Telemedizin: "Remote Fitting des Hörsystems"
Im Vorfeld der CeBIT hat die Medizinische Hochschule Hannover am Montag mehrere Projekte rund um Telemedizin vorgestellt – darunter eine Live-OP, die von Ärzten in Dubai mitverfolgt wurde. Auch bei der Nachbehandlung setzt die MHH auf telemedizinische Lösungen.
Fast 253 Milliarden Euro wurden laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2007 für Gesundheit in Deutschland ausgegeben. Zum Vergleich: Die Bundesregierung kalkuliert für das Haushaltsjahr 2010 mit Gesamteinnahmen des Staates in Höhe von 257 Milliarden Euro. Dass sich das Geschäft mit der Gesundheit vor allem für die Industrie lohnt, zeigte zuletzt unter anderem die Siemens AG: Die größten Margen im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres 2010 erwirtschaftete der Konzern mit 18,5 Prozent (plus 4,5 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr) im Bereich "Healthcare"; das Untersegment "Imaging & IT" kam sogar auf 21 Prozent (plus 5 Prozent). Entdeckt haben das lukrative Geschäftsfeld längst auch reine IT-Konzerne wie Microsoft und Intel – wobei hier das Augenmerk insbesondere auf Plattformen für das Gesundheitswesen (zum Beispiel die eGK) und telemedizinischen Anwendungen liegt.
(Bild:Â pmz)
Es kommt also nicht von ungefähr, dass die CeBIT (2. bis 6. März) das Thema TeleHealth (Halle 8) in diesem Jahr zum "Topthema" auserkoren hat. Zu den TeleHealth-Kooperationspartnern der CeBIT 2010 gehört unter anderem die Medizinische Hochschule Hannover (MHH), die am heutigen Montag im Rahmen einer Presseveranstaltung auf dem Klinikgelände gleich drei telemedizinische Projekte vorstellte. Den Auftakt machte der Direktor der MHH-Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde (HNO), Prof. Dr. Thomas Lenarz, Initiator des Projekts LION (Live International Otolaryngology Network). Ziel von LION ist die Aus- und Weiterbildung von Ärzten, indem weltweit angeschlossenen Projektpartnern kommentierte Live-Bilder von Operationen zur Verfügung gestellt werden.
Sowohl im Konferenzsaal in Hannover als auch in Dubai, wo derzeit die "7th Annual Middle East Update in Otolaryngology Conference & Exhibition" stattfindet, konnten HNO-Chirurgen und anwesende Pressevertreter am Vormittag in Echtzeit mitverfolgen, wie Professor Lenarz einem Patienten ein sogenanntes Cochlea-Implantat (CI) einsetzte. Cochlea-Implantate sind Hörprothesen für stark höreingeschränkte Patienten oder gänzlich Gehörlose, deren Hörnerv aber noch funktioniert. Bei der Operation unter Vollnarkose wird unter anderem eine Vertiefung in den Schädelknochen zur Aufnahme eines Stimulatorgehäuses des Implantats gefräst. Anschließend wird ein Loch in die Cochlea (Hörschnecke) gebohrt, um Stimulationselektroden einzuführen, die den Hörnerv reizen.
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Der Chirurg der Medizinischen Hochschule Hannover, die Klinikangaben zufolge weltweit eine Führungsrolle in Sachen Cochlea-Implantate einnimmt, kann weniger CI-erfahrenen Kollegen im Rahmen der Live-OP beispielsweise auf Besonderheiten oder Gefahren etwa beim Fräsen in der Nähe von Gesichts- und Geschmacksnerv hinweisen. Wurden die Live-OP-Bilder bis 2008 zunächst per ISDN übermittelt, verfügt die MHH inzwischen über eine SDSL-Anbindung (2 MBit/s). Das LION-Konzept werde zunehmend bei Konferenzen wie jetzt in Dubai angefragt, verdeutlicht Lenarz. Auch bei der Nachbetreuung der CI-Patienten setzt die MHH auf Telemedizin, wie Dr. Andreas Büchner, Technischer Leiter im Hörzentrum Hannover, ausführte.
So gibt es bundesweit derzeit sechs HNO-Zentren, in denen sich ein "Remote Fitting des Hörsystems" von in Hannover behandelten CI-Patienten durchführen lässt, die dafür unter anderem eine elektronische Krankenakte erhalten. Der Erfolg von technisch aufwendigen Cochlea-Implantat-Systemen hänge entscheidend von der Nachversorgung ab, erklärt Büchner. "Wir hoffen, dass mit Telemedizin die Abbrecherquote bei den Höranpassungen reduziert wird", ergänzt Dr. Andreas Tecklenburg, MHH-Vizepräsident und Vorstand für die Krankenversorgung. Müssten für einen Nachbehandlungstermin große Distanzen etwa per Auto zurückgelegt werden, leide häufig die "Patienten-Compliance". "Wird Telemedizin genutzt, sind Menschen bereiter, mitzumachen."
In Akutphasen, etwa wenn bei Naturkatastrophen wie beim Erdbeben jüngst in Haiti tausende Opfer schnell medizinische Hilfe benötigen, helfe Telemedizin allerdings wenig, räumt Tecklenburg ein. Ähnlich sieht es im Bereich Kardiologie aus, wo Prof. Dr. Gunnar Klein, Leiter des Bereichs Rhythmologie und Elektrophysiologie in der MHH-Klinik für Kardiologie und Angiologie, die bisher größte deutsche Defibrillatorstudie ins Leben gerufen hat. Zwar ist ein implantierter Defibrillator (ICD) in der Lage, per Elektroschock etwa ein akutes Kammerflimmern sofort zu beenden – telemedizinisch genutzt wird in der Kardiologie derzeit aber vor allem ein "Wasserstandsmelder": Über einen zusätzlichen Sensor werden mögliche Wasseransammlungen in der Lunge detektiert, die Zeichen für eine Dekompensation, also eine deutliche Verschlechterung der Pumpleistung des Herzens sind.
Über ein ans Telefonnetz angeschlossenes Fernüberwachungsgerät, das Sensordaten per Funk erhält und automatisch an ein Kardiologiezentrum weiterleitet, lässt sich eine Dekompensation laut Klein "10 bis 14 Tage früher" erkennen. Im Rahmen der Studie OPTILINK HF wird auf Basis von rund 1200 Patienten nun untersucht, ob die Fernüberwachung dazu beiträgt, die Sterblichkeitsrate und die Zahl von Krankenhausaufenthalten zu senken. Erste Ergebnisse sollen im Jahr 2012 vorliegen. Präsentiert werden die Telematiklösungen der MHH noch einmal am 3. März zwischen 14 und 17 Uhr im Rahmen des TeleHealth-Konferenzprogramms der CeBIT in Halle 8 auf dem Messegelände. (pmz)