Open Brother II

Die Wirklichkeit ist mal wieder viel radikaler ist als die Satire: Die Kollegen vom NDR haben herausgefunden, dass mein Vorschlag einer „Open Source Überwachung“ längst realisiert ist.

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Vor zwei Wochen hatte ich eine innovative Idee der Hannoverschen Polizei aufgegriffen und konsequent weiter gedacht. Sie erinnern sich: Das Polizeipräsidium hatte gewissermaßen als vertrauensbildende Maßnahme die Standorte der lokalen Überwachungskameras im Internet veröffentlicht – und ich habe mich gefragt, warum die nicht auch gleich die Streams online stellen.

Heute muss ich lesen, dass die Wirklichkeit mal wieder viel radikaler ist, als die Satire: Die Kollegen vom NDR haben nämlich herausgefunden, dass mein Vorschlag einer „Open Source-Überwachung“ längst realisiert ist. Kriminelle können ganz einfach die Funkverbindung zwischen Videokameras und Basisstationen ausspähen. Die Kassen-Überwachung, die der paranoide Ladenbesitzer installiert hat, um zu verhindern, dass seine unterbezahlten Angestellten sich beim Wechselgeld verzählen, wird so zum praktischen Wasserstandsmelder für den kleinen Überfall am Abend.

Ersatz-Empfänger für das 2,4-Gigahertz-Band sind bei diversen Elektronik-Hökern schon für einige Zehn Euro zu haben – praktischerweise verfügen die Dinger in der Regel auch über eine eingebaute Scanner-Funktion, damit man nicht erst lange suchen muss, auf welcher Frequenz die Kameras denn nun funken. Da kriegt der Ausdruck „War Driving“ doch noch mal eine völlig neue Note.

Natürlich gibt es jetzt wieder Sicherheitsexperten, die fordern, dass der Funkverkehr zwischen Kamera und Empfänger halt einfach verschlüsselt werden sollte. Ich möchte an dieser Stelle jedoch zaghaft einwenden, dass es sich höchstwahrscheinlich nicht um ein technisches, sondern um ein kulturelles Problem handelt: Schon die Kleinsten werden doch heutzutage an die allgegenwärtige Überwachung gewöhnt. Passend dazu in der FAZ vom Freitag eine, auf den ersten Blick ganz harmlose Wirtschaftsmeldung: „Mit dem Zuwachs sei Playmobil im abgelaufenen Jahr im deutschen Spielwarengeschäft der zweitwichtigste Lieferant nach Lego (Dänemark) und vor Hasbro (USA) gewesen. Der Marktanteil im Bereich traditonelles Spielzeug liege bei 8,4 Prozent."

Damit wolle man sich aber nicht begnügen. Im neuen Jahr stehe neben der Modernisierung bekannter Spielwelten wie der bekannten Playmobil-Burg daher eine Erweiterung des Angebots auf dem Programm. "Mit dem Thema 'Top Agents' kommt nicht nur ein neues Thema in die Kinderzimmer. Die Agentenwelt umfasst neben den typischen Figuren einen hohen Anteil an Elektronik (Kameras, Sicherheitssysteme). Damit soll die Käufergruppe der 4 bis 8 Jahre alten Kinder auf bis zu 11 Jahre ausgedehnt werden. Dieser Altersgruppe entsprechend kommt die neue Figurenwelt auch 'cooler' daher in Schwarzgrau statt im typischen Playmobil-Blau. Für diese Kundengruppe wird auch die Werbung über das Internet stark ausgebaut." Noch Fragen? Von mir nicht. (wst)