Here be dragons
Hackerkongress in Berlin: Es gibt kaum eine bessere Gelegenheit, um sich ein Bild von der inneren Verfasstheit der Netzgesellschaft zu machen.
Vor dem Berliner Kongress-Zentrum sind schwarze Flaggen aufgezogen, die stilisierte Totenköpfe zieren - mit gekreuzten Posthörnern darunter. Man trägt viel schwarz, Kapuzenpullover, Bärte, Wollmützen und Basecaps -vereinzelt sind gar bunte Haare zu sehen - und nahezu jede und jeder hat einen Laptop oder ein Netbook unter dem Arm.Im Maschinenraum der Netzwelt feiern die Heinzelmännchen der Informationsgesellschaft Party: "Here be Dragons" - andere Leute fahren Ski, ich gebe mir in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr den jährlichen Kongress des Chaos Computerclubs.
Ehrlich, ich mag diese Veranstaltung, obwohl ich schon unter ganz normalen Umständen gelegentlich unter Informationsüberflutung leide - und das hier ist noch mal eine Größenordnung dichter. Aber es gibt kaum eine bessere Gelegenheit, sich ein Bild von der inneren Verfasstheit der Netzgesellschaft zu machen: Bereits im vergangen Jahr war deutlich zu merken, dass der Kongress deutlich politischer geworden war. (Das klingt banal, ist es aber nicht, denn normalerweise ist dem Technik-Freak das Gesellschaftliche an sich suspekt - Politik findet in "real life" statt, und mit dieser Welt verbindet man in der Regel eher negative Assoziationen - andere Menschen, Lohnarbeit, Behörden, Termine, Geld, all diese Dinge, die einen davon abhalten, sich mit den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu beschäftigen.) Dann kam die Online-Petition gegen die Netzsperre, der überraschende Wahlerfolg der Piratenpartei und eine Großdemo gegen die Vorratsdatenspeicherung. Was ist nun als nächstes zu erwarten? Gibt es Anzeichen für eine weitergehende Einmischung der "Generation Internet"? Gründe, das wird bei solchen Gelegenheiten ja gerne und ausführlich erklärt, gäbe es ja genug.
Mein Eindruck in diesem Jahr ist allerdings nicht so optimistisch: Ich denke, dass sich trotz des stetig wachsenden Datenhungers von staatlicher und privater Seite keine neue Bürgerrechtsbewegung entwickeln wird. Denn gegen eine solche Bewegung spricht vor allem, dass der Hacker ein ausgesprochener Individualist ist: Man pflegt das digitale Durchblicken als gesellschaftlichen Distinktionsfaktor, amüsiert sich über die "Generation Internet-Ausdrucker" und ihre politischen Protagonisten. Und man wundert sich ein bisschen hilflos darüber, wie einfach es im Grunde ist, emotionale Ressentiments der CDU-Stammwählerschaft gegen einen "rechtsfreien Raum" Internet zu mobilisieren. So lange cooler ist, (vermeintlich) viel mehr Durchblick zu haben, als "die Masse", und daraus ganz wesentlich das eigene Selbstwertgefühl zu bedienen, wird sich das nicht ändern. (wst)