Was war. Was wird.
Verdreht und verschachtelt sind heute die Verhältnisse. Kann es da sein, dass Deutschlands intellektuellster Teddybär hinter einem Wasserspender Deutschlands meistgeklaute Computerzeitschrift liest?
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Der letzte Landsberg Barbarian ist nicht mehr. Johnny Cash, der Mann in Schwarz aus einer Zeit, als Männer in Schwarz noch Frauen sein durften, starb am Freitag in Nashville, ausgerechnet. The Man came around, und das war es dann. Was bleibt, ist Trauer und ein schwächelnder Willie Nelson.
I wear black for the poor and beaten down
Living in the hopeless, hungry side of town
I'll try to carry off a little darkness on my back
Till things look brighter
I'll be the man in black
Wird es einmal heller werden auf der anderen Seite der Stadt, wo nicht die Bobos wohnen, die mal eben 140 Millionen Dollar als Gratifikation kassieren können? Oder werden unsere Helden sich bald auf der anderen Seite der Stadt einfinden, weil das ganze großmaulige Isar Valley abgehängt wird? Das sind die Cash-Fragen von heute, weil es keinen Gott gibt.
*** Eine andere große Karriere begann ebenfalls in Deutschland, doch nicht in Landsberg, sondern in Leipzig. Edward Teller, der "Vater der Wasserstoffbombe", wurde 95, Johnny Cash nur 71 Jahre alt. Womit wieder einmal bewiesen ist, dass Wissenschaft gepaart mit Denunziantentum gesünder ist als Troubardieren für die Geschlagenen nebst Drogenkonsum. Doch was sind die Daten und Lebensläufe gegen 101 Jahre, die Leni Riefenstahl als letzte Überlebende des Inner Circle jenes Hitler aufweisen konnte, der auch einmal in Landsberg festsaß? Jener geschäftstüchtigen Riefenstahl, mit deren Bildern praktisch alle Cutter auf den Avid-Systemen das Schneiden lernten. Freilich war da die reichsparteitagliche Ästhetik unter Wasser gesetzt worden.
*** Zum Gedenken an den 11. September liefen sie wieder, die Bilder der fallenden Türme und die des in der Natur lustwandelnden Bin Laden, mit ihnen aber auch ein bizarres Arsenal an Verschwörungstheorien. Dabei werden deutsche Hallu-Zianetiker mittlerweile locker von amerikanischen Verschwörungsspezialisten wie Anne Coulter, Joe Conason oder Al Franken übertroffen, die zum Jahrestag jede Menge Bücher auf den Markt geworfen haben und es prägnant auf den Punkt bringen: Die Menschen lügen. Alle. Vielleicht musste wegen solch einer Weltsicht Anna Lindh sterben, weil sie die schwedische Nationallüge vom heilen Schweden nicht teilen wollte und lieber den seltsamen Euro herbeisehnte. Dafür bekam sie Hass-Mails, die geflissentlich ignoriert wurden. Mit der neuen Tradition des Politiker-Mordes steht Europa nicht gut da.
*** Schon in der vergangenen Woche war an dieser Stelle etwas über den Rummel um Deutschlands intellektuellstem Teddybär zu lesen. Ein wahrer Adorno geht halt nicht spurlos im falschen Leben unter. Die Sache verdient einen Nachtrag. "Wo ist meine c't?", fragt bekanntlich die Werbung aus dem Hause Heise und zeigt hinter einem Wasserspender einen älteren Herren, der in Deutschlands meistgeklauter Computerzeitschrift liest. "Aber kommt uns der ältere Herr nicht bekannt vor? Glatze, Brille, die traurigen Augen?", fragte das SZ-Feuilleton und kommt auf die richtige Antwort: "Adorno sitzt am Computer (bei Aldi gekauft), daddelt mit Moorhühnern, lädt sich längst verschollen geglaubte Klemperer-Aufnahmen herunter." Aber warum so böse, wenn die Erkenntnis doch dialektisch ist? Mag der Gute im Nichts an einem Rechner sitzen, doch dass es nach der Lektüre der c't einer von Aldi ist, das erscheint doch eine arg an den Haaren herbeigezerrte Pointe zu sein: Die Eule der Minerva fliegt absturzsicherer. Und Moorhühner sind auch out, lieber Willi Winkler: Ein richtiger Adorno spielt natürlich wie ein richtiger Revolutionär die Strategien des Nicht-Identischen durch. Vielleicht denkt er über die Erziehung im Angesicht von PHP nach, schreibt gar an die c't und bedankt sich für 20 Jahre aufopfernder Rettung des Apostroph's oder feilt an einem Platinenprojekt der Frankfurter Schule.
*** Heute sind Revolutionäre nicht mehr das, was sie früher einmal waren. Statt Che Guevara haben wir nur noch einen Matthew Guevara, und der bekämpft nicht mehr den Kapitalismus, sondern raubt als fingierter Microsoft-Mitarbeiter arme MSN-Teilnehmer aus. So sind die Verhältnisse verdreht und verschachtelt, dass Microsoft die Open Source unterstützt und aufrichtig bedauert, dass Linux das angegriffenste Betriebssystem ist. Weshalb man auch den Windows Media Player, allen Plänkeleien zum Trotz, als Standard offenlegen möchte: Multimedia muss sicher sein und darf nicht Leuten überlassen werden, denen das geistige Eigentum schnuppe ist.
*** Linux und Open Source, da darf natürlich SCO nicht fehlen. Diese Woche belustigte die Firma mit einem warnenden Brief sogar Linus Torvalds, der mit einem offenen Brief konterte. Doch nicht nur Torvalds war aktiv, auch Eric Raymond und Bruce Perens schrieben zurück, selbst Zeitschriften reagierten auf die Attacke. Doch der eigentliche neue Vorwurf im Sommertheater, die Behauptung, große Firmen wie IBM profitieren besonders von Open Source, da sie Software ohne Garantieansprüche weitergeben und damit ihre Service-Einkünfte verbessern können, ist vorerst unwidersprochen geblieben. Der Tritt gegen IBM erfolgte wohl aus Ärger darüber, dass diese Firma inzwischen hinter SCO die Canopy Group angreift, die dereinst von Ray Noorda gegründet wurde, um Novell zu retten und inzwischen über ein Sammelsurium von Investments und Beteiligungen voller Querverbindungen verfügt. Inmitten der ganzen Geschichte: ein mit Klagen und Gegenklagen reich gewordener Darl McBride. Wie dichtete dereinst Shakespeare:
Der Mann, der nicht Musik hat in ihm selbst,
Den nicht die Eintracht süßer Töne rührt,
Taugt zu Verrat, Räuberei und Tücken;
Die Regung seines Sinns ist dumpf wie Nacht,
Sein Trachten dĂĽster wie der Erebus.
Trau' keinem solchen!
Was wird.
Rege geht es überall zu, denn die nächsten 5 Minuten sind wichtig. Geschichte will gemacht werden, Politik ohnehin. In Brüssel veranstalten die Grünen ein Hearing zur Problematik der Software-Patente, bei dem auch Tim Berners-Lee per Video zugeschaltet wird. Wie sähe es aus, das WWW, wenn das CERN die Browserei mit Patenten zugepflastert hätte?
In Deutschland möchte die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post mit einer Tagung der allgemeinen Diskussion um die elektronische Signatur "erhellende Impulse" geben -- eine schöne Umschreibung für eine vollkommen verkorkste Situation. Das Bündnis für elektronische Signaturen hat jedenfalls nicht den großen Anschwung gebracht, der prognostiziert wurde.
Während die amnestiefreundliche RIAA erfolgreich 12-Jährige belangt, startet in Leeds die Wedelmusic 2003, auf der man sich gewaltfrei Gedanken über den rechtlich abgesicherten Vertrieb von Musik macht. Derweil grübeln in Finnland die Arbeits-Experten über die Thermodynamik menschlicher Netzwerke, was sich zumindest interessant anhört. Jetzt warten wir nur noch darauf, dass so idiotische Veranstaltungen wie die Flash Mobs ihre anständige Theorie bekommen. Wenn schon die Zeit vom kurzen Sommer der Anarchie schwärmen kann, dürfte es nicht mehr weit sein, bis Mob und Friendster wissenschaftlich begleitet werden. Die Sache hat natürlich einen Haken: In der Horde kann man nicht Erster sein. (Hal Faber) / (anw)