"Schwarze Kunst"
Verlockende Märkte und verschlagene Investoren – ein Lied singen von Lust und Leid eines Innovators kann der Erfinder des Buchdruckss Johannes Gutenberg.
Verlockende Märkte und verschlagene Investoren – ein Lied singen von Lust und Leid eines Innovators kann der Erfinder des Buchdrucks Johannes Gutenberg.
TR: Meister Gutenberg, Gelehrte in Amerika – das ist ein neu entdeckter Kontinent im Westen – haben Sie zum Mann des Jahrtausends gewählt. Wie fühlt man sich als wichtigster Erfinder aller Zeiten?
Gutenberg: Mir wäre lieber, das erzbischöfliche Gericht hätte mich wenigstens für den wichtigsten Erfinder von Mainz gehalten.
Wieso?
Weil es mich gerade ruiniert hat. Mein Partner Johannes Fust, dieser Schuft, hat mir vorgeworfen, ich hätte Gelder unterschlagen – und die Richter haben ihm auch noch recht gegeben! Nun will Fust sein ganzes Geld wiederhaben, das er in unseren Druck der Bibel gesteckt hatte, samt Zins und Zinseszins. Die 180 Exemplare sind zwar alle verkauft, aber ich habe den Erlös schon wieder investiert. Kurz gesagt: Ich kann nicht zahlen.
Was bedeutet das jetzt fĂĽr Sie?
Tja, die gemeinsame Druckerei mit den sechs Pressen wird wohl an Fust gehen. Gott sei Dank habe ich noch meine eigene kleine Druckerei im Gutenberg-Hof. Obwohl: Eigentlich ist auch die einem Geldgeber verpfändet. Aber dort habe ich wenigstens das Sagen.
Ihre gedruckten Bibeln gingen ja weg wie geschnitten Brot. Planen Sie eine Neuauflage?
Erst mal nicht. Ich komme auch so ganz gut über die Runden. Ein paar Kalender, Ablassbriefe, Schulbücher und Grammatiken – die sind alle schön einfach zu setzen und verkaufen sich praktisch von selbst. So eine Fron wie die Bibel muss ich mir nicht wieder antun.
Wieso Fron?
Das war halt ein Riesenaufwand. Wir mussten mehr als hunderttausend Lettern gießen. Und dann das Papier: Wir brauchten hundertmal mehr als alle Ämter in Mainz in einem Jahr. Dazu kommen noch mehrere tausend Kalbshäute für die Pergament-Ausgaben. Allein für das Material kann man sich schon ein paar hübsche Häuser mitten in Mainz kaufen. Ich habe also ziemlich schlecht geschlafen in der Zeit. Und das alles, damit die feinen Herren Fust und Schöffer nun mit meiner Erfindung ungestört Geschäfte machen können.
Sie selbst sind ja auch nicht immer zimperlich mit Ihren Partnern und Gegnern umgesprungen. In Ihrer Straßburger Zeit haben Sie einmal sogar den durchreisenden Mainzer Stadtschreiber in den Schuldturm werfen lassen, weil die Stadt Mainz Ihnen angeblich Geld schuldete …
Auf einen groben Klotz gehört eben ein grober Keil. Und anschließend haben die Mainzer immer schön brav und pünktlich gezahlt ..
Überhaupt scheinen Sie in Straßburg ja eine wilde Zeit gehabt zu haben – Sie standen wegen eines gebrochenen Eheversprechens und Beleidigung vor Gericht; in Ihrem Keller hatten Sie 2000 Liter Wein gebunkert. Wie wurden Sie vom Lebemann zum Unternehmer?
Als Abkömmling einer angesehenen Patrizier-Familie wollte ich ein standesgemäßes Leben führen. Dazu brauchte ich Geld. Und jeder, der nicht Äpfel auf den Augen hatte, konnte sehen, dass der Buchdruck ein Riesengeschäft ist. Jede Universität, jede Kirche, jede Schule benötigt Bücher, und die Schreiber kommen nicht mehr hinterher. Seit nicht mehr nur Mönche, sondern auch Krethi und Plethi gegen Geld Bücher kopieren, ist die Qualität von Handschriften immer lausiger geworden.
Drucke gab es doch schon früher. Was haben Sie anders gemacht als Ihre Vorgänger?
Damals wurden noch ganze Seiten in Holzblöcke geschnitzt und auf Papier durchgerieben. Das dauerte lange und kam für hohe Auflagen nicht infrage. Mir war klar: Nur mit beweglichen Lettern lassen sich schnell genug ganze Bücher setzen und drucken. Ich habe also einen Apparat entwickelt, mit dem sich einzelne Lettern gießen lassen. Das ist das Herz des ganzen Verfahrens. Der Rest war Tüftelei: Was ist die richtige Legierung für die Lettern? Was das beste Rezept für die Druckerschwärze? Und wie baue ich eine Presse so, dass ich die Blätter schnell und dennoch präzise einlegen kann?
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(bs)