Google-Größenwahn

"Sei nicht böse" war gestern. Der Internet-Riese Google fährt eine neue Taktik: Erst schießen, dann fragen.

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Gestern schrieb der Kollege Stieler an dieser Stelle über die Versuche des Internet-Riesen, automatisierte Übersetzungsdienste in sein Smartphone-Betriebssystem Android zu integrieren. Neben all den technischen Hürden, die da zu überspringen wären, erwähnte er auch den potenziellen Datenschutzalbtraum, den das bedeuten könnte – will man Google überhaupt solche sensiblen Gesprächsinformationen übergeben?

Wenn ich mir den Ärger um den neuen Kommunikationsdienst Buzz ansehe, der sich in der vergangenen Woche überall im Netz hochschaukelte, würde ich sagen: eher nicht. Googles gutes, altes "Don't be evil"-Motto wurde offensichtlich abgelöst durch das "Wir machen, was uns passt"-Prinzip. Wer bei dem Internet-Riesen auf die Idee gekommen ist, ausgerechnet einen grundsätzlich privaten Dienst wie E-Mail mit einem Broadcast-Medium a la Twitter zu verbinden, muss sich fragen lassen, ob er oder sie denn zu heiß gebadet hat.

Man versteht ja die Motivation: Da ist Google Mail, ein Postdienst mit mittlerweile nicht ganz 180 Millionen Nutzern, und da ist die Social-Networking-Konkurrenz wie Twitter (75 Millionen Mitglieder) oder Facebook (400 Millionen), die Google nun schon seit mehreren Jahren neidisch beäugt. Also, dachte man sich, verknüpft man doch einfach die Nutzerbasis von Google Mail mit einem Kombi-Abklatsch aus Twitter und Facebook, das ist ja gerade trendy.

Blöd nur, dass Google gleich hübsche Automatismen eingebaut hatte, die unter anderem sensible E-Mail-Kontakte offenlegten oder das Stalken erleichterten. Dann ruderte man zurück, änderte hier und da etwas, wollte aber nicht vom grundsätzlichen Problem abrücken – nämlich der Kombination aus Privatheit und Öffentlichkeit, weil man ohne die den Markt nicht aufrollen kann (so scheint man es jedenfalls zu glauben).

Diese "Erst schießen, dann fragen"-Haltung schadet dem Image der Suchmaschine, die gerade aufgrund ihrer Chinapolitik großes Lob erhielt (auch wenn tatsächlich noch wenig passierte), gewaltig. Wenn man sich überlegt, was Google an Daten besitzt – unter anderem neun Monate lang alle Suchanfragen inklusive IP-Adresse, bevor sie (leicht) "anonymisiert" wird –, wird einem ganz schwindelig. (bsc)