Begeistern statt vergraulen

Mit beunruhigend wachsenden Abbrecherquoten verkehrt sich die Studienreform, die Studienverläufe eigentlich attraktiver machen sollte, an deutschen Hochschulen in ihr krasses Gegenteil. Als die Redaktion im Oktoberheft eine Serie zur Technikbildung startete, ahnte sie nicht, wie sehr das Thema den Puls der Zeit treffen würde.

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Von
  • Manfred Pietschmann

Es rumort an Deutschlands Universitäten. Mit beunruhigend wachsenden Abbrecherquoten verkehrt sich die Studienreform, die als sogenannter Bologna-Prozess die Studienverläufe und –abschlüsse europaweit harmonisieren und damit attraktiver machen sollte, an deutschen Hochschulen in ihr krasses Gegenteil. Nun reicht es den Betroffenen: Studenten der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) – und nicht nur sie – gehen auf die Straße, um gegen den immensen Selektions- und Leistungsdruck zu protestieren, der durch die Bachelor-Studiengänge entstanden ist.

Als die Redaktion aus Sorge um den Nachwuchsmangel bei Ingenieuren im Oktoberheft eine Serie zur Technikbildung startete, ahnte sie nicht, wie sehr das Thema den Puls der Zeit treffen würde. Auf die bisher erschienenen zwei Folgen erhielten wir zahlreiche Leserbriefe – sogar von Fachverbänden der Industrie. Einer davon erscheint uns so beispielhaft für die Lage in den technischen Studiengängen, dass wir ihn zeitnah und ungekürzt veröffentlichen.

Manfred Pietschmann, Chefredakteur

Liebes TR-Team,

ich erwarte schon gespannt die Ausgabe 1/2010 mit Ihrem Beitrag zum Thema „Abbrecherquote im Ingenieurstudium senken“.

Mein Sohn studiert zur Zeit Elektrotechnik an der TU München. Er hat ein bayerisches Abitur mit Auszeichnung und ist Stipendiat. Die bisherigen Klausuren hat er gerade noch so bestanden. Wir dachten zunächst, dass der Umstieg vom Schulbetrieb auf das Studium gewöhnungsbedürftig sei und dass sich die Ergebnisse schon noch verbessern würden. Statt dessen kam es schlimmer und er musste Klausuren wiederholen.

Mein Mann ist selbst Ingenieur und wenn wir nicht wüssten, dass unser Sohn ein begabter Bastler und interessierter Forscher ist, würden wir ihm raten, in einen anderen fachlichen Zweig zu wechseln. Da wir aber überzeugt sind, dass er als Ingenieur ein Gewinn für unsere Gesellschaft sein kann, haben wir ihn ermutigt, die Richtung beizubehalten. Allerdings habe ich inzwischen erheblichen Zweifel an der Uni, an der er versucht zu studieren: Von den 700 Kommilitonen, die mit ihm begonnen haben, werden (oder besser gesagt dürfen) nach den ersten vier Semestern nur noch etwa 250 übrig sein. Das Verhältnis dürfte noch krasser ausfallen, wenn gleichzeitig die G9 und G8 Abiturienten auf die Hochschulen zukommen. Nun kann man natürlich behaupten, dass Selektion auch der beruflichen Praxis entsprechen würde. Das mag schon sein, nur fragt man sich, warum erst überhaupt so viele Studienanfänger zugelassen werden. Schließlich darf sich bei diesem Prozess keiner wundern, dass die so erzeugte Elite nicht wirklich für Technik zu begeistern ist, weil diejenigen, die durchkommen, zwar fit sein dürften im Ablegen von Prüfungen, aber nie richtig gelernt haben das Gelernte technisch zu vertiefen und umzusetzen.

Ein Beispiel: In einer der letzten Klausuren sollte mein Sohn die Gleichungsmatrix für eine Schaltung mit einer Kapazitätsdiode aufstellen. Das Bauelement wurde zwar bisher nie in den Vorlesungen behandelt und mein Sohn konnte die Gleichungen wohl aufstellen, er fragte meinen Mann aber hernach, was denn das für ein Bauelement sei und wozu man es denn brauche! Ich frage mich wirklich, warum die TU München den Anspruch erhebt, im Lehrbetrieb eine Elite-Uni zu sein und welche Eliten dort hervorgebracht werden sollen. (Sind DAS die Ingenieure, bzw. Bachelors und Master, welche die Welt braucht, um die technischen Probleme von morgen zu lösen?)

Inzwischen hat das neue Semester begonnen. Gleich in der ersten Vorlesung legte einer der Professoren eine Graphik mit den Durchfallquoten in seinem Fach auf, um den Studenten mit Stolz klarzumachen, wie hart es hier zugeht und wie schlecht die Vorgänger damit zurecht gekommen sind – da kam Begeisterung auf beim Ingenieursnachwuchs!

Nun erwägt unser Sohn das Studium abzubrechen und eine Berufsausbildung mit Bodenhaftung zu machen.

Gudrun Fritzsche, MĂĽnchen (wst)