Der China-Trick

Googles Methode, sich via Hongkong aus dem chinesischen Zensurregime zu lösen, sieht auf den ersten Blick clever aus. Wirklich konsequent ist die Lösung aber nicht.

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Google.cn ist nicht mehr: Ein simpler Web-Redirect wird seit Montagnacht eingesetzt, um chinesische User nach Hongkong umzuleiten. Dort erwartet sie eine völlig unzensierte Google-Version im Zeichensatz "Simplified Chinese" – so wie man es auf dem Festland braucht.

Man kann Google nur dafür loben, dass der Internet-Riese sein Versprechen tatsächlich wahr gemacht hat, in China nicht mehr zu zensieren. Allerdings tut er das mit angezogener Handbremse: statt die direkte Konfrontation auf dem Festland zu suchen und Google.cn einfach nicht mehr zu filtern, weicht man ins liberalere Hongkong aus. Nun weiß nur der liebe Gott allein, wie lange es dauern wird, bis die chinesischen Zensurbürokraten einfach diese Website, die ja ebenfalls in ihrem Einzugsbereich veröffentlicht wird, auch sperren. Immerhin hat Google eine nette Infoseite bereitgestellt, auf der jetzt jeder Mensch auf der Welt sekundenaktuell nachlesen kann, was die Pekinger "Great Firewall" mit dem Internet-Riesen so alles anstellt. (YouTube und Blogger sind dort seit Ewigkeiten ebenso gesperrt wie Google Sites und Teile von Docs und Picasa.)

Was mir inkonsequent vorkommt, ist die Tatsache, dass Google trotz allem in China bleiben will – mit einem Forschungslabor und einem (vermutlich verkleinerten) Vertriebsteam für Werbung. Die dortigen Mitarbeiter sind nicht zu beneiden, haben sie doch bereits in den letzten Wochen enormen Druck gespürt. Googles Hausjustiziar, der die Angelegenheit seit Januar in Händen hält, lobte diese Menschen ausdrücklich – sie hätten trotz allem zu ihrer Firma gehalten. (Wenn Berichte aus der Presse stimmen, dass sich hierunter auch einige Spione der Regierung befanden, spricht das nur für seinenTakt.)

Zur Erinnerung: Los ging die Aufregung um Google und China mit einem Massenhack, bei dem neben dem Internet-Riesen auch noch rund 20 weitere Hightech-Firmen zum Opfer wurden. Selbiges soll bei Googles Management (hier ist insbesondere Mitgründer Sergey Brin zu nennen, der die Sowjetunion noch kennt) dazu geführt haben, dass der Knoten platzte. Zuvor hatte man Google.cn über Jahre in einträchtiger Selbstzensur geführt.

Enorm wichtig ist es nun, so deutlich wie möglich auszusprechen, was die Chinesen ihrem Volk in Sachen Freiheitsbeschränkungen antun. Dass das Riesenreich kein "Irgendwiekapitalismus" ist, sondern eine Diktatur mit einem starken privaten Wirtschaftssektor. Hier hat Google bislang auch kein Wort verloren, sondern allein mit den Hackattacken und einem gewissen Unwohlsein in Sachen Zensur argumentiert. Aber vielleicht kommt das noch.

(bsc)