Der Handel misstraut CI-plus und HD+
Erst wurde HDTV als Zukunftstechnologie präsentiert, jetzt ist es die "Sau, die durchs Dorf gejagt wird". Kunden und Handel sind verunsichert, verärgert und prangern gleich auch die Schnittstelle CI-plus als Knebelwerkzeug an. Heise resale hat sich in der Branche umgehört.
Expert-Chef Volker MĂĽller verlangt von Herstellern und Programmanbietern endlich Klarheit und Einigung beim CI-plus Standard.
(Bild:Â expert)
Dieses Jahr wurde die Zeit des hochauflösenden Fernsehens im großen Stil in Deutschland eingeläutet. Endlich, sagten die TV-Industrie und der Fachhandel, die immerhin schon seit Jahren entsprechende HD-TVs verkaufen, aber ihre liebe Not bei der Verkaufsargumentation gegenüber den Kunden hatten – denn es fehlte (und fehlt immer noch) an ausreichenden HD-Inhalten (Content).
Die öffentlich-rechtlichen Sender bieten mit sporadischen Ausstrahlungen von HD-Sendungen (sportliche Großereignisse, Dokumentationen und Vorabendserien) immerhin schon einmal einen Vorgeschmack auf die neue, hochauflösende TV-Zukunft für Jedermann. Zur IFA wurde der Probebetrieb gestartet, zeitgleich begann der Satellitenbetreiber SES Astra mit dem HDTV-Angebot HD+. Ab Februar 2010 wollen Das Erste, ZDF, ARTE, Anixe HD und Servus TV im großen Stil HD-Inhalte ausstrahlen.
Die Privatsender wollen ihre HD-Inhalte ĂĽber den Satelliten-Service HD+ nur absolut sicher senden.
(Bild:Â Astra)
Seit November 2009 speist die RTL-Familie ihre Sender RTL und VOX in HDTV-Qualität via Satellit ein und ab sofort können auch die Programme Sat1, ProSieben und Kabel eins über HD+ in HDTV empfangen werden. Die Kabelbetreiber wollen hingegen erst in der zweiten Jahreshälfte mit der Ausstrahlung von HD-Inhalten starten. Denn sie erhoffen sich eine ähnlich großzügige finanzielle Unterstützung seitens der TV-Sender beim Ausbau des Kabelnetzes wie es das Satelliten-Fernsehen erhalten hat.
Vielleicht liegt das aber auch an den aktuellen Streitigkeiten. Schon vor dem Start der HD-Ausstrahlung begann das eigentliche Problem. Die Rechteinhaber wollten ihre hochauflösenden Inhalte nicht ungeschützt ausstrahlen und potenziellen Raubkopierern Tür und Tor öffnen. Während jede analoge Kopie etwa eines Filmes von schlechterer Qualität ist, kann man unendlich viele und gleichwertige Kopien von digitalen Daten machen. Eine neue Sicherheitstechnologie musste her, zumal auch die Landesmedienanstalten einen verbesserten Jugendschutz forderten. Die neue Schnittstelle CI-plus (Weiterentwicklung des Common Interface 1.0) sollte es richten.
Dann setzten die Privatsender noch eins drauf. So verlangte die RTL-Familie vom CI-plus-Forum, die Schnittstelle solle dafür sorgen, dass Werbeblöcke nicht schnell "vorgespult" werden können ("ad-skipping"), da der Sender ja von den Werbeeinnahmen lebe und die Einnahmenhöhe von der Reichweite abhänge. Dumm nur, dass der CI-plus-Standard überhaupt nicht für solche Einschränkungen ausgelegt ist, wie Dr. Dietrich Westerkamp von der Deutschen TV-Plattform ausdrücklich betont. Und besonders dumm, dass die Verbraucherzentralen, allen voran die NRW-Zentrale, gegen solche Beschränkungen der Anwendungsoptionen äußerst allergisch reagieren und deshalb potenziellen Kunden dringend vom Kauf abraten, bis die Rechtslage endgültig geklärt ist.
Anders als die Vorgängerversion verschlüsselt CI-plus die Inhalte bis zum Bildschirm.
Eingriffe in die Rechte des Anwenders können die Programmanbieter tatsächlich nur selbst festlegen. Dazu gehören neben "ad skipping" auch "no copy" (eine Sendung darf überhaupt nicht aufgezeichnet werden), aufgenommene Sendungen werden nach Tagen automatisch gelöscht oder eine zeitlich versetzte Wiedergabe (timeshift) kann eingeschränkt oder ganz unterbunden werden. Über diese Beschneidungen der Anwendungsrechte müssen die Sender zudem ihre Kunden selbst informieren. So könnte beispielsweise eine Vorabendserie in HD völlig ohne (Qualitäts- oder Zeit)-Einschränkungen vom Konsumenten gesehen, aufgenommen und bearbeitet werden. Ein internationales Fußballspiel hingegen könnte in HD-Qualität nur zum Ansehen zur Original-Sendezeit freigegeben werden.
Anfangs begrüßten Verbände und Hersteller noch CI-plus und rüsten seit dem Frühjahr 2009 vor allem ihre hochwertigeren Produkte mit einem CI-plus-Slot aus, in die das HD+-CAM (conditional access module) passen soll. Neben den Mitgliedern des CI-plus-Forums wie Sony, Samsung oder Philips gehören zu dieser Gruppe zum Beispiel Loewe sowie LG. Und Kathrein, TechnoTrend oder Humax sowie Panasonic haben unterschiedlich ausgestattete HD+-Sat-Receiver ins Angebot genommen.
Mittlerweile mag kein Vertreter der Industrie mehr offiziell das "neue TV-Zeitalter in brillanter Qualität" loben. Auch beim Fachhandel scheint die Anfangseuphorie verpufft zu sein. Auf Nachfragen von heise resale gab Euronics Deutschland erst gar keine Stellungnahme ab, und Volker Müller, Vorsitzender des Vorstands der Expert AG, zeigt offen seine Skepsis: "Bevor das Thema CI-plus im Handel Bedeutung gewinnt, sollten Hersteller und Programmanbieter dafür sorgen, dass sich der Standard CI-plus durchsetzt. Gegenwärtig herrscht darüber Unsicherheit, auch bei den Kunden. Die Expert-Gesellschafter gehen auf entsprechende Wünsche ihrer Kunden ein, ohne jedoch das Thema gegenwärtig aus den oben angeführten Gründen zu forcieren."
Die neue Schnittstelle CI-plus wird zum Zankapfel.
Olaf Zimmermann, Inhaber von EP:Herber aus Essen, geht noch weiter: "Die aktuelle Diskussion zum Thema CI-plus-Schnittstelle verunsichert die Verbraucher und stellt uns als Fachhändler vor große Herausforderungen bei Beratung und Verkauf. So stellen sich Verbraucher, die bereits ein HD-fähiges TV-Gerät mit dazugehörigem HDTV-Receiver besitzen, die berechtigte Frage, ob sie diese Geräte nicht weiter benutzen können und nun alles neu anschaffen müssen. Auch wissen wir nicht, ob und wenn ja wann es möglich sein wird, bereits vorhandene Geräte entsprechend für unsere Kunden nachzurüsten, oder ob die Hersteller zukünftig die CI-plus-Schnittstellen serienmäßig integrieren."
Zimmermann ist es klar, dass innovative Produkte, die dem Kunden Mehrwert bringen, für den Fachhandel wichtig sind. "Wir begrüßen die Einführung von HDTV sehr, doch der Verbraucher möchte HDTV im vollen Umfang genießen. Sicherlich gibt es Zuschauer die bereit sind, für HDTV-Inhalte zusätzlich zu bezahlen. Dennoch müssen sie entscheiden können, welche Programminhalte sie zu welchem Zeitpunkt konsumieren möchten. Schließlich bietet zeitversetztes Fernsehen auf Wunsch ohne Werbeunterbrechung größtmöglichen Komfort für den Zuschauer. Wir sind überzeugt dass sich die Reglementierung der TV-Inhalte in Deutschland nicht durchsetzen wird."
Hartmut Baumann, Bereichsleiter IT/Multimedia bei ElectronicPartner, mag nicht als Blitzableiter für verärgerte Kunden herhalten.
(Bild:Â EP)
Hartmut Baumann, Bereichsleiter IT/Multimedia bei ElectronicPartner, unterstützt den EP-Fachhändler bei seiner Gegenargumentation: "Wir von EP sind Botschafter und Förderer selbständiger Fachhandelsbetreiber und engagieren uns als Anwalt der Endkunden für glaubwürdige CE-Lösungen. Daher sehen wir das Thema CI-plus als problematisch an. In den letzten Jahren wurden auf Empfehlung von Satellitenbetreibern mehrere Millionen Geräte mit der angeblich "zukunftssicheren" CI-Schnittstelle verkauft. Diese wären zum Teil nur noch eingeschränkt nutzbar, auch wenn es Übergangslösungen geben soll. Am Ende muss sich der Handel als Blitzableiter mit verärgerten Endkunden auseinander setzen, wenn diese auf einmal ihre Sendungen nicht mehr aufzeichnen können. Schließlich haben die Händler ihnen die Technik ja verkauft."
Ein weiteres schlagendes Gegenargument des Handels: Wenn es sich rumgesprochen hat, dass das Aufzeichnen von Sendungen nicht mehr möglich ist, wird dies aus Sicht des Handels zudem gravierende Folgen für das gesamte Geschäft mit Aufzeichnungsgeräten und Speichermedien nach sich ziehen. (map)