Bezahlte Retro-Strategien
Zahllose Medien versuchen sich derzeit an Paid Content-Strategien, wie man sie bereits in der letzten Krise diskutiert hatte. Besser werden die Ideen dadurch nicht.
Neulich hatte ich ein echtes Deja-vu: Konstantin Neven DuMont, seines Zeichens Verlegerspross und neuer starker Mann der Verlagsgruppe M. DuMont Schauberg, kündigte in einem Interview an, sein Haus plane in wenigen Jahren das gebührenpflichtige Angebot einzelner Zeitungsartikel im Netz. So 30 Cent pro Stück seien vernünftig, sprach er sinngemäß. Wer nicht zahle, bekomme dagegen nur einen Anreißer zu sehen. Als Abrechnungsweg schwebte Neven DuMont ausgerechnet die Telefonrechnung vor.
Genau so ein Modell hatten wir schon mal: Es hörte auf den Namen Bildschirmtext (Btx) - und war der Versuch der Deutschen Post, einen Online-Dienst zu etablieren, als es diesen Begriff noch nicht einmal gab. Damals zahlte man pro elektronischer Botschaft einige Pfennige und pro aufgerufener kommerzieller Seite entweder nichts oder zwischen 0,01 und 9,99 DM. Gut funktioniert hat dieses Konzept eigentlich nur bei Sex-Angeboten.
Neven DuMonts Retro-Idee ist nur eine von vielen, die derzeit durch die Köpfe hiesiger Medienmanager geistert. Nachdem es im Web 2.0-Hype ab 2004 zunächst hieß, Bezahlinhalte funktionieren im Web gar nicht - so stellte die "New York Times" kurzerhand einen Premium-Dienst nach nicht einmal zwei Jahren wieder ein -, ist jetzt dank der Werbekrise alles wieder ganz anders. Die möglichen Modelle wirken teilweise leidlich radikal: Von einem neuen Leistungsschutzrecht, das plötzlich simple Anreißer für die Verbreiter kostenpflichtig macht bis hin zum Abdrehen des gesamten freien Angebots und der Einführung von Abos unter Einbeziehung der Tatsache, dass dank geschrumpfter Zielgruppe dann niemand mehr Werbung schalten wird.
Wenn Sie mich fragen: Derzeit sieht es eher danach aus, dass all diese Ideen, wie man sie schon nach der Dotcom-Krise 2001 hatte, mehr oder weniger nach hinten losgehen könnten - die Leser sind gerade in der aktuellen Realwirtschaftskrise nämlich nicht bereit, Geld dazulassen, wenn man es ihnen nicht ganz besonders einfach macht und wirklich besondere Inhalte anbietet. (Redaktionelle Ausdünnungen sind hierbei übrigens sehr, sehr kontraproduktiv.)
Was ich parallel dazu nicht verstehe: Ein etablierter Markt wie der iPhone App Store, der schon seit über einem Jahr existiert und ein gut funktionierendes Bezahlsystem besitzt, wird bislang von den hiesigen Medienunternehmen nicht als Umsatzbringer genutzt. Egal ob die Anwendung von "Focus", die von "stern.de" oder die von "N24" - keine einzige kostet derzeit einen Cent. Selbst das "Handelsblatt", das vor wenigen Tagen endlich in den App Store einzog, verlangt von seiner durchaus zahlungskräftigen Business-Zielgruppe nichts. (Und ja, auch die heise.de-App ist gratis. Ich persönlich hätte den Standard-Einstiegspreis, 79 Cent, verlangt. Bitte nicht schlagen, werte pfennigfuchsende Leserschaft.)
Könnte es sein, dass die Branche derzeit etwas kopflos herumrennt? Neulich unterhielt ich mich mit einem Journalistenkollegen über die inzwischen nicht mehr ganz so abwegige Möglichkeit, dass die großen General Interest-Titel in Deutschland ihre Websites nur noch gegen Bezahlung offen halten könnten. "Dann mache ich einfach meine eigene Online-Zeitung auf und grase die ganzen Leser ab", meinte er nach kurzem Nachdenken grinsend.
(bsc)