Peepshow in der Chefetage

Was macht man als Unternehmer, um seiner Firma ein bisschen mehr Publicity zu verschaffen? Die eine Möglichkeit: Man blickt nach Amerika und holt sich dort ein paar Anregungen. Die andere: Man fragt Heise-resale-Kolumnisten Damian Sicking.

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Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Damian Sicking

Pironet-NDH-Chef Hans-Werner Scherer

(Bild: Pironet-NDH)

Lieber Hans-Werner Scherer, Vorstandschef der Pironet-NDH AG in Köln,

ich weiß nicht, ob Ihnen der Name Scott Jordan etwas sagt. Aber ganz sicher haben Sie schon mal etwas von Steve Wozniak, einem der Apple-Gründer, gehört. Beide Männer, Jordan und Wozniak, sind im Management-Team der US-Firma Scottevest, einem Spezialhersteller von Outdoor-Bekleidung. Warum Sie das interessieren sollte? Nun, ganz einfach, weil Scott Jordan etwas getan hat, was seiner kleinen Firma ein ungewöhnlich hohes Maß an Publicity verschafft hat. So berichtete in den Vereinigten Staaten nicht nur das renommierte Wirtschaftsmagazin Business Week über Scott und seine Firma, sondern der amerikanische Unternehmer schaffte es unter anderem auch in unsere deutschen Tageszeitungen Financial Times Deutschland und Süddeutsche Zeitung. Und etwas mehr Publicity, das kann doch fast jede Firma gebrauchen, auch das System- und Softwarehaus Pironet-NDH, oder nicht?

Wie Scott das geschafft hat? Ganz einfach, er hat eine Webcam in seinem Büro installiert und auf Dauerbetrieb geschaltet. So kann jeder, wer will, ihm bei seinem wichtigen unternehmerischen Tun zuschauen. Unzensiert, wie man hinzufügen muss, denn wenn Scott zum Beispiel einen Wutausbruch bekommt und einen seiner Geschäftspartner rund macht, dann darf man ihm dabei zuschauen, wenn man will. Sie fragen sich, was da Besondere daran sein soll? Lieber Herr Scherer, die Frage ist berechtigt. Die Antwort: Nichts, wenn Sie mich fragen. Zum größten Teil ist der Arbeitsalltag eines Firmenchefs ja stinklangweilig. Wer will das sehen? Deshalb nimmt Scott seine Webcam auch mit nach draußen und filmt dort weiter, zum Beispiel wenn er durch die Weite der amerikanischen Landschaft fährt oder er auf der Skipiste in der Abfahrtshocke den Abhang hinunterrast.

Man kann sagen, was man will: Mag die Ausführung auch amateurhaft sein, die Idee ist gut. Aber nicht neu. Ich selbst hatte sie – dann aber in der professionellen Variante – bereits mehrfach auch deutschen Firmen empfohlen, zuletzt vor einem Jahr an exakt dieser Stelle. Weil ich das Thema ungeheuer wichtig finde und ich gleichzeitig nicht ausschließen kann, dass Sie meine früheren Ausführungen wegen einer dringenden Dienst- oder Urlaubsreise womöglich verpasst haben, hier noch einmal das Wichtigste zum Mitschreiben.

Inspiriert hatten mich damals die Manager des Eishockeyvereins "Kölner Haie", also quasi bei Ihnen in der Nachbarschaft. Um etwas gegen den Zuschauerschwund zu tun und mehr Menschen für den Verein zu begeistern, kam die Vereinsführung vor einigen Jahren auf die Idee, in der Spielerdusche eine Webcam zu installieren und die Bilder der durchtrainierten Eishockeycracks ins Internet zu stellen. Eine Spitzenidee, wenn Sie mich fragen, gerade unter Berücksichtigung der potenziellen Horden von weiblichen Fans. Keine Ahnung, warum die Kölner diese Aktion dann doch nicht umgesetzt haben.

Ich bin auch nach wie vor davon überzeugt, dass sich die Idee der "Haie" mit nur geringfügigen Anpassungen prima von jedem Unternehmen realisieren lassen könnte. Es muss ja nicht gleich die Kamera in der Dusche des Vorstandsvorsitzenden sein – der PR-Effekt wäre in diesem Fall wohl auch eher zweifelhaft. Aber warum nicht mal eine Vorstands- oder Aufsichtsratssitzung per Kamera ins Internet stellen? Ich kenne viele Kleinaktionäre, die bei solchen Meetings gerne Mäuschen spielen würden. Oder warum nicht die Öffentlichkeit daran teilhaben lassen, wenn der Chef einen seiner Untergebenen mal so richtig zusammenstaucht? Das vermittelt dem Kunden das gute Gefühl, dass in der Firma der nötige Zug in der Mannschaft ist. Toll wäre es auch, wenn man eine interaktive Komponente einbauen könnte: Warum nicht die Homepage-Besucher darüber abstimmen lassen, welcher Mitarbeiter das Unternehmen verlassen muss und welcher befördert werden soll? Gerade jetzt vor der steigenden Bedeutung des "Social Web" ein Kundenbindungsinstrument erster Güte. Sex wäre theoretisch auch gut, aber das ist ein schwieriges Thema, bei dem der Schuss auch schnell nach hinten losgehen kann. Würde ich daher im ersten Schritt nicht empfehlen.

Lieber Herr Scherer, klingt das gut? Macht Sie das an? Ich meine, gerade für eine Firma wie Pironet-NDH, die etwas im Schatten der Großen steht, wäre das doch eine tolle Show! Nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass viele Aktionäre sowohl von der Geschäftsentwicklung als auch vom Aktienkurs des Unternehmen momentan ziemlich enttäuscht sind. Auf diese Weise ließe sich vielleicht wieder ein wenig Schwung in die ganze Sache bringen. Einen Versuchs wär´s wert. Finden Sie nicht?

Beste GrĂĽĂźe

Damian Sicking

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