Warten am Automaten
Warum dauern im Nahverkehr Bezahlvorgänge für Einzelfahrscheine noch immer so schrecklich lang? Ein Pilotprojekt in Berlin will Abhilfe schaffen, greift dann aber doch zu kurz.
Da der Kollege Stieler ja bereits an dieser Stelle einige lehrreiche Erfahrungen mit der faszinierenden Modernisierung des Hannoverschen Nahverkehrs eindrücklich schilderte, möchte ich hier meine ähnlich unerfreulichen Erfahrungen aus der Hauptstadt beisteuern, in der es ungefähr genauso innovationskräftig zugeht.
So frage ich mich schon seit vielen Jahren, warum man als braver Fahrgeldzahler immer am Automaten warten muss, während der flotte Schwarzfahrer einfach einsteigt. Jeder Mensch, der nur gelegentlich den (sich aktuell nach der S-Bahn-Krise langsam wieder normalisierenden) Berliner Nahverkehr benutzt, ärgert sich seit Jahren über die lahmen Geräte. Will man dort beispielsweise verbilligte Vierer-Einzelkarten lösen, wartet man bei S-Bahn und BVG geschlagene drei, vier Minuten, bis alle Abschnitte (es sind deren vier, bei der BVG mit Zahlbeleg sogar fünf) endlich ausgedruckt sind.
Ist man besonders kühn, nutzt man die EC-Kartenzahlung, die nochmals rund zwei Minuten länger dauert – man hat ja Zeit. Währenddessen bilden sich insbesondere in Stoßzeiten so lange Schlangen hinter einem, dass man sich fragt, ob man lieber besser zur traditionell noch mit Menschen besetzten Fahrkartenausgabe gegangen wäre beziehungsweise künftig doch besser zur Monatskarte greift, die inzwischen der Leasingrate eines Kleinwagens entspricht.
Natürlich bastelt Berlin längst an neuartigen Zahlungssystemen – mit der einst sehr hippen Near Field Communication-Technologie (NFC). Ein seit etwa zwei Jahren laufendes Pilotprojekt, für das ich mich persönlich übrigens mal erfolglos anzumelden versuchte, probiert, kontaktlose Zahlvorgänge mit Kontoabbuchung zu ermöglichen. Leider sind die dabei verwendeten Geräte hilflos veraltet: Man benötigt nämlich spezielle NFC-Handys, von denen die Projektmacher hoffnungsfroh glauben, dass sie sich bald verbreiten: "Bis das Verfahren zur vollständigen Marktreife gelangt, verfügen neue Mobilfunkgeräte voraussichtlich standardmäßig über die entsprechende Technologie." Klaro, ich lasse mein iPhone zuhause oder schleppe gleich zwei Strahlenquellen mit...
Hinzu kommt das Datenschutzproblem, weil die Technik die durchfahrenen Funkzellen auswertet und damit zumindest potenziell hübsche Bewegungsprofile ermöglichen könnte, auch wenn das die Macher natürlich weit von sich weisen.
Dabei könnte doch alles so einfach sein. Statt auf NFC und andere kaum verbreitete Technologien zu setzen, gibt es z.B. Barcode-Techniken, die von Bahn bis Lufthansa weit verbreitet sind. Die funktionierten mit 99 Prozent aller Handys, man müsste nur Lesegeräte installieren. Und um die Datenschutzproblematik zu lösen, wären anonyme Wiederauflademechanismen denkbar, ohne dass man sich registrieren muss – im Prepaid-Modell.
Zeit wird es, dass da endlich was passiert – in anderen Städten der Welt geht's ja auch. Ich will jedenfalls nicht wissen, wie viel Lebenszeit die Menschen in der Spreemetropole bereits vor lahmen Fahrkartenautomaten vergeudet haben. Von den Millionen Papiertickets, die normalerweise nach zwei Stunden einfach weggeworfen werden, ganz zu schweigen.
(bsc)