleisen der Mainstream-Filmgeschichte hat leider nicht vor dem Lauf der Dinge haltgemacht, den die roboterfixierte Firma Honda für die Werbung ihrer Knatterkisten ausschlachtete. Immerhin parodierte 118 118 die Travestie, wie sie es verdient. Derweil ist die weltweite Hatz nach Bildern angelaufen, die nicht in den Archiven von Corbis verschwinden sollen.

Was wird.

Heute vor 80 Jahren wurde die Sowjetunion offiziell gegründet. Zur Erinnerung an die Manifestation des Weltgeistes hat niemand mehr Zeit und Lust, die Aufmerksamkeit der Medien ist viel eher auf den angeblich geplanten Großangriff auf Webserver gerichtet. Vielleicht ist das Ganze aber auch ein Fake, ganz wie die freie Union der Republiken sich unter Stalin als mörderischer Irrtum entpuppte -- ein Irrtum, der auch seinem Schlächter Berija vor 50 Jahren das Leben kostete. Die Eule der Minerva fliegt nur über blutige Schlachtfelder.

Auch die meistenteils hellsichtige Computerbranche ist vor Irrtümern nicht geschützt. Das Sommertheater geht darum weiter, wenn sich Darl McBride von der SCO Group auf den Weg nach Japan macht, um die Unterhaltungselektroniker davon zu überzeugen, dass es ganz böse Folgen haben kann, Linux zu verwenden. Spannend wird es dann Mitte der Wochen, wenn SCO zu einer Konferenz einlädt, auf der erstmals der breite Zuspruch führender Industrieunternehmen für das mutige Verhalten der Firma aus Lindon dokumentiert werden soll. Auch wird der Zuspruch wie der Widerspruch gegen Opensource von dem Donner beeinflusst, den die SCO Group ausgelöst hat. Immerhin startet in dieser Woche der Linuxtag, der sinnigerweise eine Erklärung besitzt, warum sich SCO Deutschland nicht äußern wird. Ruhe in Karlruhe? Keine Juristen weit und breit? Nun ja.

Keine Musik? Kein leises Tönchen, obwohl doch der eigentliche amerikanische Nationalfeiertag der 5. Juli 1954 ist, an dem Elvis seinen ersten Song einspielte? "That's Allright, Mama", der Song, von dem Bob Dylan sagte, dass er der definitive Ausbruch aus dem amerikanischen Gefängnis war. Nun kreist Elvis mit seinem schwarzen Hubschrauber längst im Reich der Memes, nun ist Herbie Mann von uns gegangen, auch der Love Man Barry White ist nicht mehr da und die Rockmusik trägt Trauer. All dies und selbst ein Hartmut Engler können mich nicht davon abhalten, noch einmal unbezahlte Werbung zu treiben und auf das Memorialkonzert für Wolle Kriwanek hinzuweisen, dessen Tod zu Ostern hier im Form betrauert wurde. Irgendwo in einem kleinen Cafe über den Wolken am Rande der Welt singen sie alle "I fahr Daimler." (Hal Faber) / (jk)