Milia: Wer kontrolliert den Content im Online-Zeitalter?
Inhalte-Anbieter und die Heimelektronik-Industrie streiten darĂĽber, ob digitale Werke kĂĽnftig nur noch gestreamt oder dem Verbraucher auch zur mehrfachen Nutzung zur VerfĂĽgung gestellt werden.
- Stefan Krempl
- Dr. Volker Zota
Inhalte-Anbieter, Breitband-Provider und die Heimelektronik-Industrie streiten auch Jahre nach Napster und dem ersten groĂźen Internet-Boom weiter ĂĽber die Frage, wie digitale Medienwerke kĂĽnftig am besten vertrieben werden. Auf der Milia in Cannes stieĂźen in dieser Hinsicht Welten aufeinander.
Dabei stellte sich heraus, dass beide Seiten von einer gemeinsamen Sprache nach wie vor weit entfernt sind. Während die Rechteinhaber in den Breitbandnetzen die Chance sehen, ihre Inhalte dem User nur noch on-demand zur Verfügung zu stellen und damit die Nutzungsrechte auf den einmaligen Abruf zu beschränken, wollen vor allem die Heimgerätehersteller ihre Gadgets nicht leer laufen lassen und drängen auf eine zumindest begrenzte Portierbarkeit von Inhalten. Systeme fürs Digital Rights Management (DRM) sollen in diesem zweiten Szenario verhindern, dass der Content außer Kontrolle gerät.
Eine für die Inhalte-Anbieter typische Haltung vertrat Taro Hashimoto, Chef von Softbank Broadmedia in Tokyo. Seiner Ansicht nach sollten sich die Hardware-Hersteller darauf beschränken, hübsche, aber dumme Terminals herzustellen. Das gesamte Content-Management könne auf der Netzwerkebene, also am anderen Ende der Distributionskette, abgewickelt werden. "Wir setzen allein auf Streaming", erklärte Hashimoto kategorisch und verwies auf die entsprechenden Videodienste bei Yahoo in den USA.
Softbank hat massiv in das Portal investiert. Bei dem Medienabruf könne man zwar beispielsweise vor- und zurückspielen, die zugehörige Set-Top-Box verfüge aber von vornherein über keine Festplatte. "Wir können das gar nicht anders machen", entschuldigte sich Hashimoto über das kastrierte Medienvergnügen, "wir haben einfach nicht dieselben Rechte wie etwa die DVD-Leute".
Patrick Kennedy, Chef von Sony Pictures Digital Networks in den USA, sieht als eines der Haupthindernisse auf dem Weg zum friktionslosen Online-Vertrieb ebenfalls die "strukturellen Probleme" der Content-Industrie. Die Produktionsabteilungen Sonys sitzen schließlich unter anderem auf riesigen Videobibliotheken und würden diese gern neu verpackt oder zusammen mit interaktiven Zusatzelementen wie Spielen noch einmal an die Nutzer bringen. Aber allein der Versuch, die Rechte an der Filmmusik zu klären und für eine digitale Weiterverwendung einzukaufen, lasse viele derartigen Projekte bislang kläglich scheitern.
Gleichzeitig weiß Kennedy aber, dass die mobilen Media-Player und Video-Walkmen, die Sony in diesem Jahr herausbringen will, ohne portierbare Inhalte kein Kassenschlager werden. Von rein gestreamten Inhalten, die ja auch schlecht mit der mobilen Frequent-Flyer-Gesellschaft harmonieren, hält der Sony-Manager wenig. Sein Hauptjob sei es momentan, die Content- und die Hardware-Abteilungen des japanischen Mischkonzerns zusammenzubringen. Trotz der Copyright-Hindernisse bleibt Kennedy dabei optimistisch: "In zwei Jahren werden bei uns mehr als die Hälfte der Umsätze im Elektronikbereich über die digitale Linie eingespielt werden", ist er sich sicher. Er setzt dabei auf die "Zehnjährigen" und "all das Geld, das sie uns heute schon zahlen". Die Teenager seien die echten "early adaptors", die auch für den x-ten Klingelton oder die Game-Version vom "Glücksrad" fürs Handy kräftig in die Tasche greifen würden.
Marty Levy, für die Strategieentwicklung bei der US-Firma DigitalDeck Entertainment Network verantwortlich, hat zudem nach wie vor technische Einwände gegen die "strömende", den tatsächlichen Erwerb von Inhalten verhindernde Netzlösung: "Das Internet ist immer noch nicht optimal für das Streaming von hochqualitativen Inhalten." Die Content-Provider sollten sich daher auf Download-Angebote und das Vorspeichern von Medienwerken auf den Festplatten der Nutzer konzentrieren, wie es etwa T-Online bei seiner Video-on-Demand-Plattform im Verbund mit der Media-Box von Fujitsu Siemens praktiziert. Gleichzeitig müssten sich die Sender von ihren "Conditional-Access"-Lösungen verabschieden und auf DRM-Systeme setzen. (Stefan Krempl) / (vza)