Fernsehfrei
Einst war das Volk süchtig nach TV - und besonders der Nachwuchs nicht mehr von der Glotze wegzubekommen. Dank Internet ändert sich das nun, der passive Konsum gehört der Vergangenheit an.
Mir geht das klassische Fernsehen schon seit Jahren auf den Zeiger. Bin ich bei Freunden oder bei Verwandten und die Dudelkiste läuft, verlasse ich am liebsten das Zimmer. Zu harsch boulevardesk das Programm der Privaten, zu zunehmend massenkompatibel das Angebot der Öffentlich-Rechtlichen. Filme, Dokus und Serien sind auf DVD oder per iTunes & Co. viel angenehmer zu genießen, nichts und niemand stört mich dabei, auch keine Werbeunterbrechung. Man pickt sich damit problemlos die Rosinen aus dem TV-Programm und lässt den ganzen Nerv draußen.
Mit dieser Haltung war ich bis vor wenigen Jahren die absolute Ausnahme: Fernsehfreie Tage stürzten Familien regelmäßig ins sozialphilosophische Chaos, das erste, was in einer neuen Wohnung sofort her musste, war das TV, direkt nach dem Bett. Mit zunehmendem Wohlgefühl beobachte ich nun, wie die Fernsehsucht auch bei ganz normalen Menschen nachlässt, die mir noch vor kurzem gesagt haben, ich hätte ja einen Stich, keinen Fernseher zu besitzen.
Grund für diesen radikalen Wandel ist eine andere Kiste: Der Computer mit schnellem Internet-Zugang. Er sorgt durch seine Interaktivität dafür, dass die fehlenden Wahlmöglichkeiten beim kanalweisen Fernsehkonsum jedem Kind offenbar werden. Während ich im Netz suchen, auswählen und mir all das zusammenstellen kann, was mich interessiert, fällt TV-Sendern das Finden des Massengeschmacks zunehmend schwerer. Das führt dann soweit, dass heute 15jährige nicht mehr die Ausnahme sind, denen Fernsehverbot weniger schlimm vorkommt, als der Entzug des Laptops.
Das klassische Medium TV wird sich radikal wandeln müssen, wenn es in dieser neuen Zeit überleben will – Werbebudgets schrumpfen wegen kleinerer Zielgruppen, der Konsument spult nervige Reklame vor und würde seine Lieblingsshow gerne jetzt und hier haben. Genauso wie die Zeitung mit den Nachrichten von gestern zunehmend an Auflage und Bedeutung verliert, weil sie schlicht zu langsam und unpassbar geworden ist, werden sich die reinen Fernsehabspielstationen in wenigen Jahren verabschieden. Was vermutlich bleibt, ist ein breit ausdifferenziertes Spartenkanalprogramm, wobei auch selbiges besser und praktischer "on demand", sprich: per Netz, zu nutzen wäre.
Für den Medienkonsumenten bedeutet dies, dass er sich noch intensiver damit beschäftigen muss, wem oder was er seine zunehmend knappe Zeit widmet. Das funktioniert dank Internet allerdings besser denn je. Und genau diese Wahlmöglichkeit ist es, die immer mehr Menschen schlicht und ergreifend nicht mehr missen wollen. Glotze war eben gestern.
(bsc)