Anti-Aging-Forscher planen internationale Langzeitstudie
Zwei Mediziner, die mit der Entdeckung des Anti-Aging Wirkstoffs Resveratrol reich und berĂĽhmt wurden, wollen eine Langzeitstudie mit tausenden von Freiwilligen starten. Eine von ihnen neu gegrĂĽndete Stiftung soll die Testkandidaten in Europa und USA mit kostenlosem Resveratrol versorgen.
- Steffan Heuer
- Dr. Wolfgang Stieler
Die Mediziner Christoph Westphal und David Sinclair, die mit der Entdeckung des Anti-Aging Wirkstoffs Resveratrol reich und berĂĽhmt wurden, wollen eine Langzeitstudie mit Tausenden von Freiwilligen starten. Eine von ihnen neu gegrĂĽndete Stiftung soll die Testkandidaten in Europa und USA mit kostenlosem Resveratrol versorgen.
Das Healthy Lifespan Institute mit Sitz in Cambridge bei Boston soll zum Jahresende seine Arbeit aufnehmen und Menschen über die Optionen für gesundes Altern informieren, sagte Westphal im Gespräch mit Technology Review. Der deutsche Mediziner sitzt ebenso wie Sinclair im wissenschaftlichen Beirat der gemeinnützigen Stiftung. Die beiden Forscher hatten 2004 Sirtris Pharmaceuticals gegründet und mit ihrer Entdeckung für Schlagzeilen gesorgt, dass Wirkstoffe wie Resveratrol eine Gruppe von Genen namens Sirtuine ansprechen, die in Labortieren körpereigene Verteidigungsmechanismen gegen altersbedingte Erkrankungen von Osteoporose bis Krebs aktivieren. Der Pharmakonzern GlaxoSmithKline kaufte Sirtris im Juni 2008 für 720 Millionen Dollar und veranstaltet bereits klinische Tests mit mehreren Molekülen zur Behandlung von Diabetes, multiplem Myelom (Knochenmarkskrebs) und Darmkrebs.
Da die US-Arzneiaufsicht FDA und die Wissenschaftsstiftung NIH Altern jedoch per Deifintion nicht als Krankheit anerkennen, wollen Westphal und Sinclair parellel dazu Daten sammeln, um den heilsamen Anti-Aging-Effekt von Resveratrol und einer kalorienarmen Ernährung zu dokumentieren. “Gesundes Altern ist ein enorm wichtiges Ziel, das wir genauer verfolgen wollen”, so Westphal.
Dazu will das gemeinnützige Institut ab 2010 rund 10.000 Freiwillige im Alter von 60 bis 70 Jahren in Europa und den USA rekrutieren. Sie sollen über zehn Jahre hinweg einmal täglich Resveratrol einnehmen und im Gegenzug genau Buch über ihre Gesundheit führen und sich regelmäßig untersuchen lassen. Das Supplement wird die Stiftung entweder kostenlos oder zum Selbstkostenpreis an die Studienteilnehmer verschicken.
Die Anschubfinanzierung von mehreren hunderttausend Dollar stehe bereits, so Westphal. Bis bis zum Ende der Studie und der Datenauswertung in 15 Jahren sei wahrscheinlich ein zweistelliger Millionenbetrag nötig. Zu den Mitbegründern des Instituts gehören die GSK-Managerin Michelle Dipp, der MIT-Biologe Leonard Guarente sowie der ehemalige Sirtris-Wissenschaftler Peter Elliott.
Damit schalten sich die Wissenschaftler in einen lukrativen Handel mit so genannten “Neutrazeutika” und dubiosen Versprechen ein. Zahlreiche Naturheil-Geschäfte und insbesondere Katalog- und Onlinehändler verkaufen seit Jahren Resveratrol, das in Rotwein und Pflanzen vorkommt – allerdings ohne dass dessen Wirkung am Menschen bewiesen ist. Manche Webseiten werben sogar unerlaubterweise mit Sinclairs Namen.
Das Institut will eine eigene Resveratrol-Kapsel herstellen, deren Inhalt zu 99,99 Prozent rein ist, sagte Westphal, ohne auf die Produkte kommerzieller Anbieter einzugehen. Man habe seit fĂĽnf Jahren bei Sirtris mit Konzentrationen zwischen 500 Milligramm und fĂĽnf Gramm pro Tag experimentiert, um Krankheiten zu behandeln. Die genaue Dosierung zum Anti-Aging stehe deswegen noch nicht fest.
David Sinclair hat parallel dazu eine neue Informations-Webseite namens ResForum.org gestartet, die unparteiische Informationen über Resveratrol verbreiten und falscher Werbung den Wind aus den Segeln nehmen soll. “Altern ist eine Krankheit, die wir behandeln können, und zwar zu unseren Lebzeiten”, sagt Sinclair. “Wir sind wahrscheinlich die letzte Generation Menschen, die eine normale Lebensdauer haben werden.” Seine Kinder hätten alle Chancen, auch mit 95 Jahren noch fit zu sein. Man habe bislang über 20 Gene identifiziert, die für ein langes Leben verantwortlich sind, so Sinclair, und es gebe beinahe unwiderlegbare Beweise, dass diese Gene nicht nur in Fruchtfliegen oder Fadenwürmern wirken, sondern auch beim Menschen die Gesundheit regulieren. Ein ausführliches Interview mit Sinclair lesen Sie in einer der kommenden Print-Ausgaben von Technology Review. (Das aktuelle Heft ist seit Ende Oktober am Kiosk oder portokostenfrei online zu bestellen). (wst)