Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann
Die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken könnte dem Staat pro Jahr bis zu 50 Milliarden in die Kasse spülen. Wetten, dass da der eine oder andere schwach wird?
Vergangene Woche habe ich an dieser Stelle ĂĽber die Schwierigkeiten berichtet, mit denen sich die Atomwirtschaft plagen muss, wenn sie neue Kernkraftwerke bauen will. Heute soll es um die Schwierigkeiten gehen, die sich auftun, wenn man alte AKWs weiterbetreiben will.
Zwar soll es, bevor die Genehmigung für eine Laufzeitverlängerung erteilt wird, eine gründliche technische Überprüfung der Reaktoren geben – plus einer eventuellen Nachrüstung. Aber die wirklich spannenden Probleme sind nicht in erster Linie technischer Natur – zumindest nicht direkt. Sie betreffen vielmehr das Energiesystem als Ganzes: Die 17 in Deutschland noch laufenden Atomkraftwerke erzeugen pro Jahr etwa 140 Terawattstunden elektrischer Energie – das entspricht ungefähr 23 Prozent des jährlichen Stromverbrauchs. Dieser Strom kann in den abgeschriebenen Anlagen natürlich konkurrenzlos billig produziert werden, was den Energiemarkt nicht unerheblich verändern wird.
Unter anderem bekommen zahlreiche Stadtwerke, die in Erwartung des Atomausstieges bisher fleißig in neue, hocheffiziente Gaskraftwerke investiert haben, jetzt ganz kalte Füße. Denn überschüssigen Strom aus diesen Kraftwerken würden sie dann an der Leipziger Strombörse kaum mehr loswerden. Das leise Grummeln, das ich bereits in Berlin zu diesem Thema gehört hatte, ist nun sehr viel lauter geworden: 150 Stadtwerke wollen die Bundesregierung zwingen, im Fall einer Laufzeitverlängerung alte Kohlekraftwerke vom Netz zu nehmen, meldet der Spiegel.
In der FAZ von 12. März habe ich dagegen einen überaus unterhaltsamen Debattenbeitrag von Manuel Frondel, Justus Haucap und Christoph M. Schmidt gelesen. Die Wissenschaftler machen darin einen interessanten Vorschlag – gewissermaßen ein Angebot, das man nicht ablehnen kann: Der Staat sollte die Lizenzen für verlängerte Laufzeiten von AKWs zur Auktion ausschreiben, und so einen Großteil der zu erwartenden Gewinne der Energiekonzerne abschöpfen.
Wohlgemerkt, wir reden nicht über Peanuts: „Nimmt man etwa eine Laufzeitverlängerung um acht Jahre und eine Atomstrommenge von 140 TWh pro Jahr an, die in der Vergangenheit jährlich mindestens erzeugt wurde, dann ergibt sich ein Versteigerungsumfang von 1120 Terawattstunden oder 1120 Milliarden Kilowattstunden“, rechnen die Autoren vor. „Diese Strommenge hätte beim derzeitigen Börsenpreis von fünf Eurocent pro Kilowattstunde Grundlaststrom einen Wert von etwa 56 Milliarden Euro.“ Was mit dem Geld passieren soll, sagen sie nicht. Das wäre eine politische Entscheidung. 56 Milliarden – das ist schon eine Stange Geld, die durchaus geeignet ist, Begehrlichkeiten zu wecken. Da kann man schon mal den einen oder anderen politischen Grundsatz über Bord werfen, oder? Ich bin gespannt, wer sich angesichts dieses fetten Brockens mit wem in die Haare bekommt, und welche Koalitionen sich da bilden.
Die Idee, das Geld zur Förderung alternativer Energien zu verwenden, lehnen die Experten selbstredend ab – wenig verwunderlich, denn Frondel beispielsweise ist ein profilierter Gegner der Photovoltaik-Förderung. Aber wer sagt denn, dass die Förderung Erneuerbarer Energien immer so aussehen muss, wie sie hier und jetzt praktiziert wird? Wie wäre es denn, auch hierzulande mal eine ganz ernsthafte Energieforschung zu fördern? Eine, die ihren Namen auch verdient – so ähnlich wie die USA das mit der ARPA-E vormachen: Nicht immer in erster Linie auf die direkte Umsetzbarkeit schielen, sondern hochriskante, weit reichende Projekte fördern, die auch scheitern können, aber dafür umso mehr bringen, wenn sie gelingen. Künstliche Photosynthese, Biosprit aus Algen oder neue Energiespeicher – an guten Ideen mangelt es nicht. Man muss sie nur umsetzen wollen.
(wst)