Humanoids 2003: Englischlehrer und Baggerfahrer

Rund zwei Wochen lang hat ein autonomer Roboter in einer japanischen Grundschule die Schüler beim Englisch lernen unterstützt -- andere Roboter mussten sich als Baggerfahrer in Zusammenarbeit mit Menschen bewähren.

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Rund zwei Wochen lang hat ein autonomer Roboter in einer japanischen Grundschule die Schüler beim Englisch lernen unterstützt. Takayuki Kanda berichtete auf der Fachtagung Humanoids 2003 von diesem weltweit ersten Langzeit-Experiment, bei dem die Integration eines Roboters in die menschliche Gesellschaft untersucht wurde. Der Robovie war ausgestattet mit Via-Voice-Spracherkennung und darauf programmiert, sich wie ein Kind zu verhalten, das kein Japanisch kann. Der Roboter besuchte neun Tage lang 119 Erstklässler und 109 Sechstklässler, die während dieser Zeit bereitwillig Namensschilder mit RFID Tags trugen, um sich von der Maschine leichter identifizieren zu lassen. Nach rund zwei Wochen war der Roboter für die Erstklässler nicht mehr so faszinierend -- die Sechstklässler umlagerten die Maschine von Anfang an nicht so dicht, ihre Englischkenntnisse ließen sich allerdings signifikant verbessern.

Zuvor hatte bereits Kazuhito Yokoi vom National Institute of Advanced Industrial Science and Technology (AIST) im Schnelldurchlauf fünf Projekte -- drei industrielle und zwei für häusliche Umgebungen -- präsentiert, in denen ein von Industrie und Forschung gemeinsam im HRP-Projekt entwickelter humanoider Roboter zeigen sollte, wie gut er sich in die menschliche Umgebung integrieren lässt. So konnte der (ferngesteuerte) HRP7 in Zusammenarbeit mit Kawasaki Heavy Indutries etwa zeigen, dass er einen Bagger steuern kann. Dabei musste sich die Maschine so bewegen, dass sie sicher mit einem Menschen zusammenarbeiten konnte.

Hitachi und Matsushita demonstrierten, wie der Roboter im Pflegedienst eingesetzt werden kann, beispielsweise als "Vorturner" fĂĽr Reha-Patienten. Und Fujitsu und ALSOK haben ein PDA Eingabe-Interface fĂĽr den Humanoiden entwickelt, sodass der Roboter beispielsweise in die KĂĽche geschickt werden kann, um das Teewasser aufzusetzen. Ferngesteuert apportiert die Maschine auch beispielsweise Flaschen. AuĂźerdem kann der Roboter als House-Sitter eingesetzt werden. Entdeckt er einen Eindringling, schickt er eine E-Mail.

Frédéric Kaplan aus dem französischen Entwicklungslabor des japanischen Elektronikkonzerns Sony diskutierte schließlich die Frage, warum Roboter in Japan eher akzeptiert werden als in der westlichen Welt. Er widersprach der weit verbreiteten Auffassung, Japaner mögen Roboter, weil sie mehr an technischem Spielzeug interessiert seien als Europäer. Es verhalte sich aber genau umgekehrt. Im europäischen Kulturraum spielten "künstliche Kreaturen" eine viel größere Rolle. In der westlichen Kultur würden Menschen als "die besten verfügbaren Maschinen" betrachtet, die darüberhinaus "irgendein Delta" -- also über die Maschine hinausweisende Fähigkeiten -- aufweisen würden. Dieses Delta scheint aber immer kleiner zu werden, daher betrachte die westliche Zivilisation Roboter -- insbesondere menschenähnliche Roboter -- eher als potenzielle Bedrohung.

Ob diese Bedrohung tatsächlich real wird, ist allerdings immer noch unklar. In einer kurzen Präsentation wies Paul Levi auf eine EU-Untersuchung hin, in der die Perspektiven der Robotik untersucht werden. Künstliche Intelligenz -- beispielsweise zur Planung und Erfassung von Situationen -- gilt den Wissenschaftlern als "critical feature", zu dessen Entwicklung noch rund 20 Jahre notwendig sind. (wst/c't) / (jk)