Handys als ergonomisches Risiko

Immer mehr Menschen nutzen ihr Mobiltelefon als Hauptkommunikationsmittel auch für textliche Botschaften von der SMS bis zur E-Mail. Dabei werden die körperlichen Auswirkungen erst langsam untersucht.

vorlesen Druckansicht 1 Kommentar lesen
Lesezeit: 4 Min.

Immer mehr Menschen nutzen ihr Mobiltelefon als Hauptkommunikationsmittel auch für textliche Botschaften von der SMS bis zur E-Mail. Dabei werden die körperlichen Auswirkungen erst langsam untersucht.

Am PC lässt sich inzwischen in Sachen Arbeitshaltung mit ein bisschen gutem Willen zunehmend weniger falsch machen: Arbeitsmediziner geben Menschen Tipps, wie Bildschirm und Tastatur ausgerichtet sein sollten, ergonomisches Gestühl hilft Rücken und Hals und allerlei andere gut wirkende Tricks sind vielen Büroangestellten längst bekannt – sie müssen sie einfach nur umsetzen.

Bislang arbeitsmedizinisch nur in Teilbereichen betrachtet wurde jedoch eine andere Form der Bildschirmarbeit: Die am Handy. Das ist schon deshalb ein Fehler, weil die Geräte in den letzten Jahren viel mehr geworden sind als reine Telefone. Besitzer von Smartphones wickeln ihre wichtigste textliche Kommunikation über die Geräte ab, die Nutzung von SMS ist überall im Volk zu finden, der Kurznachrichtendaumen nicht nur bei Teenies eine Sprichwörtlichkeit.

Die US-Wissenschaftlerin Judith Gold, die im Bereich Epidemiologie am Institut für Gesundheitsberufe und Sozialarbeit der Temple University in Philadelphia arbeitet, hat nun eine Studie vorgestellt, die die körperlichen Auswirkungen der Nutzung von Handys untersucht. Dabei kümmerte sie sich um eine passende Testzielgruppe: Die der College-Studenten. Als Nutzungsart wurde "Texting" untersucht: Zu Deutsch SMS.

Bei ihrer Untersuchung stellt Gold schnell fest, dass jene Probanden die meisten Probleme mit Nackenregion und Rücken hatten, die zu den Viel-SMS-Nutzern gehörten. Die 138 Testpersonen mussten dazu angeben, wie viele Botschaften sie jeden Tag versendeten und dann Schmerzen im Körper auflisten. Dabei kamen die unterschiedlichsten Malaisen vor, die man so bislang nur von PC-Bildschirmarbeit kannte, darunter Sehnen- und Schleimbeutelentzündungen im Anfangsstadium. Bewegungsablaufuntersuchungen und die Erfassung medizinischer Daten wie Herzfrequenz ließen den Schluss zu, so Gold, dass die Handy-Nutzung der unergonomischer Bildschirmarbeit gleich käme.

Das Problem: Es ist gut möglich, dass es zu Langzeitschäden kommen kann. Da mit der textlichen Handy-Nutzung bereits in sehr jungen Jahren begonnen wird, können sich Erkrankungen lange Zeit entwickeln. Besonders so genannte Überlastungsschädigungen kommen vermehrt bei Bildschirmarbeitern vor, den Mobilfunk-Dauer-Usern dürfte ähnliches drohen.

Helfen kann dabei nur eine bessere ergonomische Gestaltung der Geräte. Hier ist die Branche noch ganz am Anfang. Während man sich am PC von der ergonomischen Tastatur über die ergonomische Maus bis hin zum speziellen Schreibtisch-Stuhl-Set-up alles notwendige kaufen kann, steht ein Handy in seiner Grundform unveränderlich da. Noch unklar ist außerdem, ob der Schritt von der eingebauten Tastatur zum berührungsempfindlichen Bildschirm positive oder negative Auswirkungen auf die Ergonomie hat. So bringen Touchscreens etwa auf dem Schreibtisch ganz neue Herausforderungen mit sich wie den so genannten "Touchscreen-Arm", der medizinisch an den Tennis-Arm erinnert.

Gold, die bei ihren Probanden auch Schulterprobleme feststellte, kann jedenfalls auch für normale Handys keine Entwarnung geben: "Was wir hier sehen, kennen wir von Menschen, die ihr ganzes Leben lang vor dem Bildschirm verbringen." Tatsächlich ähnelt sich die Haltung: Schultern unbeweglich bei sich schnell bewegenden Fingern. Hinzu kommt noch, dass die geringere Bildschirmfläche mehr Konzentration von den Handy-Nutzern verlangt und damit nicht gut für die Augen sein könnte.

Alternative Eingabewege setzen sich unterdessen nur schleppend durch. Trotz der Spracherkennung in vielen Handys tippen die Menschen selbst die Namen der Anzurufenden selbst ins Gerät, weil solche Methoden zu unzuverlässig sind.

Möglichkeiten, die Handy-Ergonomie zu verbessern, hätten Firmen viele. Bei den Touchscreens werden beispielsweise doppelseitige Modelle erwogen, bei denen die Finger stets auf der Rückseite des Geräts ruhen und von dort aus entspannter "tippen". Eine Umsetzung solcher Ideen lässt bislang allerdings noch auf sich warten. SMS-Daumen und Handy-Rückenschmerzen könnten in wenigen Jahren zur häufigen Diagnose werden, glaubt Gold. (bsc)