Am Puls der Energieversorger

Was ist dran am Gerede von der „Renaissance der Atomkraft“? Wie präsentiert sich die Branche? Wittert sie Morgenluft? Werden auch in Deutschland bald wieder neue Atommeiler gebaut?

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Während viele meiner Kollegen vergangene Woche nach Hannover gefahren sind, um sich die neuesten Gadgets anzusehen, bin ich nach Berlin gefahren, um etwas über die Energieversorgung von Morgen zu hören. Ein ganzer Track der Tagung „Zukunft der Kraftwerke“ war der „Renaissance der Atomkraft“ gewidmet. Was ist dran, an diesem Schlagwort, wollte ich wissen. Wie präsentiert sich die Branche? Wittert sie Morgenluft? Werden auch in Deutschland bald wieder neue Atommeiler gebaut?

Manchmal ist es spannender zu hören, was nicht gesagt wird als das, was öffentlich verhandelt wird. So auch hier: Man präsentierte sich als Klimaretter, einziger Garant einer CO2-freien – oder zumindest doch kohlenstoffarmen – Versorgungssicherung und Bollwerk der Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industrie (die abwandern könnte, wenn es den billigen Atomstrom nicht mehr gibt). Doch über das leidige Thema Geld wollte keiner der anwesenden Industrievertreter sprechen – obwohl das Auditorium sicherlich geballten wirtschaftlichen Sachverstand geboten hätte.

Warum ist das so? Weil die Finanzierung die Achillesferse der Kernenergie bleibt: Eine Untersuchung der Citygroup, der man normalerweise keine linke oder ökologistische Verblendung vorwerfen kann, kam vor kurzem zu dem Ergebnis, dass vom Bau neuer Atomreaktoren schlichtweg aus ökonomischen Gründen abzuraten sei.

Die US-Regierung hat das Problem klar erkannt und stellt Bürgschaften für den Bau neuer AKWs in Aussicht. Das halte ich hierzulande für extrem unwahrscheinlich. Denn das Thema ist politisch noch immer ein heißes Eisen – und außerdem musste die Bundesregierung ja gerade erst der Autoindustrie mit ein paar Milliarden unter die Arme greifen.

Ach, und wo wir grade bei politischen Diskussionen sind, noch eine Abschließende Randbemerkung: Ich bin immer wieder erschüttert darüber, wie hartnäckig sich die Idee vom angeblich ideologiefreien, wissenschaftlichen Denken hält. Immer wieder begegne ich studierten Menschen, die eigentlich dafür bezahlt werden, ihren Kopf zum Denken zu gebrauchen, mir aber allen Ernstes erzählen wollen, die Ablehnung der Atomkraft, die Notwendigkeit von Maßnahmen gegen den Klimawandel – beliebiges strittiges Umwelt-Thema bitte hier einsetzen – sei „rein ideologisch“.

Ich kann’s echt nicht mehr hören, deshalb noch einmal ganz langsam zum Mitdenken: Ich kenne kein System zur Erklärung der Welt, das nicht von Grundvoraussetzungen ausgeht, die ohne Beweis als wahr angenommen werden (das ist nicht weiter verwunderlich, denn unser Wissen von der Welt ist nun mal unvollständig – und wird es höchstwahrscheinlich auch immer sein). Der Gegensatz zwischen „gesundem Menschenverstand“ auf der einen und „Ideologie“ auf der anderen Seite existiert nicht. (wst)