Die Woche: Hosen runter!

Oracle, MySQL und der Datenbankmarkt: Die EU-Kommission prüft, von vielen Seiten kommen gute Ratschläge - nur Oracle schweigt zur Zukunft von MySQL.

vorlesen Druckansicht 16 Kommentare lesen
Lesezeit: 4 Min.

Seit die EU-Kommission eine vertiefte Prüfung wegen wettbewerbsrechtlicher Bedenken gegen die Übernahme von Sun durch Oracle ankündigt hat, kommen von allen Seiten Argumente, warum diese Übernahme gut oder schlecht für MySQL ist. Mittlerweile haben sich auch Ex-MySQLer zu Wort gemeldet.

Marten Mickos, bis zur Übernahme durch Sun CEO von MySQL AB, argumentierte vor zwei Wochen, dass es für Oracle geschäftlich Sinn mache, MySQL weiter zu pflegen. Und wenn nicht, so Mickos, würde schnell ein Fork entstehen, in dem die freie Datenbank weiterentwickelt wird.

MySQL-Gründer Monty Widenius hielt dagegen: Er sieht bei Oracle einen Interessenkonflikt zwischen der eigenen proprietären Datenbank und MySQL. Sein Vorschlag: MySQL sollte aus dem Oracle-Sun-Deal herausgenommen und einzeln verkauft werden. Ob er selbst mit seiner neuen Firma Monty Program AB als Käufer zur Verfügung steht, sagte er nicht; aber im Vorstand der von Monty Program initiierten Open Database Alliance, die sich die Förderung von Open-Source-Datenbanken auf die Fahnen geschrieben hat, sitzt mit Open Ocean ein Investor, der in "Start-ups mit disruptiver Technologie" investiert – und der wiederum von Widenius unterstützt wird.

In ein ähnliches Horn wie Widenius stoßen Richard Stallman und einige Mitstreiter: MySQL würde schon jetzt in vielen Marktsegmenten Druck auf Oracle ausüben, daher müsse man damit rechnen, dass Oracle die Weiterentwicklung von MySQL zugunsten der eigenen proprietären Datenbank einschränken würde. Ein Fork helfe dabei nur bedingt: Da das Copyright der Datenbank bei Oracle verbleibt, sei das Dual-Licensing-Modell von MySQL in einem Fork nicht mehr umzusetzen – nur der Besitzer der Rechte an dem Code kann kommerzielle Lizenzen vergeben.

Nun kann man trefflich darüber streiten, ob Oracle und MySQL miteinander konkurrieren oder nicht – zunächst einmal zielen die beiden Datenbanken auf sehr unterschiedliche Märkte, wie sowohl Mickos als auch Oracle-Chef Ellison betonen. Was freilich nichts daran ändert, dass Oracle-Kunden MySQL durchaus als Druckmittel in Lizenzverhandlungen benutzen können: "Wir könnten ja auch MySQL nehmen ..." – und das um so eher, je leistungsfähiger die freie Datenbank ist. Sun hat bereits erste Anstrengungen unternommen, die Weichen der MySQL-Weiterentwicklung in Richtung Unternehmensdatenbank (und damit auch weg von der handlichen, schnellen Datenbank fürs Web) zu stellen.

Stallmans Argument der fehlenden kommerziellen Lizenzen bei einem Fork wiederum ist zwar richtig, aber nicht wirklich überzeugend: Mickos weist zu Recht darauf hin, dass die Bedeutung von MySQL nicht in einigen tausend kommerziellen Lizenznehmern, sondern in den Millionen von Anwendern liegt, die die freie GPL-Version einsetzen. Und die können auch mit einem Fork glücklich werden – vorausgesetzt, es gibt nur einen Fork, den eine organisierte Community mit dem nötigen Know-how pflegt, und nicht ein halbes Dutzend inkompatibler MySQL-Varianten, die sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln.

Ein Argument bleibt allerdings, auf das die Übernahmekritiker hinweisen und das nur Oracle selbst entkräften kann: die Schweigsamkeit des Unternehmens, was die Zukunft von MySQL angeht. Zu vielen Bereichen des Sun-Geschäfts hat Oracle bereits klare Aussagen getroffen: Das Hardwaregeschäft wird ausgebaut, das Solaris-Team soll wachsen, verkündete Oracle in Zeitungsanzeigen – und hat mittlerweile schon erste neue Produkte gezeigt. Auch zur Zukunft von Java gibt es eine klare (wenn auch weniger konkrete) Ansage: Java soll bei Oracle eine strategische Rolle zukommen.

Nur zu MySQL, rechnerisch immerhin eine der 7,4 Milliarden US-Dollar, die Oracle für Sun zahlt, gibt es lediglich Andeutungen von Ellison, man wolle die Investitionen in die freie Datenbank erhöhen, wie Oracle es auch bei Sleepycat und Innobase getan habe. Was fehlt, sind klare Worte zur Positionierung von MySQL im Oracle-Portfolio; verbindliche Aussagen, in welche Richtung die Weiterentwicklung der Datenbank gehen soll; und zumindest ein paar Hinweise, wie Oracle mit MySQL Geld verdienen will. Kein Wunder, dass sich viele Anwender um die Zukunft der freien Datenbank sorgen. (odi) (odi)