Wellenreiten
Google Wave heißt der aktuell begehrteste neue Dienst im Internet. Der E-Mail- und IM-Ersatz dürfte die im Netz allgegenwärtige Neigung zum Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom weiter befördern.
Seit Tagen schon versuche ich nun schon wie ein Blöder, an eine Einladung für Googles neue Kommunikationsplattform Wave zu gelangen. "Haste ne Wave-Einladung?" ist zum geflügelten Wort in meiner On- und Offline-Umgebung aus IT-Schreibern und Computerprofis geworden. Fieserweise lässt der Internet-Riese die Accounts für die seit kurzem für eine breitere Öffentlichkeit zugängliche Vorabversion des Dienstes nämlich nur sehr, sehr langsam raus - selbst Medienmenschen werden kaum bedient, da sich Wave "nur" in einer erweiterten Testphase befinde.
"Die Kollegen sind deshalb sehr zurückhaltend mit Einladungen an Pressevertreter, da sie befürchten, dass alle über ein Produkt schreiben, dass noch lange nicht fertig ist", so Google-Pressesprecher Stefan Keuchel. (Daran hält sich allerdings fast niemand, was die mir fehlende Einladung zu einer halbschweren narzisstischen Kränkung macht *g*.)
Deshalb kann ich also nur all die Videos betrachten und mir von Freunden und Bekannten erzählen lassen, wie Wave so ist. "Das ist noch experimentell", schreibt mir einer, "vieles funktioniert nicht oder nur hakelig und es wird sich bis zum finalen Produkt noch einiges ändern. Da bin ich mir sicher". Aber natürlich sei das alles trotzdem schon spannend.
Was Wave ist, das ist nicht ganz einfach zu erklären: Eine Mischung aus E-Mail, Forum und Instant Messaging mitsamt einer offenen Plug-in-Architektur ist so ziemlich die einfachste Beschreibung, die mir einfällt. Faktisch läuft es darauf hinaus, dass man sich ein weiteres Postfach zulegt. Dort werden dann einzelne Kommunikationsstränge, eben Waves, gestartet und abgelegt. Innerhalb einer Wave kann jeder mitschreiben, der für sie eingeladen wurde - an jeder Stelle, wie in einem Wiki, aber auch ganz einfach mit einer Antwortfunktion ("Blip"). Damit man nicht noch mehr den Überblick verliert, als man das bei all den Editiermöglichkeiten sowieso schon tut, gibt es außerdem eine Zeitleiste, mit der die Entstehung der Wave vor- und zurückgespult wird.
Das Feature, das in den Wave-Demonstrationen am meisten beeindruckte, ist eine Form der Echtzeitkommunikation: Von jedem, der an einer Wave mittippt, erscheint jeder einzelne Buchstabe. (Ob das jedem gefällt, ist die Frage - dazu gibt es im Netz heftige Debatten.) Schön ist auch, dass man seine Waves nicht unbedingt bei Google lassen muss: Die Server-Software ist Open Source und soll so beispielsweise auch bei Firmen installiert werden können.
Trotzdem bleibt abzuwarten, was der Dienst außerhalb des Hypes wirklich bringt. Als echtes Kommunikationsmedium ist er mir, nach allem, was ich bislang gesehen habe, zu unübersichtlich - man muss in ein weiteres Postfach schauen. Für die Zusammenarbeit in Teams könnte Wave aber ganz neue Möglichkeiten aufzeigen. Die im Web allgegenwärtige Neigung zum Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom verstärkt der Dienst trotzdem.
(bsc)