Wenn die Werkbank streikt

In China fällt es den Firmen, die billige Waren für den Westen produzieren, immer schwerer, genügend Arbeiter zu finden. War es eventuell doch keine so gute Idee, Europa und Amerika zu deindustrialisieren?

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Apple hat ein Imageproblem. Der hippe Hersteller von – verhältnismäßig teurer – Rechen- und Unterhaltungstechnik produziert wie so viele andere westliche Markenriesen in China – und musste vor einigen Jahren einräumen, dass dies nicht immer zu den besten Bedingungen geschieht. Inzwischen wird jährlich ein Fortschrittsbericht veröffentlicht und regelmäßig kontrolliert, dass es keine zu argen Auswüchse gibt. Ein Traumjob ist das Zusammenlöten von iPhone, MacBook & Co. jedoch immer noch nicht. So musste der Konzern seine Zulieferer dazu drängen, ihren Mitarbeitern immerhin einen Wochentag freizugeben, die Anstellung Minderjähriger zu unterbinden und zudem neulich einzuräumen, dass Arbeitsvermittler Leiharbeiter mit Millionengewinn ausbeuteten. Soweit so normal: Apple nennt immerhin die Probleme relativ offen, während andere westliche Konzerne die Arbeitsbedingungen in Asien gerne geheim halten.

Was jedoch weniger business as usual ist: In China scheinen die Menschen immer weniger Lust dazu zu haben, in den Fabriken im Süden zu schwierigen Bedingungen zu schuften – auch wenn sie dort als Ungelernte noch immer mehr verdienen können als in ärmeren Landesteilen. Erst kürzlich titelte Spiegel Online: "Der Weltfabrik gehen die Arbeiter aus". In dem Beitrag wurde beleuchtet, dass nach dem chinesischen Neujahrsfest, der einzigen traditionellen Urlaubsperiode im Riesenreich, teilweise mehr als die Hälfte der Arbeiter nicht in die Fabriken im Süden zurückkehrten und stattdessen auf dem Land bei ihren Familien blieben. Der Grund: China hat in den letzten Jahren versucht, mit einem gigantischen Konjunkturprogramm auch in den unterentwickelten Landesteilen Wachstum zu generieren. Außerdem erhalten Menschen vom Land nur in ihrer Heimatregion auch eine soziale und medizinische Versorgung, in den Städten sind sie vom regierungseigenen Versorgungsnetz weitgehend abgeschnitten.

Es gibt Experten, die befürchten, dass es bald schon zu Lieferproblemen kommen wird – zumindest könnten sich Produkte verteuern, weil Löhne erhöht werden müssen, um die Arbeiter zu halten. Ob diese Horrorvorstellung der westlichen Konzerne eintrifft, ist unklar. Zudem könnte die Produktionskarawane einfach weiterziehen – und teilweise tut sie das längst. Länder wie Vietnam, Bangladesch oder auch arme afrikanische Staaten sind schon seit längerem als noch billigere Produktionsstandorte entdeckt worden. Auch die Chinesen selbst mischen mit.

Aber vielleicht sollten all diese (kommenden) Probleme bei uns ein Umdenken einleiten: War es wirklich sinnvoll, in Europa und in den USA die Industriebasis zu zerstören, so dass wir alle heute darauf angewiesen sind, in China und Co. zu produzieren? Sind Dienstleistungen und "teure" Produktionsanteile wie Forschung und Entwicklung wirklich alles, was wir hier zu Lande brauchen? Oder wäre es angesichts der Arbeitslosenquote nicht interessant, auch wieder verstärkt zu fertigen? (bsc)