Mangel an Fortbildung: Warum die Kulturlosen keine Chance haben
In der Softwarebranche mangelt es an Fortbildungskultur. Was viele meinen, locker aussitzen zu können, ist eine Zeitbombe fuÌr Firmen, kommentiert Rainer Grimm.
(Bild: Sashkin/Shutterstock.com)
Es ist eine Katastrophe mit Ansage: In der Softwarebranche herrscht ein erheblicher Mangel an Fortbildungskultur. Als wÀre das nicht schlimm genug, kommt noch hinzu, dass die Nachfrage nach qualitativ hochwertiger Software und die KomplexitÀt der Software in naher Zukunft drastisch steigen wird. Die Probleme sind buchstÀblich vorprogrammiert.
Der signifikante Mangel an Fortbildungskultur, der im folgenden in vier Punkten beschrieben wird, bezieht sich in diesem Text alleine auf die Softwareindustrie. Er lÀsst sich aber leicht auf die gesamte Industrie verallgemeinern, da Software immer mehr zum Wertetreiber unserer Wirtschaft wird. Und er betrifft sowohl den Arbeitgeber als auch den Arbeitnehmer:
Lernen ist kein integraler Bestandteil des Arbeitsalltags
Lernen muss ein fester Bestandteil der tÀglichen Routine sein. Die Softwarebranche ist sehr komplex und dynamisch. Daher muss die Frage immer wieder aufs Neue beantwortet werden: Verwende ich die richtige Technik? Sich diese Fragen zu stellen, erfordert eine offene Kultur.
Diese Fortbildungskultur ist dadurch gekennzeichnet, dass sie Fortbildung begrĂŒĂt und unterstĂŒtzt. Sie betrachtet Weiterbildung nicht als Kostenfaktor, sondern als eine Investition in die eigene und die Zukunft des Unternehmens. Die Verantwortung liegt auf zwei Schultern: die des Arbeitgebers und des Arbeitnehmers.
ZunĂ€chst einmal muss der Arbeitgeber die Ausbildung und die Fortbildungskultur als ein wertvolles Gut betrachten. Die BeschĂ€ftigten sind das wichtigste Kapital des Arbeitgebers und ein Garant seines anhaltenden GeschĂ€ftserfolgs. Es gibt viele Möglichkeiten, wie ein Arbeitgeber seine Mitarbeiter unterstĂŒtzen kann. Dazu zĂ€hlen:
- Frei zugĂ€ngliche Lernmaterialien wie BĂŒcher, Zeitschriften oder Abonnements von Lernplattformen
- Ausbildungsprogramme wie Mentoring, Schulungen oder regelmĂ€Ăig stattfindende interne Fortbildungsrunden
- Teilnahme an Konferenzen und Messen
- VortrĂ€ge innerhalb und auĂerhalb der Firma auf Konferenzen
Aber auch der Arbeitnehmer ist in der Verantwortung. ZunĂ€chst muss er gegebenenfalls seinen Arbeitgeber davon ĂŒberzeugen, dass der Aufbau einer Fortbildungskultur in seinem Unternehmen eine Investition mit einer sehr hohen Dividende ist. Diese Ăberzeugung ist notwendig, weil Menschen, die nicht mit Software zu tun haben, die systemische Herausforderung von Software oft nicht richtig einschĂ€tzen können. DarĂŒber hinaus kennt er die Kultur und die Herausforderungen des Unternehmens perfekt.
Wenn sich keine Fortbildungskultur in dem Unternehmen etabliert, wird dies sehr negative Konsequenzen haben. Mittelfristig werden die guten und herausragenden Softwareentwickler das Unternehmen verlassen, weil sie ein Umfeld suchen, in dem sie sich verbessern können. Sie sind begierig, zu lernen. Nur die schlechten Programmierer bleiben, weil sie keinen neuen Arbeitgeber finden und sich ihre Motivation hauptsÀchlich auf einen sicheren Arbeitsplatz beschrÀnkt. Dieser Effekt wird dadurch noch verstÀrkt, dass hervorragende Softwareentwickler nur mit hervorragenden Softwareentwicklern zusammenarbeiten wollen.
Langfristig hat ein Unternehmen ohne Fortbildungskultur irgendwann nur noch schlechte Softwareentwickler. Diese können maximal noch Legacysoftware pflegen, aber keine neuen Produkte mehr auf den Markt bringen. Letztendlich kann das Produkt aber nicht mehr entscheidend verbessert werden, sodass Darwin auf lang oder kurz zuschlÀgt.
Es dauert in der Regel drei Jahre, bis eine fehlende Fortbildungskultur dazu fĂŒhrt, dass eine Firma nur noch schlechte Softwareentwicklern beschĂ€ftigt. Ich habe diesen Prozess leider schon mehrmals miterlebt.
Der Arbeitgeber unterstĂŒtzt nicht das Lernen
Arbeitgeber mĂŒssen das Lernen ihrer Mitarbeiter unterstĂŒtzen. Wenn nicht, setzt folgender fataler Automatismus ein:
Ein Softwareentwickler tut das, was er liebt, und ist begierig darauf, neue Techniken und Programmiersprachen zu lernen, um seine tĂ€glichen Herausforderungen zu meistern. Seine Herausforderungen sind sehr hoch. Diese betreffen zum Beispiel das Design der Software und deren Sicherheitsarchitektur, die sichere Kommunikation zwischen den Komponenten ĂŒber Computergrenzen oder Multithreading mit seiner immanenten KomplexitĂ€t. Das bedeutet, dass er gleichzeitig alte Software warten und verbessern und brandneue Produkte implementieren muss. Oft sind seine Projekte "bleeding edge" und erfordern sein volles Potenzial. Software ist seine Leidenschaft.
Seine Leidenschaft ist so groĂ, dass er einen groĂen Teil seiner Freizeit in seine Weiterbildung investieren muss. Alle zwei Jahre muss er seine Lösungsstrategien hinterfragen. Er muss die richtigen Techniken kennen und anwenden, um die beste und eleganteste Lösung zu finden. Diese Herausforderung wird aber zu groĂ, wenn sein Arbeitgeber ihn nicht unterstĂŒtzt und das Lernen nur auf seinen Schultern lastet.
Wenn der Softwareentwickler nicht mit dem aktuellen Stand der Programmierkunst mithalten kann, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Er investiert mehr Zeit und MĂŒhe in seiner Freizeit, um die immer gröĂer werdenden WissenslĂŒcken zu fĂŒllen. Oder er sucht sich einen neuen Arbeitgeber, der seine Leidenschaft unterstĂŒtzt und Zeit und Geld in seine Weiterbildung investiert.
Motivierte und gute Programmierer haben am Markt viele Möglichkeiten. Und sie nĂŒtzen Unternehmen, die Zeit und Geld in das Lernen investieren, immens: Nach ein paar Jahren ist er nicht mehr ein guter, sondern ein exzellenter Softwareentwickler. Jetzt fĂ€hrt das neue Unternehmen den Ertrag ein: Exzellente Programmierer geben ihr Wissen als Mentor weiter, sie sorgen fĂŒr einen guten Ruf des Unternehmens und werden zu einem Magneten fĂŒr auĂergewöhnliche Programmierer.
Arbeitnehmer werden aufgrund ihrer FĂ€higkeiten und nicht ihrer Motivation eingestellt
Ein Arbeitgeber sollte seine Einstellungen aufgrund der Motivation seiner zukĂŒnftigen Arbeitnehmer treffen. Ansonsten droht ein fataler Automatismus.
Meine Erfahrung ist: Die Bereitschaft der BeschÀftigten, neue Techniken zu lernen und sich zu verbessern, hÀngt oft nicht von ihrem Ausbildungsstand ab. Oft sind es genau die Experten, die die falsche Einstellung besitzen und den Lebensabschnitt "Lernen" abgeschlossen haben. Das bedeutet, viel Geld ist in die falschen Leute und Ziele investiert worden.
Oft sind Experten stolz auf ihren Expertenstatus. Sie wollen sich nicht wie Lehrlinge fĂŒhlen. Und sie halten sich bereits fĂŒr die Besten. Das Ziel eines Unternehmens muss deshalb sein, nicht die Besten einzustellen, sondern ein Umfeld schaffen, in dem die Mitarbeiter die Besten werden können. Einige Unternehmen haben diese verĂ€nderte Denkweise bereits angenommen. Sie suchen nicht nach den besten Softwareexperten â die es eh nicht mehr gibt â, sondern nach engagierten Mitarbeitern und etablieren ein Fortbildungsprogramm.
Fachwissen in der Softwarebranche hat eine Halbwertzeit von zwei Jahren. Unternehmen sollten deshalb mit Zeit und Geld ein Umfeld schaffen, in dem Fortbildung ein fester Bestandteil der Arbeitszeit der Mitarbeiter ist. Dieses "Training on the Job" ist weitaus wirkungsvoller und nachhaltiger, als nur die Besten fĂŒr viel Geld zu suchen und einzustellen.
Wir haben das Lernen verlernt
Lernen ist wie ein Sport. Zuerst mĂŒssen die Grundlagen erlernt werden. Dazu gehören Techniken und persönliche Strategien, wie man lernt. Dann mĂŒssen Ăbungen tĂ€glich angewandt werden, um die LernfĂ€higkeit aufrechterhalten. Auch wenn der erste Teil der Lernreise in Schule, UniversitĂ€t und als Neueinsteiger im Job gut gemeistert wurde, beginnt als BerufstĂ€tiger die zweite Phase der Lernreise. Sie erfordert tĂ€gliches Ăben.
Der Senior Professional denkt vielleicht, dass tÀgliches Lernen nicht mehr notwendig ist. Umso hÀrter trifft es ihn, wenn plötzlich grundlegend neue Herausforderungen auftauchen. Das kann eine neue ProgrammierdomÀne, eine neue Technik, eine andere Programmiersprache oder sogar ein neues Programmierparadigma sein. Jetzt ist es an der Zeit, wieder ganz von vorn anzufangen und zu lernen.
Durch die fehlende tĂ€gliche Praxis verlernen viele das Lernen. Zumindest ist es keine SelbstverstĂ€ndlichkeit mehr. Und ehe man sich versieht, kann es zu spĂ€t fĂŒr einen sein.
Welchen Wandel brauchen wir in unserer Softwareindustrie?
Ich wurde einst beauftragt, den Entwicklungsprozess eines Softwareteams zu verĂ€ndern. Ziel war ein Wechsel von kontrollbasierter FĂŒhrung, die auf abzuarbeitenden AuftrĂ€gen basierte, hin zu vertrauensbasierter FĂŒhrung. Naiv dachte ich, dass sich dadurch das volle Potenzial des Teams entfalten wĂŒrde. Ich lag falsch. Das Team hatte mindestens drei Jahre lang in einer kontrollbasierten Struktur gearbeitet. Sie lernten in den letzten Jahren nur noch, Befehle umzusetzen, die sie von ihren Vorgesetzten bekamen. Das Ergebnis war Stillstand. Die Mitglieder des Teams haben es verlernt, sich selbst zu organisieren. Diese Geschichte gilt fĂŒr das Lernen im Allgemeinen: Wenn die Ăbung fehlt, muss das Lernen neu gelernt werden.
TĂ€gliches Lernen muss ein fester Bestandteil der Arbeitskultur werden. Lernen ist ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Es ist der entscheidende Faktor unseres Erfolgs. Ob eine tĂ€gliche Lerndosis von einer Stunde oder ein wöchentlich Lerndosis von acht Stunden: Der goldene Mittelweg hĂ€ngt von der DomĂ€ne und dem Ausbildungsstand der Mitarbeiter ab. Wir mĂŒssen noch viel lernen.
(mki)