Formatkrieg um das Multimedia-Web

Derzeit werden die meisten Netzvideos über das proprietäre Flash-Format eingebunden. Doch Open-Source-Aktivisten und Firmen wie Apple und Google kämpfen gegen die Technik des Software-Herstellers Adobe. Auf der Strecke bleiben die Nutzer.

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Als Apple Ende Januar sein iPad vorstellte, ging ein Raunen durch die Internet-Szene. Der Grund dafür war nicht darin zu suchen, dass der Computer- und Unterhaltungselektronikkonzern die Industrie besonders überrascht hätte – im Gegenteil, Soft- und Hardware des lange erwarteten Tablet-Rechners wirkten aufgrund ihrer iPhone-Ähnlichkeit auf viele Beobachter sogar verhältnismäßig langweilig.

Stattdessen drehte sich das Erstaunen um etwas anderes: Apples bewusste Entscheidung, die Multimedia-Technik Flash des Software-Herstellers Adobe auch auf dem Riesenbildschirm des iPad nicht zu implementieren. Das heißt faktisch, dass man auf dem Gerät, das sich Schätzungen von Marktforschern zufolge bald millionenfach verkaufen könnte, etwa die meisten Internet-Videos nicht betrachten kann. Auch in Flash aufgebaute Browser-Spiele sind nicht nutzbar, stattdessen sehen die Nutzer ein Fehlermeldungs-Icon. Bei Adobe reagierte man mit Enttäuschung: Es sei nicht nachzuvollziehen, warum Apple die Nutzer so behandele, die Flash doch haben wollten.

Apple kommentierte die Entscheidung nicht offiziell, ließ aber als Grund durchblicken, dass Flash sehr fehleranfällig und langsam sei, auf Mac-Rechnern zu vielen Abstürzen führe. Zudem gebe es längst Alternativen, namentlich den Web-Standard HTML5. Dieser erlaubt die Einbindung von Videos in hoher Qualität und enthält auch diverse Funktionen, die Flash-ähnliche Multimedia-Elemente erlauben. Der Hauptvorteil dabei: HTML5 ist im Gegensatz zu der Adobe-Technik ein offener Standard. Kein einzelner Hersteller bestimmt, wie das Format auszusehen hat.

Doch ganz so einfach, wie Apple es propagiert, ist es nicht. Würde die Welt auf HTML5 umsteigen, bliebe noch das große Problem des dabei zu verwendenden Videostandards. Flash hat in diesem Bereich den Markt total erobert, nachdem sich die Nutzer jahrelang mit den unterschiedlichsten Formaten und Software-Technologien herumärgern mussten.

Nun droht ein ähnliches Chaos mit HTML5. Denn auch hier verläuft nämlich ein Graben durch das Netz: Während die eine Seite – namentlich Apples zunehmend erfolgreicher Browser Safari sowie Googles weltgrößtes Videoangebot YouTube – auf die auch bei hochauflösenden Blu-ray-Scheiben eingesetzte, lizenzpflichtige Kompressionstechnik H.264 setzt, sieht man das in Open-Source-Kreisen anders. Dort, etwa beim sehr populären freien Browser Firefox und dem riesigen Online-Lexikon Wikipedia, würde man lieber die lizenzfreie Szene-Entwicklung Ogg nutzen.

Auf der Strecke bleiben die User. Die können derzeit beispielsweise YouTube ohne Flash nicht mit Firefox betrachten und müssen auf dem Flash-freien iPhone (und bald dem iPad) ohne Wikipedia-Videos auskommen. Eine echte Lösung ist nicht in Sicht. Die Zweiteilung hat nämlich technische wie wirtschaftliche Gründe. Bei Firefox und Wikipedia fürchtet man, von den Lizenzgebern von H.264, das derzeit noch kostenlos lizenziert wird, in einigen Jahren erheblich zur Kasse gebeten zu werden. Apple und Google wiederum scheint das herzlich egal zu sein – sie können sich noch nie mit der ihrer Meinung nach recht obskuren Ogg-Technik anfreunden.

Ein interessanter Lösungsvorschlag für das Problem kommt ausgerechnet von der als eher dogmatisch geltenden Free Software Foundation (FSF), jener Stiftung, die auch hinter der freien Lizenz des Online-Lexikons Wikipedia steckt. In einem offenen Brief forderte sie unlängst Google auf, den gordischen Knoten zu zerschlagen. Zentraler Dreh- und Angelpunkt des Vorschlags ist dabei das Unternehmen On2, ein Videokompressionsspezialist, den Google gerade übernommen hat. Die Firma hat mit dem VP8-Standard einen eigenen Konkurrenten zu Ogg und vor allem H.264 entwickelt, der sogar eine höhere Bildqualität verspricht.

Die FSF fordert nun, dass Google VP8 erstens komplett lizenzfrei macht und zweitens sein gigantisches Videoangebot YouTube komplett auf die Technik umstellt, um sie schnell in den Markt zu drücken. Google solle einmal darüber nachdenken, was man damit erreichen könne: "Die Abhängigkeit des Netzes von patentbeschränkten Videoformaten und der proprietären Software Flash würde mit einem Schlag gelöst." Noch ist das jedoch ein ferner Traum. Denn nicht nur Google müsste bei diesem Schritt mitmachen, sondern auch alle Browser-Hersteller inklusive Apple und dem Firefox-Projekt. So lange wird der Formatkrieg weitergehen – auf Kosten der Nutzer. (bsc)