Berater zweifeln an hohen Umsätzen mit Galileo
Dem amerikanischen Satellitennavigationssystem GPS setzen die Europäer ihr Galileo entgegen. Eine aktuelle Studie lässt allerdings die Umsatz-Hoffnungen überhöht aussehen.
2006 soll es losgehen: Dann sollen die ersten drei Satelliten des neuen europäischen Satellitennavigationssystems Galileo erstmals Positionsdaten auf die Erde funken. Komplett einsatzfähig wird das gigantische Vorhaben allerdings nicht vor 2008 sein -- wenn alles gut geht. 30 Erdtrabanten sollen dann in ihrer Umlaufbahn sein. Das Preisschild des Gegenentwurfs zu dem vom US-Militär erdachten GPS-System: knapp 3,5 Milliarden Euro.
Technisch soll das europäische System dem amerikanischen überlegen sein, politisch wird dafür ins Feld geführt, dass es die Abhängigkeit von den USA mindert. Doch ob die Investitionen darüberhinaus auch wirtschaftlich lohnenswert sind, bleibt umstritten.
Die EU-Kommission rechnet damit, dass Galileo zwischen 2008 und 2020 für Einnahmen von insgesamt 18 Milliarden Euro gut sein wird. Eine aktuelle Studie der Technologieberatung Frost & Sullivan dagegen ist deutlich vorsichtiger: Der zivile Markt für Satellitennavigation in Europa werde dank Galileo jährlich bis zu 515 Millionen Euro umfassen -- aber erst von 2020 an. Kommerziell interessante Anwendungen seien Verkehrsleitsysteme und Flottenmanagement, die private Nutzung im Freizeitbereich, Telekommunikation und der Sicherheitsmarkt.
Patrick Collins, Autor der Studie, betonte gegenüber Technology Review besonders die bessere Signalqualität, die die Galileo-Satelliten versprechen: "Die Zuverlässigkeit der Satellitennavigation wird deutlich erhöht, was insbesondere in Innenstädten hilft." Auch würden von Galileo wenig bewohnte Regionen abgedeckt, in denen man derzeit kein GPS-Signal empfangen kann.
Collins ging bei seinem Report ganz klassisch vor: Er bewertete Martktreiber und Marktbremser in einem realistischen Szenario. "Die prognostizierten Werte sind konservativ", sagte er. Die EU habe in ihren Voraussagen bislang gerne alle möglichen Faktoren in die Gesamtrechnung gesteckt -- so zum Beispiel Gelder, die dank verbesserter satellitengestützter Mauterfassungssysteme fließen oder Benutzungsgebühren, die man Rettungsdiensten künftig für die Nutzung von Galileo in Rechnung stellen will.
Größte Hürde in dem neuen Markt ist laut Frost & Sullivan die mangelnde Interoperabilität des aktuellen GPS mit dem neuen Galileo: "Die Systeme müssen sich ergänzen. Ein Wettbewerb würde beiden schaden." Eine Gefahr der Fragmentierung der Märkte für globale Anwendungen drohe. Collins geht daher davon aus, dass es Empfangsgeräte geben wird, die beide Standards beherrschen. GPS in Verbindung mit Galileo biete viele Vorteile, auch bei der Genauigkeit.
Im Freizeitmarkt, dem Frost & Sullivan mehr "location based"-Anwendungen voraussagt, sollen vor allem die großen Player gewinnen -- so bauen sich Konzerne wie Sony oder Toshiba, die längst eine große Endkundenbasis haben, derzeit ihr Know-how weiter auf, um Satellitennavigationskomponenten in noch mehr bestehende Geräte zu bringen. Im Flugverkehr könnte Galileo dank seiner besseren Genauigkeit dazu führen, dass mehr Maschinen in die Luft kommen. Collins hält etwa für Frankfurt bis zu zehn Prozent mehr Starts für möglich, weil der Tower dank Galileo deutlich genauer wissen würde, wo einzelne Flugzeuge sich derzeit befinden. GPS allein leiste dies nicht. (Ben Schwan) / (sma)