Mein erstes Mal
Kann man Massen-Gentests datenschutz-freundlich gestalten?
Ist der Mensch schlecht? Jedenfalls hat er ein tief verankertes schlechtes Gewissen: Wie sonst ist zu erklären, dass völlig integren Mitmenschen bei der Ankündigung einer Fahrkarten- oder Passkontrolle in den ersten Sekunden ein kurzes Erschrecken durch die Gesichter fährt, als ob sie vielleicht doch etwas zu verbergen hätten? Ich selbst muss so ähnlich geschaut haben, als ich am Freitag den Briefkasten öffnete und ein Schreiben des „Zentralen Kriminaldienstes“ der Stadt Hannover darin fand.
Es war die Aufforderung, an einem Massen-Gentest teilzunehmen – rund 1500 Männer aus meinem Stadtteil hat die Kriminalpolizei angeschrieben, knappe 300 haben sich am ersten von drei Tagen an der Aktion beteiligt. Zur Abgabe der Proben hatte die Polizei eine Schule beinahe liebevoll dekoriert: Meterweise rot-weißes Flatterband markiert die – völlig leeren – Wartezonen. Jeder Testwillige wird gleich von zwei Polizisten betreut, die ihm zunächst ausführlich das Verfahren erklären.
Offenbar hat der mediale Dauerbeschuss in Sachen Privatsphäre und Datenschutz auch die Polizei erreicht: Man gibt sich größte Mühe, den Eindruck zu erwecken, dass die erhobenen Gendaten nicht in falsche Hände geraten. Die Proben sollen anonymisiert ans LKA weitergeleitet werden, außerdem sollen die festgestellten DNA-Identifizierungsmuster, falls sich keine Übereinstimmung mit den Tatortspuren findet, sofort gelöscht, für keinerlei andere Ermittlungen verwendet und garantiert auch nicht im DNA-Zentralregister des BKA gespeichert werden.
Ich werde von zwei hippen, jungen Polizeibeamten abgefertigt – ganz offen, nett und freundlich. Die Beamten tragen grüne Mundschutztücher und Plastikkarten mit ihren Namen, die an bunten Bändern um den Hals hängen. Vor uns auf dem Tisch liegen in Plastikfolie eingeschweißte Röhrchen mit den berühmten Wattestäbchen.
"Tut auch gar nicht weh", sagt Polizeikommissar Georg Funke. Ein Wisch, und meine Zellen sind im Röhrchen. Ganz wohl ist mir bei der Sache aber nicht: Nicht nur wegen der immer stärker werdenden wissenschaftlichen Zweifel an der Aussagekraft von DNA-Profilen. Man kann bei solchen Gelegenheiten live und in Farbe studieren, wie gegenläufig die Interessen von Datenschützern und Ermittlern sind. Da prallen wirklich zwei Welten aufeinander.
Die Anonymisierung der Proben ist demzufolge auch bestenfalls rudimentär: Die Proberöhrchen werden mit einer Buchstabenkombination aus Vor- und Nachnamen und dem Geburtsjahr beschriftet. Und im Kleingedruckten kann man später nachlesen, dass die Genprofile in den Arbeitsdateien des LKA erst gelöscht werden, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind. Was denn passiert wäre, wenn ich meine Speichelprobe nicht abgegeben hätte, will ich noch wissen. „Dann wären wir auf Sie zugekommen“, lächelt mich Herr Funke an. „Und hätten Sie natürlich gefragt, was Sie für Gründe haben, und wie Ihr Alibi aussieht.“ (wst)