Was war. Was wird.
Nicht nur in Hamburg landen so manche Daten auf einer virtuellen Deponie. Wirft die Flamme der quelloffenen Software genĂĽgend Licht, um den elektronischen Halden auf die Spur zu kommen?
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Was denkt sich der normale Computerbenutzer, wenn eine neue Schaltfläche in der neuen Version eines Programms auftaucht, die zum Abspeichern auffordert? Vermutet er die heimtückische Attacke eines neuen Computervirus' und ignoriert die Anweisung? In 99 Prozent aller Fälle wird der normale Computerbenutzer die Anweisung befolgen. Nicht so der erfahrene Polizist, der Unheil mit der Maus wittern kann. In 7720 Fällen unterblieb bei der Hamburger Polizei der bestätigende Klick auf eine Schaltfläche, wodurch die Daten "auf einer elektronischen Halde" landeten und nicht in die offizielle Kriminalstatistik einfließen konnten. Das hatte Folgen: um 2,5 Prozent sank die Gesamt-Kriminalität in Hamburg, wie es der frühere Innensenator Ronald Barnabas Schill frohlockend verkündete.
Gottseidank wurde jedoch die elektronische Halde rechtzeitig aufgespürt. Mitsamt Datenmüll stieg die Gesamt-Kriminalität um 2,8 Prozent. In Anbetracht der Tatsache, dass auch andere Polizeidienststellen auf neue Software umstellen, kommt softwaretechnisch gesehen Unbehagen auf. Was ist, wenn das Programmierkonzept der "elektronischen Halde" auch in anderen Anwendungen steckt, sich gar über BundOnline 2005 viral verbreitet? Jeder weiß ja, wie rasant sich wilde Deponien verbreiten können. Wirft die kleine Flamme quelloffener Software genügend Licht, um den elektronischen Halden auf die Spur zu kommen?
*** Tief im Innern von Linux existiert eine Halde voller Code, der der SCO Group gehört -- davon ist SCO-Chef Darl McBride überzeugt. Mit ihm Microsoft, das ausweislich des neuen SCO-Geschäftsberichtes weitere 7.280.000 Dollar überwiesen hat und Sun Microsystems, das im kommenden November weitere 2.500.000 Dollar überweist. In dieser Woche überzeugte SCO seine Anhänger, weitere Aktien auf den Markt zu werfen und erhob Einspruch gegen die Klage von Red Hat. Aber es gab auch positive Nachrichten von SCO: In den USA beginnt im Okober eine Welttournee, die im November Deutschland, England und Benelux erreichen soll, dann durch Skandinavien und Osteuropa zieht, um in Afrika zu enden.
*** Ist eine Gegen-Tournee nötig oder sollte religiöse Toleranz walten, zumal im Fall des überzeugten Mormonen Darl McBride? Natürlich schreibe ich dies aus gegebenem Anlass: Heute vor 180 Jahren beglückte ein göttlicher Besuch diese unsere Welt, als der Engel Moroni Joseph Smith aufsuchte und von einem verborgenen Buch erzählte, gewissermaßen einer frühen Inkarnation der "elektronischen Halde". Vier Jahre später findet Joseph Smith die Halde, übersetzt die Tafeln mit einem magischen Stein aus dem reformierten Ägyptischen und schreibt das Buch Mormon, den Quelltext der Mormonen, mithin der Urtext wirklich nützlicher Software. Der große Journalist Mark Twain nannte das Buch Mormon respektlos "Chloroform in print". Aber auch hier ist Shakespeare unser Kommentator:
Und, ob mein Engel nun schon eingefeindet,
Besorg' ich; - zwar nicht völlig ist's bekannt; -
Doch, da mich beide flieh'n und beide sich befreundet,
Fürcht ich, ein Engel ward des andern Höllenbrand.
Und wie es steh', ich kann es nicht vermuten,
Als bis mein böser Geist verschlingt den Guten.
*** Der Wochenblick zurück, er schweift von Shakespeare zu Schwarzenegger, der in Kalifornien als Kandidat für den Gouverneurs-Posten warten muss, weil die Wahlmaschinen veraltet sind. Die Wartezeit gibt mir Gelegenheit, auf einen großen Zeit-Reporter hinzuweisen, der gestern vor 125 Jahren Geburtstag hatte: Upton Beall Sinclair brachte den Amerikanern als Einzelkämpfer den Sozialismus nahe, nicht unbedingt erfolgreich. Im Unterschied zu Arnold Schwarzenegger und den Knallchargen, die heute Kalifornien regieren wollen, war Sinclair ehrlich zu den Wählern, als er 1934 für dieses Amt kandidierte. Sein EPIC-Plan wurde übrigens von dem Umwelt-Sozialisten Reuben Borough und dem Science-Fiction Autor Robert Heinlein geschrieben, der später selbst versuchte Gouverneur zu werden und in seinen Büchern von ausfallsicheren IBM-Computern in der Zukunft schrieb.
*** Sein letztes Lied war eine unendlich traurige Cover-Version: "Knockin' on heaven's door": Warren Zevon starb am 8. September und wurde an dieser Stelle auch noch von Johnny Cash verdrängt. Er starb, nicht ohne der Branche eine Lektion zu erteilen, wie man als Musiker den Planeten verlassen kann. Sein Label Rykodisc war eines der ersten, das auf MP3 umsattelte, worauf Zevon die Tantiemen der RIAA entzogen wurden.
*** Einen Entzug anderer Art kassierte die "Zivilgesellschaft". Es ist sicher nicht verkehrt, am Welt-Alzheimertag daran zu erinnern, dass es nicht nur Regierungen und wohlhabende Nicht-Regierungs-Organisationen gibt, sondern eine Gesellschaft von Bürgern, die ihr Recht auf Teilhabe an den Informationsströmen einfordert. Mit einer lustig "frankierten" Mail teilte die Genfer ITU anlässlich der 3. Vorbereitungsrunde des Weltgipfels zur Informationsgesellschaft mit, was sie von der Zivilgesellschaft hält: nichts. Die Gruppen, die an einer "Charta der Bürgerrechte für eine nachhaltige Wissensgesellschaft" mitarbeiten wollen, dürfen in Genf in der Frühe fünf Minuten lang ihre Positionen vortragen, dann werden sie des Saales verwiesen und können nicht an den Arbeitsgruppen teilnehmen: Auch für den kritischen Dialog gibt es eine Halde.
*** Achselzuckend wurde in dieser Woche das in einem kurzen Augenblick der Wahrheit gegebene Eingeständnis des amerikanischen Präsidenten George W. Bush hingenommen, dass Saddam Hussein nichts mit dem 11. September zu tun hatte. Haben wir es nicht alles gewusst? Aber bitte, was wissen wir überhaupt? Früher gab es das Brett vor dem Kopf, heute ist es eine elektronische Halde.
Was wird.
Stoiber wählt, das fähig programmierte Toll Collect will bei aller Kritik immer noch nicht starten und Galileo begeht Seppuku im poppigen Jupiter: Jawoll, die Woche kann beginnen. Enden wird sie furios mit einem Start. "Die bundesweite Leitmesse für Existenzgründung und junge Unternehmen bündelt alle Informationen, Produkte und Dienstleistungen und präsentiert auf einer Plattform alles, was für Selbständigkeit von Bedeutung ist." Geht es wieder los mit den Business-Plänen, die die Gravitationskraft per eBay verkaufen wollen? Ist jemand Liquide oder drehte nur ein Würgeengel auf einer Halde durch? Ist nicht das ach so innovative BIT4Health schon Strafe genug?
Schauen wir auf die Schweiz, auf dieses heile, schöne Land, in dem die Orbit alle Rekorde bricht, das sich im Verein mit den Britanniern nur vor gefährlichen Hackern fürchtet, die den Rechner neben dem Raclette in die Luft jagen. Oder freuen wir uns mit der Sonntags-FAZ über immer sinnlosere Patente, wie sie besonders die Softwareindustrie produziert und am Dienstag zur Abstimmung bringen lässt. (Hal Faber) / (anw)