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Was war. Was wird.

Poesie ist eine mal ernste, mal fröhliche, aber jeweils nicht jedermanns Sache -- und die IT-Branche ebenso wie ihre gerichtsnotorischen Manager regen momentan lediglich zu Spottgedichten an, findet Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** In dieser Woche hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass umgekehrte Auktionen im deutschen Internet nicht rechtswidrig sind und nicht der Alltagslogik widersprechen. Heise-Leser werden sich vielleicht wundern, denn sie kennen die holländische Logik, ist sie doch am Sonntag im WWWW Alltag: Die Qualität der Kolumne fällt und fällt und fällt, bis man sich halt schaudernd wegklickt. Idealismus und Wahrheitssuche mit blauen Augen ist angesagt, hier geht es abwärts, abwärts, abwärts bis die Tränen in den Rotwein tropfen, und das ist nicht jedermanns Sache.

*** Es ist wie mit der Poesie. Der eine mags, der andere nie:

Einmal die Räder wie wenige drehen,
sein, der es ist, der es will und auch kann.
Einmal die ganz schweren Wege gehen,
wie Mannesmann-Esser, wie Ackermann.

*** Was aber ist das hochgereckte V-Zeichen gegen den Klang der Worte, die aus dem lyrischen Urgrund der deutschen Seele aufsteigen? Die Luft ist still und es dunkelt, kalt ist der Nachbar auch, doch quillt es offen

/*init*/

;

if (IBM zeigt sich nicht willig) {
;

} else /* [1] */
;
; goto Ende;
},

Die skurrilen Nachrichten rund um die meistgehasste Firma der IT-Welt beflügeln die Phantasie, jedenfalls mehr als die Aktienkurse. Gegenwärtig verzieht sich die unendliche Geschichte an die Ostküste. Novell geht nach Boston und Darl McBride nach Harvard, für einen Nachmittag. Das ist Zeit genug, eine neue Variante mit der großen ABI-Robbery zu verkünden.

** Heute ist der Tag der Erfinder. Allen voran natürlich der 100. Geburtstag von Sidney Joseph Perelman, Erfinder von Marx-Brother-Sketchen und unermüdlicher Lästerer über die Wissenschaft und den Fortschritt. Da der Hühnerinspektor Nr. 23 seinen Witz mit der Sprache trieb, blieb er unübersetzt: "I guess I'm just an old mad scientist at bottom. Give me an underground laboratory, half a dozen atom-smashers, and a beautiful girl in a diaphanous veil waiting to be turned into a chimpanzee, and I care not who writes the nation's laws." Mit seiner Radioshow "Author!" machte Perelman vor allem die Kriminalschriftsteller Ellery Queen berühmt, die Stücke schrieben und das Ende dem Hörer überließen. Dabei wurde viel mit räumlichen Aufnahmen experimentiert, was uns direkt zum zweiten Jubiläum bringt. Heute vor 50 Jahren warf sich, zermürbt von zahlreichen Patentstreitigkeiten, der Hochfrequenztechniker Edwin Howard Armstrong aus dem Fenster. Der Erfinder des UKW-Funks ist einer der ganz Großen in der Ahnengalerie der Gescheiterten Ingenieure. Zu den Erfindern mit einem hoffentlich schönen Lebensende kann David Bradley gezählt werden, der diese Woche bei IBM in Pension gegangen ist. CTRL-ALT-DEL, diese wunderschöne lebensrettende Tastensequenz, ist seine Erfindung, die er mit einem schönen Satz kommentierte: "Ich erfand wohl CTRL-ALT-DEL, doch Microsoft machte die Sache wirklich berühmt." Der Satz soll auf einer Feier zum 20. Jubiläum des PC gefallen sein und den Anwesenden Bill Gates nicht amüsiert haben, der das Sitzkissen zerknüllte.

*** Sir Bill mag sich über andere Sachen freuen, etwa über neue Microsoft-Patente für das Speichern von HDTV-Sendungen auf der Festplatte. Solche breiten Patente sollen Microsoft den Einstieg in das Fernsehen der Zukunft sichern. Fernsehen aber ist natürlich das Stichwort für das ultimative Fernsehen schlechthin: In den USA kommt der Superbowl auf die Schirme. 20 Jahre nach dem berühmtesten Bowl-Spot aller Zeiten und Ewigkeiten nach den Dotcom-Bowls der 90er ist Apple wieder dabei -- bei Pepsi, mit einer offensichtlich mickrigen Nebenrolle und dem Song "I fought the Law". Während alle auf den überall angekündigten Überraschungsgast und mögliche Überraschungsspots warten, sollte man an den alternativen Werbespot erinnern, dessen Ausstrahlung verweigert wird. Derweil kann man ja die Version der Grateful Dead spielen oder die Clash rauskramen. Im Pepsi-süßlichen Gesumme der Todfeinde guter Musik kann jeder Schritt zu besseren Klängen nur ein richtiger Schritt sein. Geld oder Label, das ist die Frage. Bis sie beantwortet ist, mag man sich des Freejazzers Ken Vandermark Soul- und Funkband Spaceways Incorporated zuwenden, die eher die unerwarteten Standards spielt. Es wäre interessant zu hören, was Spaceways aus der Musik des zu erinnernden Grant Green machte -- das "vergessene Genie der Jazz-Gitarre" starb gestern vor 25 Jahren im Alter von 44 Jahren an einem Herzinfarkt.

Was wird.

Nach dem Stand der Dinge muss Thomas Middelhoff nicht 32 Millionen Dollar an seine ehemaligen Mitstreiter Blottnitz und Buettner zahlen. Das beruhigt die Nerven und so mag er auf der Feier zum 20. Geburtstag von Utimaco ansprachen. Eigentlich wird "Utilisateurs et machines comptables" 40 Jahre alt, doch erst seit 20 Jahren ist die Firma, der wir alle unsere EC-Card-PINs verdanken, im PC-Geschäft. Das darf schon mal gefeiert werden. Ein Toast auf die Tausenden von Laptops und PDAs, die täglich in europäischen Taxen vergessen werden!

O Deutschland, die Land der Eliten und Poeten, du hast es gut, denn du hast auch eine Amtschefkommission Rechtschreibung, die am 5. Februar tagt und über eine Amtschefentscheidungvorlage berät, die die zwischenstaatliche Rechtschreibreformkommision absegnen soll. Richtig, es geht um die deutsche Sprache und ihre korrekte Verschriftlichung. Nicht eben spiegelredakteursarmdick ist der Report für die AmtschefInnen, doch allein 60 Seiten braucht es, neue Trennungen festzuschreiben und sie auch noch als vertraulich zu klassifizieren. Das ist ja das Schöne an der Sprache und der Schrift: Die Deregulierung der offiziellen Regeln ist längst so weit gediehen, dass die Leute vom Amt daran gehen können, ein Amt für deutsche Sprache damit zu betrauen, das Amtsdeutsch zu retten.

Wenn die deutsche Rechtschreibung versorgt ist, ist das Internet an der Reihe. Dann wird auch bei uns der sicherere Internet-Tag gefeiert. Unbeschwert dürfen sich dann die Kinder im Netz tummeln, gefahrlos hier- und dorthin klicken. Solche Sachen wie die Kinderprostitution in Alphaville sind schließlich nur virtuell und solchereins statthaft wie die Erothek im richtigen Leben. Und weil der kleine Wochenrückblick mit Poesie angefangen hat, kann er mit Poesia aufhören. Ausgeschrieben ist das aus Pisa stammende Projekt zwar das "Public Open-source Environment for a Large Safer Internet Access" und müsste eigentlich Posefalsia heißen. Aber wo sind wir denn, wenn nicht in der norddeutschen Tiefebene zu Hannover, der Heimat des welfischen Schwans, der so gerne Männer vernaschte:

Ein Mann, nicht groĂź, und solche Kirschen!
Sie gleichen fast dem StrauĂźenei.
Wie hinderlich beim schnellen Pirschen!
Mich bringen sie zur Raserei!!

In diesem Sinne: Einmal wieder ein geruhsames Wochenende, in Hannover und anderswo ... (Hal Faber) / (jk)