4W

Was war. Was wird.

Wenn die Maschine anhält, dann fallen wir alle aus unseren Twitter-, Facebook- und StudiVZ-Waben. Ob das schlimm wäre? Das weiß auch Hal Faber nicht.

vorlesen Druckansicht 45 Kommentare lesen
Lesezeit: 8 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Imagine, if you can, a small room, hexagonal in shape, like the cell of a bee. It is lighted neither by window nor by lamp, yet it is filled with a soft radiance. There are no apertures for ventilation, yet the air is fresh. There are no musical instruments, and yet, at the moment that my meditation opens, this room is throbbing with melodious sounds. An armchair is in the centre, by its side a reading-desk – that is all the furniture.
Heute vor 100 Jahren erschien die Kurzgeschichte The Machine Stops von E.M. Forster in der Oxford and Cambridge Review. Sie handelt von einer fernen Zukunft, unserer Zukunft, in der die Menschen in ihren Waben sitzen, mit Videotelefonie (cinematophote), Skype und Twitter kommunizieren in ihrer schönen virtuellen Welt. Alle Menschen sind unablässing damit beschäftigt, ihre "Ideen" zu kommunizieren, denn die Sorge für Licht, Energie, Nahrung und Gesundheit hat ihnen die Maschine abgenommen. So sitzen sie denn in ihren Waben, die ihnen die Maschine zugewiesen hat und lauschen dem endlosen Geschnatter von Ideen. Alles ist relevant und interessant in dieser Welt der Wabenmenschen und ihrer endlos großen Enzyklopädie, an der sie arbeiten; und so erfahren wir gleich zu Beginn von einer Frau namens Vashti, die einen Vortrag über "Music during the Australian Period" vorbereitet und dabei per Videokonferenz von ihrem Sohn Kuno gestört wird.

*** Es ist unsere Online-Welt, die Forster da vor 100 Jahren beschrieben hat. Nun gut, Online kannte er nicht, weil dieses Internet etwas später startete, und so verlegte er die Menschenwaben ins Innere der Erde. Selbst die 1966 von der BBC produzierte TV-Erzählung konnte sich nur vage vorstellen, was uns heute völlig klar ist. Die Welt, in der Skype und Twitter herrschen, sich Menschen mit Leidenschaft in den Hohlräumen einer Relevanzdiskussionen tummeln, das kommt zu kleinlich daher für eine große Vision. Wer es moderner haben will, sollte sich das Video der Freise-Brüder anschauen, in dem Benthams Panoptikon auftaucht. Wenn dann die Klage von Kuno, dem missratenen Sohn, von einer Band namens Level 42 gespielt wird, zeigt sich die Aktualität von Forsters Erzählung: 42 ist nicht mehr die Antwort auf alle Fragen.

*** Kuno wird auf der Erdoberfläche, die Sterne bewundernd, von einem wüstenwurmartigen "Mending apparatus" eingesammelt, aus dem die Macher von Pixar später WALL-E entwickelten. Der Drecksauger-Apparat ist der Teil der angebeteten Universalmaschine, der für die Reparatur der Maschine selbst zuständig ist. Denn die ist unkaputtbar, wie es im "Buch der Maschine" versichert wird. Dieses Buch, dass das noch verbliebene gesammelte Wissen der Menschheit enthält, wird von den Menschen in ihren Waben wie die Bibel geküsst und verehrt. Die Ideen, die die Menschen unablässig diskutieren, werden von Forster beschrieben, als hätte er einen Streifzug durch Relevanien anno 2009 gemacht:
First-hand ideas do not really exist. They are but the physical impressions produced by live and fear, and on this gross foundation who could erect a philosophy? Let your ideas be second-hand, and if possible tenth-hand, for then they will be far removed from that disturbing element – direct observation. Do not learn anything about this subject of mine – the French Revolution. Learn instead what I think that Enicharmon thought Urizen thought Gutch thought Ho-Yung thought Chi-Bo-Sing thought Lafcadio Hearn thought Carlyle thought Mirabeau said about the French Revolution.

*** Am Ende setzt die Maschine aus, beginnend mit Sprachfehlern wie weiland beim Supercomputer Hal 9000. Die Menschen in ihren Waben sterben, auch Vashti und Kuno. Es fehlt die Energie, die Systeme zu unterhalten. Erst heutzutage ist die Lösung des Menetekels Energie in Sicht. Auf der Oberfläche der Erde leben "Heimatlose" weiter. Sie haben vielleicht die Chance, eine neue Gesellschaft zu entwickeln, diesen Schluss lässt Forster offen. Forsters Kurzgeschichte war angeblich eine Reaktion auf Wells Erzählung Wenn der Schläfer erwacht. Auf eine düstere Geschichte folgt eine düstere Geschichte, weil Forster genauer ist: Nicht der Mensch Graham überlebt den Lauf der Zeiten, sondern die Maschine, die Graham am Leben erhält. Die Geschichte der stoppenden Maschine von 1909 erschien noch einmal in einer Sammlung 1928, in der Forster über Freiheit und Sicherheit schreibt:
We are willing enough to praise freedom when she is safely tucked away in the past and cannot be a nuisance. In the present, amidst dangers whose outcome we cannot foresee, we get nervous about her, and admit censorship.

*** Was sind schon Betriebssyteme im Angesicht der düsteren Projektionen der Altvorderen? Kann uns nicht das überaus erfolgreiche Windows 7 aufheitern, als Versprechen auf eine schöne Zukunft? Nein! Nein, nein und abermals Nein:
Auf das uns das große Nichts umfange, das uns Träume zu neuen Sternen steuern soll.
Hinter der gründlich renovierten Fassade dieses OS (Operating System) klafft ein existenzielles Loch. Es fehlt ein Leben, das Verheißung, Zukunft, Versprechen wäre.

*** Alle sitzen in ihren Waben, ohne Verheißung, und die schäbigsten Waben gibt es offenbar bei der Süddeutschen Zeitung, draußen vor der Stadt. Kein Vergleich mit Japan, wo die Begeisterung für Windows 7 in einer Fleischorgie endet, damit die Japaner nicht in dieses existenzielle Loch fallen können. Wie kommt es, dass Menschen anno 2009 von einem schlichten Betriebssytem Verheißung, Zukunft und Versprechen erwarten? Wann wird das iPhone als Bibel der Menschheit geküsst?

*** 80 Jahre nach der Veröffentlichung von The Machine Stops erschien am 1. November die PC-Version des Spiels "Micropolis", das nach Protesten eines Hardware-Herstellers in SimCity umgetauft wurde. Wer Mauern errichten und Straßen planen wollte, musste sich eine hochauflösende EGA-Grafikkarte anschaffen. Die Vorstellung der PC-Version am Vorabend der Comdex in Las Vegas fiel mit dem Zusammenbruch einer anderen Simulation zusammen, die sich Sozialismus nannte. SimCity war nicht nur die erste Aufbausimulationsspiel seiner Art, sondern in den Worten des Entwicklers Will Wright eine neue Art im Umgang mit dem Computer, die an E.M. Forster erinnern lässt:
When does a game cease to be a game? Is it when the computer feels like an organic extension of your consciousness or when you may feel like an extension of the computer itself?

** Ja, sind wir nicht alle Erweiterungen unserer iPhones und G1s, kleine Androiden auf dem Weg zum Daueranschluss an die große Maschine? Die religiöse Inbrunst ist ja nicht weit, man denke nur an strunzdumme Sätze wie Das Internet vergisst nicht. Wer solches Geschlämme gar in ein Internet-Manifest schreibt, hat früher sicherlich auch an höhere Wesen geglaubt, die alles sehen und wartet auf das Fegefeuer, in dem all die Texte wieder ausgebuddelt und vorgelesen werden. Die Hölle, das ist der Datenspeicher ohne MTBF.

Was wird.

Folgt man den Miszellen, so war der erhabenste Augenblick im Leben von Claude Elwood Shannon der Moment, an dem Albert Einstein in seine Mathematikvorlesung kam und zuhörte. Einstein blieb nicht lange, flüsterte mit einem Studenten und ging wieder. Shannon erkundigte sich später bei seinem Studenten, was der große Einstein gesagt habe: "Er hat sich nach der Männertoilette erkundigt." Die kleine, von Shannon erzählte Geschichte beweist, dass der Mann Humor hatte. Der wissenschaftliche Begründer der Kryptographie baute Zeit seines Lebens liebend gerne sinnlose Maschinen und kuriose Spielzeuge und passt schon deshalb bestens in diese kleine Wochenchronik. Am kommenden Donnerstag wird in Paderborn die Ausstellung Codes und Clowns eröffnet, auf der einige von Shannons Maschinen und Spielzeugen zu sehen sind. Zum 100. Jubiläum von "The Machine Stops" darf Shannons Kommentar nicht fehlen: Wer die Ultimative Maschine einschaltet, kann erleben, wie sie sich ausschaltet. Wollen wir wirklich in einer Welt leben, die das Menschenrecht auf einen Ausschaltknopf missachtet? (jk)