Der grüne Tiger springt
Südkorea hat sich auf Platz eins der Öko-Investitionsliste katapultiert. Das Ziel ist, eine globale grüne Großmacht zu werden. Und im Gegensatz zu den anderen Industrienationen hat die koreanische Staatskasse noch Luft.
- Martin Kölling
Bei südkoreanischen Visionen muss man immer vorsichtig abwarten, was mit der Zeit von ihnen übrig bleibt. Die Politiker und Bürokraten schwelgen gerne in hoch gesteckten Zielen. Doch dem jetzigen Präsidenten Lee Myung-bak scheint wenigstens ein Projekt wirklich unter den Nägeln zu brennen: der so genannte neue grüne Sozialvertrag.
Mit einer nationalen Anstrengung will der konservative Ex-Wirtschaftsboss sein kleines Land als Öko-Großmacht etablieren. Seine Pläne muten fantastisch an, wie ich bereits letztes Jahr an dieser Stelle beschrieben habe. Immerhin beginnt die Regierung jetzt mit der Umsetzung: Am gestrigen Mittwoch hat Lees Öko-Panel einen Report vorgelegt, in dem die Begrenzung von Kohlendioxidemissionen sowie deren statistische Erfassung für dieses Jahr versprochen wird.
Das Vorhaben ist Teil von Lees Plan, den CO2-Ausstoß des Landes bis 2020 um vier Prozent unter das Niveau von 2005 zu senken. Verglichen mit der japanischen Verheißung, die Nippon AG bis dahin 25 Prozent weniger Klimagas als 1990 ausstoßen zu lassen, hört sich das erst einmal nicht sonderlich großartig an. Aber man darf nicht vergessen, dass Südkorea historisch gesehen erst kürzlich dem Schwellenlandstatus entwachsen ist und sich noch immer in einer Hochwachstumsphase befindet.
Das Land ist im Krisenjahr 2009 als einzige Industrienation gewachsen (wenn auch nur um 0,2 Prozent). Für dieses Jahr sagen die Auguren sogar Wachstumsraten von 4,5 bis 5,5 Prozent voraus. Besonders die Exportindustrie, allen voran der Elektronikhersteller Samsung und der Autobauer Hyundai, expandiert rasant. Hyundai hat in der Krise einen Absatz- und Gewinnrekord erzielt. Und bei einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von rund 20.000 US-Dollar darf man den Südkoreanern aus deutscher Sicht (mit unserem rund doppelt so hohen Pro-Kopf-BIP) das Festhalten am Wachstumsdrang noch nicht einmal übel nehmen.
Immerhin soll das Wachstum jetzt ökologisch verträglicher gestaltet werden, wenigstens in Kohlendioxid berechnet. Zwei Prozent des BIP will Südkorea in den kommenden Jahren zur Förderung umweltfreundlicher Techniken ausgeben. Die Unterlagen des G20-Gipfels von Pittsburgh im September 2009 unterstreichen Südkoreas Tatendrang.
Danach ist das Land in Sachen Öko-Investitionen derzeit einsamer Spitzenreiter. Die grünen Fonds machen 6,99 Prozent des BIP aus, weit mehr als im zweitplatzierten China (5,24 Prozent), dem drittplatzierten Australien (8,87 Prozent) oder gar Deutschland auf Platz 5 (mit 0,36 Prozent). Noch deutlicher wird Südkoreas Führung im Pro-Kopf-Ranking: Pro Nase investiert der ostasiatische Tiger mit 1238 Dollar fast dreimal so viel wie Australien auf Platz zwei und neun mal soviel wie Deutschland.
Das Ziel des nationalen Kraftaktes ist, in zehn grünen Techniken in der Weltspitze mitzuspielen - darunter LED-Beleuchtung, Sonnenenergie, smarten Stromnetzen, Hybrid- und anderen Öko-Autos und natürlich der – nach koreanischer Sicht – extrem sauberen Atomkraft. Gerade im letzteren Bereich hat das Land gerade bewiesen, dass es den Rückstand auf die Weltspitze aufzuholen vermag.
Sehr zum Missvergnügen der Japaner schnappte der Atom-Newcomer den Platzhirschen einen viele Milliarden Dollar schweren Auftrag der Vereinigten Arabischen Emirate für vier Atommeiler unter der Nase weg. Und niemand sollte darauf hoffen, dass dem Land so schnell die finanzielle Puste ausgeht.
Ok, ein Großteil des jetzigen Erfolgs ist dem schwachen Won zu verdanken, der irgendwann auch wieder erstarken wird. Aber die Verschuldung des Staates ist mit voraussichtlich 36 Prozent des BIP im laufenden Jahr noch recht gering. Da geht noch was, wenn's sein muss. (bsc)