4W

Was war. Was wird.

Das Universum expandiert, Sonden starten und ein neues Jahr beginnt. Vergangenheit und Zukunft, Philosophie und Computer -- es gibt anscheinend nichts, das nicht irgendwie zusammenpasste, befĂĽrchtet Hal Faber.

vorlesen Druckansicht 81 Kommentare lesen
Lesezeit: 8 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Das Universum expandiert, und wenn es expandiert, dann wird es eines Tages auseinander fallen. Brooklyn wird zerissen, die Lister Meile wird zertrümmert und draußen in Kleefeld wird es einen kleinen Verlag erwischen, der diesen traurigen Gedanken ins Web stellt. Heute vor 50 Jahren starb Edwin Hubble, dem wir neben der Rotlichtverschiebung diese Einsicht über unser Universum verdanken. Dass die ganze Sache wahrscheinlich endlich ist, beunruhigte nicht nur Woody Allen, sondern bereits Friedrich Engels, der die Unendlichkeit des Weltalls als Erkenntnis des Diamat postulierte. Zu peinlich, wenn der siegreiche Sozialismus eine Grenze gehabt hätte und softwaremäßig einfach ausfallen würde wie eine OBU von Grundig oder ein Roller von Segway.

*** Ach, was sind wir philosophisch heute! Schließlich ist heute der Konfuzius-Tag, der in Taiwan auch der Tag ist, an dem man seine Lehrer ehrt und des Fortschrittes der Menschheit gedenkt. Fortschritt und Toleranz, die nach Konfuzius zur Freiheit führen, sind freilich relativ: "Seitdem der Mensch aus dem Paradies hinüberwechseln musste in das Naturreservat seiner Kultur, wo er sich halten kann, solange er den Instinkt für den Grenzbereich nicht einbüßt, über den hinaus er abgeknallt wird, ist die Geschichte seiner Freiheit eine Geschichte ohne Pointe: Man kann sie kaum erzählen, ohne peinliches Befremden auszulösen." Heute vor 100 Jahren wurde Albert Vigoleis Thelen geboren, der bei uns wenig gilt.

*** Philosophie und Computer, wie geht das zusammen? Nein, ausnahmsweise ist nicht die KI-Forschung gemeint. Jeder kennt Bugs in der Software und viele kennen den Bug aller Bugs, feinsäuberlich ins Logbuch geklebt. Nun hat eine Firma die Motte und den berühmten Schmetterling der Chaos-Theorie von Edward Lorenz gekreuzt. Statt Lorenzgleichung wird ab sofort Miss MiniFizz als eine mystische Gigaflop-Motte antreten und die Handys von Siemens vermarkten. Avatare, die in die Zukunft schauen können, haben Zukunft.

*** Manchmal ist jedoch der Blick in die Vergangenheit ganz aufschlussreich, wenn man mehr über die Zukunft wissen will. Man nehme nur einen der vielen Berichte über die Hacker der Gruppe L0pht, die mit viel Venture Capital zur Firma @stake sich wandelte. Man werde seinen Wurzeln treu bleiben, versprach man. Nun also hat es bei @Stake Dan Geer erwischt, den Mit-Entwickler des Kerberos-Protokolls. @stake, das zuletzt auf dem Sommercamp des CCC noch dringend fähige Mitarbeiter suchte, hatte mit Firmen wie Microsoft eine "Vulnerability Disclosure Policy" vereinbart, die den Kunden nicht nur Zeit für Patches lassen, sondern jede Kritik an den Firmen unterbinden sollte. Die veraltete Hacker-Attitüde von Geer war so gesehen einfach nur geschäftschädigend. Ob Microsoft wirklich am Rausschmiss beteiligt war, ist weniger wichtig als die Frage, ob Microsofts Software wirklich unsicher ist. Das weiß man bald, aber halt nur in China.

*** Schweift der Blick über Deutschland, so ist die Diagnose schlecht. Grund zum Feiern haben eigentlich nur Tazl und die feindlich übernommene taz. Wirtschaft unten, Kanzler strauchelt und selbst der deutsche Phallus ist schief und mickrig. Inmitten der international besetzten Konkurrenz in diesem bedeutenden Wettbewerb ist Suurhusen aussichtlos. Was ist aus dem deutschen Phallus geworden? Brauchen wir Entwicklungshilfe? Welches deutsche Gebäude kann Suurhusen toppen?

*** "Im Fall der Gegenwehr ist es am besten,
Den Feind für mächt'ger halten, als er ist."

Richtig, wir sind beim großen Shakespeare und mitten in einem Stück voll neuer Irrungen und Wendungen. Nun ist wieder einmal IBM an der Reihe, während pikante Details in einem Interview mit Ransom Love davon berichten, dass ausgerechnet die sonst so quelloffene Firma Intel frühzeitig gegen den Plan der Caldera-Kämpen opponierte, den gesamten Unix-Source im Sinne eines nun 20 Jahre alten Projektes zu öffnen: Free Unix! Von wegen. Auch Willy wurde nur zu Webezwecken befreit. Ein weiteres interessantes Interview steht in der New York Times, eine Woche vor dem Geburtstag von Linux: Vater Torvalds soll über den DNA-Test seines Babys befragt werden und fragt reziprok nach den DNA-Beweisen von SCO. Es endet denkwürdig: "Ich bin nicht ausgezogen, Microsoft zu zerstören. Das wäre wirklich ein komplett nicht beabsichtigter Nebeneffekt." Derweil signalisiert der Börsenkurs, dass SCO schwer schlingert. Shakespeare gefällig? "Zu begreifen ist's bei bösen Wegen, dass sie am Ende nie gedeihn zum Segen". Am Ende? SCO wird nachlegen. Aus dem Sommertheater ist das große Drama geworden und Gruseln soll es uns, im Winter, vor den Kaminen.

*** Welchselbige freilich eher in englischen Reihenhäusern stehen. Dort, wo heuer der Tod von Robert Palmer, der mit den schicken Models, beklagt wird: Out Now. Dort, wo heute vor 937 Jahren Wilhelm der Eroberer einfiel, England einnahm und damit die englische Sprache öffnete: "The Normans gave us 'excrement', the Saxons gave lots of four letter words", soll Tolkien einmal gesagt haben. So entstand die reichste Sprache der Welt, mit ihren lol und scnr's, die unsere Kinder bereits auf LAN-Parties lallen und knurren lernen.

*** Derweil bekommen hierzulande solche schauspielerischen Entgleisungen wie GZSZ Fernsehpreise -- nachdem bereits Meister Kübelböck "Satisfaction" singen durfte, wundert einem nichts mehr. Die Musik- und TV-Industrie findet in solchen Momenten zu sich selbst. Aber wenn Deutschland wirklich den Jahrhundert-Hit wählen dürfte, trällerten Marianne und Michael "Die Fahne hoch...", vielleicht als Medley mit "Auferstanden aus Ruinen..." Nein, dies alles sind Petitessen, denn es war wieder kein friedliches, optimischtes Jahr, die erneute Reise zu den Abgründen Gottes hat nicht nur gläubigere Menschen als mich erschreckt. So bleibt nur, eigentlich auch schon zu spät, allen Lesern "Le'Shana Towa Tikatew Wetichatem" zu wünschen.

Was wird.

Mal schauen, wie es anfängt. Nein, nicht "Tu, felix austria...", glücklich kann sich Albion preisen: Mit vier Buchstaben und freien Autobahnen! Während bei uns die transrapidierte LKW-Maut in den geregelten Probebetrieb geht, tagt zu Frankfurt die Elite der deutschen Informatik mit dem Leitthema Verkehrsinformatik: Wenn mit Toll Collect die lückenlose Überwachung aller Bürger ein Stückchen näher gerückt ist, muss die Wissenschaft klären, welche Wertschöpfung mit all den Daten getrieben werden kann, die da anrücken. Sicherheit und ein vertrauenswürdiges Windows gehören auch dazu.

Näher am Puls der Industrie will man in Paris bei IDC mit einem IT-Forum sein, das den europäischen Aufschwung beschleunigen möchte. Auch hier ist für die Zukunft ein Blick in die Vergangenheit nützlich. Vor 8 Jahren um diese Zeit duellierten sich auf diesem IT-Forum in Paris Larry Ellison und Bill Gates. Ellison zeigte den ersten Prototypen seines Network Computer (NC) mit dem Versprechen, damit die IT-Welt zu revolutionieren. Gates zeigte nur ein Foto der Schlange, die sich am Abend zuvor bei Fnac gebildet hatte, die ersten Kopien von Windows 95 zu bekommen.

Kein Zweifel, das Universum expandiert und täglich wächst die Gefahr, dass es reißt. So bleibt, trotz aller Missionen, die Frage übrig, in welchem Teil es gemütlicher ist, wenn der Riss durch Brooklyn und Kleefeld geht. Auch dazu tagt es sich bestens, auf dem astronautischen Kongress zu Bremen, dort, wo mit dem Space Center die passende Investitionsruine für Expansions-Flüchtlinge geschaffen wurde. Am Besten ist halt immer noch die Frage nach intelligentem Leben: "Denn über die Verharschung im Geiste des Steinbeils sind wir ja noch nicht hinausgekommen, und dass der Mensch ein venunftbegabtes Wesen sei, dem es gelänge Klauen und Zähne zu überwinden, das glaube wer will." So meinte Albert Vigoleis Thelen. (Hal Faber) / (jk)