"China behält die Oberhand"
Googles spektakulärer Schritt, seine chinesische Suchmaschine abzuschalten und ins freiere Hongkong umzuleiten, ist ein weitgehend symbolischer. Das glaubt zumindest Internetzensur-Experte Ben Edelman, der sich im TR-Interview zu den Möglichkeiten des Regimes äußert.
Googles spektakulärer Schritt, seine chinesische Suchmaschine abzuschalten und ins freiere Hongkong umzuleiten, ist ein weitgehend symbolischer. Das glaubt zumindest Internetzensur-Experte Ben Edelman, der sich im TR-Interview zu den Möglichkeiten des Regimes äußert.
Ben Edelman ist Juniorprofessor an der renommierten Harvard Business School. Zuvor forschte er am Berkman Center for Internet & Society zum Thema Internet-Freiheit, Netzpolitik und Datenschutz. Zusammen mit Jonathan Zittrain veröffentlichte er unter anderem eine empirische Analyse zu Chinas Netzfiltersystem.
Technology Review: Herr Edelmann, welche Reaktionen erwarten Sie auf Googles Schritt, seine zensierte Suchmaschine fĂĽr China zu stoppen? Bereits am Dienstag gab es erste Berichte, laut denen die Hongkonger Suche, die eigentlich unzensiert ist und auf die Google nun umleitet, jetzt von Fall zu Fall gefiltert wird.
Ben Edelman: Auch mir liegen entsprechende Informationen vor, dass Google Hongkong zunehmend gefiltert wird. Das sollte auch niemanden überraschen, dass China diese natürliche und direkte Antwort wählt.
Letztlich sieht es so aus, dass China beim Internet-Zugriff der durchschnittlichen Benutzerschaft stets die Oberhand behalten wird. Wenn die Regierung die Daten, die zwischen dem internen Netzwerk des Landes und der Außenwelt fließen, filtern will, kann sie das problemlos tun. Nutzer können zwar eine Reihe von Werkzeugen einsetzen, um diese Filter zu umgehen. Doch diese Menschen stehen dann sich selbst und anderen gegenüber wie Regelverletzer da, gehen ein gefühltes und auch reales Risiko dabei ein.
TR: Wie fortschrittlich sind die eingesetzten Filter der Chinesen inzwischen? Simple Domain-Blockaden sind es ja schon lange nicht mehr, oder?
Edelman: Ganz genau. Einst filterten die Chinesen vor allem nach Internet-Adresse. Da aber Tausende von Servern (und Millionen von Suchbegriffen) ein und die selbe IP haben können, gab es Bedarf, das zu ändern. Heute kann China einzelne Seiten und Suchbegriffe blockieren – und tut es auch.
TR: Arbeitet China inzwischen auch mit der sogenannten Deep Packet Inspection, bei der in jedes einzelne Datenpaket geschaut werden kann, das zum Nutzer flieĂźt?
Edelman: Ja. Es gibt Beweise dafür, dass die Filter inzwischen in die Datagramme hineinschauen, um den Inhalt einer Nachricht zu untersuchen. So wird nicht nur nach Quelle und Ziel gefiltert, sondern auch anhand dessen, was da verschickt wurde. Wer beispielsweise in China nach einem "verbotenen" Schlüsselbegriff sucht, kann erleben, dass der Internet-Zugang plötzlich nicht mehr funktioniert – manchmal nur in Richtung einer bestimmten Suchmaschine, manchmal auch für das gesamte Web. Solche Filter lassen sich nur implementieren, wenn man in die IP-Pakete schaut, also in die Übertragung hinein.
TR: Wie sinnvoll ist es, dass Google seit kurzem ein Werkzeug bereitstellt, das den chinesischen Nutzern zeigt, welche Dienste in China funktionieren und welche nicht? Könnte die Regierung das nicht einfach ebenfalls blockieren?
Edelman: Ich halte das fĂĽr einen guten ersten Schritt. Die Strategie dahinter ist ganz einfach die, dass man nun China die gesamte Verantwortung auferlegt. Wenn Google in China nicht mehr funktioniert, soll die Welt wissen, dass das Chinas Entscheidung war, nicht Googles.
TR: Wie clever sind chinesische Nutzer inzwischen, was das Umgehen der Filter anbetrifft? Ist es nur eine Minderheit, die das tut?
Edelman: Ich wĂĽrde sagen, dass es sich um eine durchaus beachtliche Minderheit handelt. Junge Leute und fortgeschrittene Nutzer wissen oft, wie sie die Blockaden ĂĽberwinden. Werkzeuge sind im Netz einige zu finden. Dabei gilt es, wie ich bereits gesagt habe, zu bedenken, dass die Nutzer sich dann wie Regelbrecher vorkommen, die stets ein Risiko eingehen.
TR: Glauben Sie, dass andere Firmen Google nachfolgen werden? Ist der Umzug nach Hongkong eine sinnvolle Alternative gegenĂĽber dem chinesischen Festland?
Edelman: Ehrlich gesagt sehe ich nicht, wie das Googles und die Proble anderer lösen wird. China kann ja schließlich die Kommunikation zwischen den chinesischen Nutzern und den Servern überall auf der Welt blockieren. Egal ob die Maschinen nun in China, in Hongkong, in Kalifornien oder auf dem Mond stehen – das Filtern und Hineinsehen in Pakete geht immer, egal ob ins chinesische Netz hinein oder hinaus.
TR: Die chinesische Regierung behauptet, dass Google mit dem Ende der Zensur quasi einen Vertrag bricht. Was steckt dahinter? War das ein Pakt mit dem Teufel?
Edelman: Die chinesischen Gesetze sind, wie sie sind. Ich verstehe China einerseits – also dass man will, dass Firmen, die im chinesischen Markt operieren, sich an örtliche Regeln halten. Man fühlt sich überrollt. Andererseits kann man das diese Entscheidung in diesem Fall nur kontrovers nennen. In den meisten Ländern ist die Informationsfreiheit inzwischen weitgehend etabliert. Ich frage mich, was China hier mit der harten Haltung gewinnen kann. Die meisten chinesischen Nutzer wissen schließlich, dass die Regierung ihren Web-Zugriff einschränkt. Das erhöht nicht das Vertrauen in die Regierung. Ganz im Gegenteil.
(bsc)