Was war. Was wird.
Intelligentes Pinkeln? Warum nicht, wenn's der Wahrheitsfindung oder besser der Weltenrettung dient[ ]... Aber Hal Faber muss sich auch erst einmal mit der Dialektik der Werkzeuge beschäftigen.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Bürger und Bürgerinnen! Der freie deutsche Arbeiter- und Bauernstaat blickt mit Abscheu auf das Treiben in der BRD. Heute geht unser Blick nach Hannover, der Hauptstadt der norddeutschen Tiefebene, wo in all seiner Flachheit der deutsche Straßenroller erfunden wurde. In dieser Stadt sind wir wieder einmal Zeuge, wie der Kapitalismus die Hirne vergiftet und Politiker willig katzbuckeln. In dieser Stadt lebte und arbeitete Dieter Oesterlen, der nach der Befreiung vom Faschismus am Leineschloss für die Demokratie einen denkmalswürdigen Plenarsaal baute. Ganz bewusst verzichtete Oesterlen auf Fenster, damit sich die Volksdiener auf ihre Arbeit konzentrieren können. Heute ist das alles vergessen, heute wird der denkmals-"geschützte" Bau nach einem Beschluss des Parlamentes abgerissen und durch einen Glasbau ersetzt, in dem sich die Eitelkeit und Geschwätzigkeit des Kapitalismus spiegeln kann. 45 Millionen Euro werden dafür ausgegeben, dass drei Tage im Monat die Repräsentaten einer Demokratie zusammenkommen, die alles andere ist als eine demokratische Vertretung der arbeitenden Menschen. So sehen wir wieder einmal, dass der Feind keine Kultur hat und dort, wo noch Kultur war, mit Glas Transparenz simulieren will. Wie anders sieht da unser wunderschöner Palast der Republik aus, ein souveränes, gepflegtes Rasenstück, das den Willen des Volkes symbolisiert: Nie wieder Krieg, nur Federball!
*** Heute vor 50 Jahren startete das Westfernsehen im Ostfernsehen. Nach 1519 Sendungen verabschiedete sich Karl-Eduard von Schnitzler ungebrochen von der bekanntesten Remix-Kultursendung Deutschlands. Der Schwarze Kanal soll einen Vorgänger in der BRD gehabt haben, doch die einzige Alternative zum Kapitalismus, die Bilder aus dieser unmenschlichen Welt brachte, die sich jeden Montag mit dem "Feind im Äther" auseinandersetzte, hatte ein eigenes Kaliber. In der DDR entstand dank der unermüdlichen Agitation von Schnitzler der Eindruck, dass im Westen objektiv berichtet wird: Dieser Montagsmaler hat ganze Arbeit geleistet. Täglich wurde ihm eine versiegelte Aktentasche gereicht für seine giftigen Notate. Heute hätte er Google-Alerts eingerichtet, mit Hunderten von Alerts wie Abrüstung oder Nuklearwaffenkonvention. Und würde mit Helmut Schmidt gegen die Waffen wetternd einträchtig eine Zigarette rauchen.
*** Von Journalistenschülern in Leipzig befragt, was denn Journalismus sei, hat von Schnitzler geantwortet: "Es ist Abkehr von jeder Illusion, das heißt: schonungslose Analyse der Wirklichkeit. Nur sie kann uns zu einer eigenen und vor allem richtigen Meinung verhelfen. " Gut möglich, dass er glaubte, seine Arbeit sei eben diese schonungslose Analyse. Wie wichtig die Analyse heute ist, zeigt die weiterhin geführte Diskussion über Nacktscanner, die Datenschützer skeptisch betrachten. Wer eine Waffe in ein Schnitzel einpackt, kommt durch. Ähnlich effektiv arbeiten offenbar wünschelrutenartige Bombendetektoren. Diese Placebo-Wedel sollen eine gänzlich verbesserte Version des Unsinns darstellen, die vom Sicherheitsspezialisten Markus Kuhn als kompletter Fake enttarnt wurde. Man könnte drüber lachen wie über deutsche Politiker, die Browser verhaften wollen, wenn, ja wenn nicht Menschen mit diesem Mist nach tödlichen Bomben gesucht haben und Menschen gestorben sind, weil diese "Technik" gar nichts finden konnte. Dann wären da noch die Menschen, die das "Sezieren" der Smartcard anprangern, weil diese gefährlichen Hacker, die Cracker und die Knacker auf Firmengeheimnisse scharf sind und die Volkswirtschaft bedrohen. Sie muss man nicht verlinken. Und: Bis zur genauen Untersuchung der Innereien durch Fachleute und aufmerksam die Sache verfolgende Journalisten halte ich diesen HEDD1 (PDF-Datei) für genauso sinnvoll wie einen Busenwärmer mit USB-Anschluss, der nur eine Mamma auftaut.
*** Entgegen manch triumphaler Geste ist die Diskussion über die Vorratsdatenspeicherung noch lange nicht beendet, sondern steht an einem neuen Anfang. Das kann man an den gedrechselten Äußerungen der zuständigen Ministerin erkennen oder am Sprecher des AK Vorrat, der auf dem #lawcamp das Urteil als Rückschritt bezeichnet hat. Ist es vielleicht so, dass im Namen einer Ideologie des Datenschutzes hier Herrschaftswissen der besonderen Art vor den Garnixnerds gesichert wird, wie es die Altlinken gerne posaunieren: "Autofahren ist klassenübergreifend, Computerbenutzung auch. Aber vor allem Selbständige und Multiplikatoren haben Berufs- und Wettbewerbsgeheimnisse. Wer ihnen hier hineinpfuscht, stößt auf das besonders große Protestpotential von Rechtsanwälten und Journalisten sowie des Medienkapitals." Der Volkszorn, der so angeblich erzeugt wird, ist billig gesteuertes Eigeninteresse. Man sollte in jedem Fall nicht verheimlichen, dass es auch Positionen gibt, die die Vorratsdatenspeicherung gegen den Staat gewendet für eine gute Sache halten. Denn nur so ist die Chance da, dass dokumentiert werden kann, wie nicht die pöhsen Chinesen, sondern ein Doktorand des Hasso Plattner-Institutes die missliebige Meinung eines akademischen Außenseiters abschalten will.
*** Derweil nehmen die Debatten um das Denken im Zeitalter des Internets an Fahrt auf, mit etwa 20 Jahren Verpätung. Kann man sich eigentlich noch um das Denken kümmern, wenn iPhone Äpps für Zweijährige auf dem Markt erscheinen? Wer so jung konditioniert wird, kann gar nicht mehr die Kontrolle verlieren und Eintauchen in die aufgeschlämmte Welt der digitalen Bohème, die sich schon deshalb über Kontrollen á la Elena lustig machen kann, weil sie noch nie einen richtigen Lohnzettel gesehen hat. Die 35 Millionen Datensätze, das sind die Anderen. Wer so urteilt, fährt Vollgas in einer Sackgasse. Das mag überraschend enden, ganz im Sinne eines bekannten Preises für die Exculpation aus dem Gen-Pool. Dagegen muss man festhalten, dass es immer Unser Denken ist, das das Internet lenkt. Dazu gehören auch die Begehrlichkeiten unterdrückender Mächte, unser freies Denken zu kontrollieren und zu unterdrücken. Ja, wenn die Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden sollen, dann braucht es bewegliche Datenschützer, die Tango tanzen können, natürlich den Libertango. Und wenn dann noch Pamela im roten Kleid auftaucht, weil dieser Prozess sich als Farce entblättert, .... dann lächelt Chuck Norris versonnen und knutscht Karl-Eduard von Schnitzler. Darüber berichtet dann Ingo Mocek, und alles ist in Butter. Ich erzähle dann im nächsten WWWW, wie mir Bill Gates eingeschlafen ist, mitten im Interview. Welchselbiges nicht schnarch, röchel, rrhumpfss endete, wir sind ja Profis.
Was wird.
Bill Gates? Die kommende Woche beginnt mit dem Versuch, mit der längsten Schlange vor einer Toilette ins Guiness-Buch der Rekorde zu kommen. Das hört sich blöd an, hat aber einen ernsten Hintergrund, den der Weltwassertag vermitteln soll. Man muss einfach ein Stück weiter denken und an all den Phosphor erinnern, den eine echte Bewirtschaftung des Urins zurückgewinnen (PDF-Datei) kann, wie es kämpferisch hier festgestellt wird: "Urine is a potential source of the mineral. So far, there is no indication that Bill Gates wants to monopolise world supplies of urine: this may be because it's complicated to do so. To capture, value, and reuse urine requires a multi-dimensional transformation in how we think about and treat sewage. Technologies, regulations, business models - and especially attitudes and behaviour - all have to change." Intelligenter Pinkeln, das ist die Losung. Ob es eine Lösung ist, werden wir ja sehen. (jk)