Die beste Art, Management und Schwimmen und zu lernen

Schwimmen lernt man am besten im Wasser, glauben viele. Das ist aber falsch, wie Experten wissen. Auch Management lernt man nicht am besten "by doing“. Aber eben auch nicht im Klassenzimmer.

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Von
  • Damian Sicking

Lieber EMC-Manager Thomas Laube,

der Chef eines Systemhauses sagte mir einmal, dass sein Unternehmen sehr ambitionierte Wachstumsziele habe, und einer der kritischen Faktoren für die Realisierung dieser Ziele sei das Personal. Und zwar nicht nur in quantitativer Hinsicht – "Wo bekomme ich die erforderlichen zusätzlichen Mitarbeiter her?" –, sondern auch in qualitativer Hinsicht. Denn eine Firma kann sich nur entwickeln, wenn sich die Mitarbeiter mitentwickeln. Damit stellt sich die Frage nach der Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter, vor allem auch des Managements. Die Anbieter von sogenannten MBA-Ausbildungsprogrammen ("Master of Business Administration") versprechen, exakt auf diese Anforderungen zugeschnittene Qualifizierungsprogramme zu bieten.

Doch es gibt inzwischen eine ganze Reihe von MBA-Kritikern. Einer von ihnen, der kanadische Wirtschaftsprofessor Henry Mintzberg (Autor des Buches "Managers not MBAs"; die deutsche, im Jahr 2005 erschienene Ausgabe "Manager statt MBAs" ist vergriffen), hat jetzt in der Handelsblatt-Beilage "Perspektiven" seine Kritik an den bestehenden MBA-Programmen präzisiert. Vor allem sind ihm die MBA-Programme für junge Leute, die keine praktischen Erfahrungen in den Unternehmen haben, ein Dorn im Auge. Denn diese MBA-Ausbildungen seien viel zu theoretisch und verzichteten völlig auf Praxisanteile. Führung und Management könne man aber nicht im Klassenzimmer lernen, sagt Mintzberg. Das sei wie Schwimmen. Schwimmen könne man auch nicht im Klassenraum lernen. "Wenn Sie dann das erste Mal ins Wasser steigen, ist die Chance trotzdem sehr hoch, dass Sie untergehen und ertrinken. Wenn Sie aber direkt ins Wasser gehen und jemanden haben, der Ihnen sagt, was Sie machen sollen, lernen Sie wirklich schwimmen."

Wie es zu der Zufall will, kenne ich mich mit Schwimmen recht gut aus. Und daher kann ich sagen, dass es zwar nicht völlig falsch ist, was Mintzberg übers Schwimmenlernen sagt, aber es ist eben auch nur die halbe Wahrheit. Was man auf die Art und Weise lernt, die Mintzberg beschreibt – rein ins Wasser und los –, ist nicht Schwimmen. Was man auf diese Weise lernt, ist nur "Sich über Wasser halten" und "Nicht absaufen". Ich hatte an dieser Stelle bereits in einem anderen Zusammenhang geschrieben, dass man Schwimmen, richtig gut und schnell schwimmen, nicht im Wasser lernt, sondern an Land, oder genauer: im Kopf. Ganz im Ernst: Schwimmen lernt man im Kopf! Indem man die richtige Technik erlernt. Indem man Videos der Top-Schwimmer studiert und sich ihre Technik abschaut. Ohne die richtige Technik bleiben die Talente immer nur Durchschnitt, und vor allem bleiben sie unter ihren Möglichkeiten. Ohne eine gute Technik wird niemand ein Top-Schwimmer. Denn die fehlende Technik läßt sich auch durch Kraft nicht ausgleichen. Natürlich brauchen die Schwimmer Kraft, sie brauchen auch Schnelligkeit, sie brauchen auch Ausdauer. Aber das wichtigste ist Technik. Ich habe viele Schwimmer gesehen, die deutlich bessere Wettkampfergebnisse hätten erzielen können, wenn sie eine gute Technik gehabt hätten. Weil sie Schwimmen nur im Wasser gelernt hatten, blieben sie deutlich unter ihren Möglichkeiten.

Natürlich muss man als Schwimmer irgendwann auch mal ins Wasser. Man muss die Technik einüben, man muss sie trainieren, perfektionieren. Ganz wichtig ist hierbei, dass man jemanden hat, der einen beobachtet und einen darauf hinweist, welche Fehler man macht und was man besser machen könnte. Das ist der Trainer oder Coach.

In den Firmen ist es ähnlich. Ein Top-Vertriebler oder ein Top-Manager wird man nicht durch Learning-by-doing. Sondern durch eine Kombination von Theorie und Praxis. Da gebe ich MBA-Kritiker Mintzberg Recht: Theorie allein ist Quatsch. Aber Praxis allein ist genauso Quatsch. Aus diesem Grund bin ich ein großer Freund der dualen Ausbildungssysteme (Stichwort: Berufsakademien), wie es sie in manchen Bundesländern gibt. Aus den gleichen Gründen ist aus meiner Sicht sinnvoller als ein MBA-Vollzeitstudium ein sogenanntes "Executive Master of Business Administration"-Studium (EMBA), also ein Programm für bereits praxiserprobte Führungskräfte. Dabei handelt es sich um ein Aufbaustudium, welches parallel zum Job absolviert wird. Sie, lieber Herr Laube, haben ein derartiges EMBA-Programm absolviert und dafür eine Menge an Zeit, Energie und Geld investiert. Natürlich stellt sich dann die Frage, ob die Rendite zufriedenstellend ausgefallen ist. Hat es etwas gebracht? Hat es Ihre Karriere beflügelt? Und vor allem: Sind Sie dadurch ein besserer Manager geworden? Und: Wie schnell ist Ihre Bestzeit über 100 Meter Kraul?

Beste GrĂĽĂźe

Damian Sicking

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