Die neue Ungeduld
Warum dauert es eigentlich noch immer so lange, bis Unterhaltungserzeugnisse im Netz verfĂĽgbar sind? Muss man es den Raubkopierern so leicht machen?
Seit einigen Tagen warte ich mit zunehmender Genervtheit auf das Erscheinen der neuen Platte einer bekannten deutschen Band, die durchweg schöne Klänge verspricht. Da ich kein Musikjournalist bin (das war ich mal kurzzeitig mit um die 20) gehöre ich nicht zum erlauchten Kreis all jener, die die Scheibe vorab geliefert bekamen.
Aus diesem Grund sticht mich jedes neue Albumreview und jede neue Plattenbesprechung, die von eben jenem Tonträger handelt, Tag ein, Tag aus mitten ins Herz. Was, frage ich mich dann, haben jene Kollegen, die das Werk schon besitzen, was ich nicht habe? Ich würde das neue Ding in sozialen Medien sicherlich lobend erwähnen! Bin ich (und mein Geld) als in diesem Falle nur einfacher Konsument weniger wert als die journalistischen Fließbandarbeiter der Kulturindustrie? Müssen die Bits und Bytes des digitalen Tonträgers per Briefpost ins Netz eingescannt werden, weil es so lange dauert?
Natürlich nicht: Die Plattenfirma, von der man eigentlich nach Jahren schwerster Qualen und Umsatzdezimierung durch Internet-Piraten erwarten dürfte, dass sie es endlich gelernt hat, lässt alles auf einen koordinierten Veröffentlichungstermin (VÖ) zulaufen, will offensichtlich noch mindestens zwei Wochen "mächtig Buzz" generieren, ohne dass irgendjemand kaufen könnte.
Blöd nur, dass so etwas im Internet-Zeitalter kein bisschen funktioniert. Die Leute wollen, wenn sie etwas interessiert, ein entsprechendes Produkt - und das bitte schön sofort. Und es spräche bis auf die erwähnte Marketingkoordination, vulgo: Wartequälerei, auch technisch überhaupt nichts dagegen: Vermutlich ist das Album bereits seit zwei Monaten fertig, komplett gemastert und wartet nur auf die Auslieferung bzw. das Online-Stellen.
Wer von solcherlei Sado-Maßnahmen für Fans profitiert, sind allein die Raubkopierer. Die werden von dem einen oder anderen Besitzer einer Vorabkopie, so läuft das schon seit langem, gerne versorgt, damit sie den Tonträger dann ohne legale Alternative über Tauschbörsen vertreiben. Und wer dann tatsächlich illegal agiert und "saugt", kann dann all jenen treudoof auf den echten VÖ Wartenden eine lange Nase ziehen: Ätsch, ich kenn' das neue Werk doch schon!
In Russland, so habe ich neulich gelesen, hat die Filmindustrie extra das Veröffentlichungsfenster von DVDs und digitalen Filmen verkürzt, um der überhandnehmenden Schwarzkopiererei möglichst jeden Geschwindigkeitsvorteil zu nehmen. Wäre es nicht an der Zeit, damit auch hierzulande zu beginnen?
(bsc)