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Was war. Was wird.

Eine Trauerminute. Dann: Die Medien sind nicht Sensoren, sondern Effektoren von Ideologie. Einer Kritik der kybernetischen Illusion scheinen unsere blinden Netz-Apologeten aber nicht mehr fähig zu sein, befürchtet Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

Nasz smutek jest z wami. Heise polska ist ein wichtiger Bestandteil des Angebotes, das der Heise-Verlag im Netz offeriert. Ich weiß nicht, ob ich richtig mitgeschrieben habe, was mir telefonisch übersetzt wurde, daher muss es an dieser Stelle wiederholt werden: Unsere Trauer ist mit euch, gerade weil die polnisch-russische Zusammenkunft über Katyn so wichtig ist für ein neues Miteinander und damit sogar noch wichtiger als alle Abrüsterei. Schon keimen die Verschwörungstheorien darüber, warum ein Flugzeug im Nebel vier Mal die Landung versucht.

Nach dieser Schweigeminute:

*** Willkommen zur Wochenschau in der norddeutschen Tiefebene. Hier ist alles flach, sogar die Gedanken. Wenn etwas mehr auf der Tiefebene liegt in diesen Tagen, dann ist das die Gülle, die stinkt und schnellstens eingepflügt werden muss, aber bis dahin in der Frühlingssonne müffelt. Wer hier aufwächst, nicht die Schweine oder Hühner füttert oder schlachtet, nicht diesen veredelten Mist im Kühlzug nach Süddeutschland karrt, sondern als Journalist arbeitet, bekommt schnell die Frage gestellt, ob sich das denn lohnt. Noch geht es, ist dann meine Antwort. Die Familie wird ernährt, das Studium der Kinder kann bezahlt werden. Diese kleine Wochenschau bringt neben anderen Geschichten Geld ein und es ist ein feiner Spaß, sie zu schreiben. Wie anders war das im Leben eines großen Schreib-Lehrers, bei Leo Calvin Rosten, der heute Geburtstag feiern könnte. Seine Karriere als politischer Kommentator weltbewegender Themen wurde unterbrochen, als seine Frau schwer erkrankte. Fortan arbeitete Rosten als Humorist, weil da die Honorare höher waren. Im Kampf gegen die Krankheit wurde er Erklärbär wunderbarer jiddischer Witze, wie sie von unseren Großmüttern überliefert wurden. Es war eine Frage des Überlebens. Die Frage ob die schlichte 9to5-Schreiberei über den Tod hinaus und dann noch im Internet eine Bedeutung hat, hätte ihn sicher amüsiert. Wie Baudrillard hätte er diese Simulation der digitalen Bohemiens entschlüsselt, nur witziger als der Franzose. Der aber rotiert bei all seinen Netz-Proselyten dauerhaft im Grab.

*** "Die Medien sind nicht Sensoren, sondern Effektoren von Ideologie. Sie sind nicht nur nicht ihrer Bestimmung nach revolutionär, sondern nicht einmal, und sei es in anderen Zusammenhängen oder virtuell, neutal oder nicht-ideologisch – das ist das Phantasma ihres 'technischen' Status oder ihres sozialen 'Gebrauchswert'." Das schrieb Baudrillard in seinem "Requiem für die Medien – Kritik der kybernetischen Illusion", das mit allen Feedback-Phantasien einer freien Öffentlichkeit im Jahre 1972 kurzen Prozess machte.

*** "Sicher können Computer Probleme lösen, Informationen speichern, kombinieren und Spiele spielen - aber es macht ihnen keinen Spaß. Das ist bei Journalisten anders." Ja, da kann man Leo Rosten zustimmen, auch wenn es manchmal ohne Computer nicht mehr geht und dann auch schnell die Spässeken im Halse steckenbleiben. Im Juli 2007 appellierte Reporter ohne Grenzen an die damalige US-Regierung, den Mord an zwei Reuters-Mitarbeitern aufzuklären. Vor drei Monaten erhielt Wikileaks ein verschlüsseltes Video zugespielt und bat um Hilfe, die relativ schnell mit brutaler Rechenkraft zum Erfolg führte. Danach begann für die Freiwilligen das Überprüfen der Fakten, während sie ihrerseits offenbar von Geheimdienstlern überwacht wurden.

*** Am Montag dieser Woche wurde das Video von Wikileaks im Presseklub von Washington vorgestellt, damit über die Presseberichte erneut eine inhaltliche Auseinandersetzung in Gang kommt. Ein neuer Appell von Reporter ohne Grenzen fordert die Obama-Regierung auf, mehr Transparenz zu zeigen und alle Details über das Geschehen zu veröffentlichen, damit ein Urteil gefällt werden kann. Im Zusammenspiel von Wikileaks, Presse und einigen Admins, die Rechenzeit freimachten, sehen wir, wie Supermedia arbeiten kann, die Form des Journalismus, der nach Charlie Beckett die Welt retten kann – oder was noch von ihr übrig bleibt nach unserer alltäglichen Zerstörung. Die Kretins 2.0, die dabei allen Ernstes das Ende der etablierten Medien delirieren, können vor lauter Gelalle über Social Media nicht einmal mehr genau hinschauen, was wirklich passiert ist.

*** Das stumpfsinnige Herumgetrampel auf den Medien hat Folgen, wenn die Medien anfangen, selbst den Aberglauben an die schöne neue Technik 2.0 zu propagieren. Ein Springer-Manager, der täglich zu St. Jobs beten will und ihm unendlich dankbar ist, wie dieser seine sterbende Branche mit einem Tablet-Computer rettet, ist eine niederschmetternde Offenbarung. Vor allem deshalb, weil die rastlos von seinem Verlag beworbene, angeblich den Journalismus rettende iPad-App ein enttäuschendes Stück Software ist. Wenn dieser iKiosk die Rettung der langsam absaufenden etablierten Presse sein soll, dann ist sie schon ertrunken. Man mag von der Welt halten, was man will, aber dass die dort arbeitenden Journalisten eine solch seltsame Anwendung im leicht veränderten PDF-Outfit akzeptieren, die hypernervös auf jedes Wackeln des iPad reagiert, spricht nicht für diese neue Zukunft. Besonders fies kommentiert dies eine Zeitung, die nicht den Quatsch von einem Leistungsschutzrecht für deutsche Verlage unterschrieben hat, mit diesem Artikel: "Das iPad destruiert genau jene Hoffnung, die es den angeschlagenen Verlagen selbst gemacht hatte, dass man nämlich mit ihm kostenpflichtige Nachrichten-Apps an den Leser bringen könnte."

*** Wie schön und passend ist es, dass eine Firma wie FlexiSpy in einer atemlosen Mail an ihre Kundschaft die erste Spyware für das iPad ankündigt. Wer ganz entspannt im Hier und Jetzt mit seinem Tablett auf der Couch surft, den kann schnell die Wollust piesacken, das eine oder andere Centerfold in ordentlicher Auflösung anzutappsen. Schließlich steht die Pornoindustrie in Reih und Glied bereit, das Brettchen zu erobern. Bemerkenswert dabei, dass ganz ohne Flash gestöhnt werden kann. Vielleicht ist auch etwas für die erstaunliche, ganz frisch von der CSU ins Feld geführte Gattung der Gelegenheitspädophilen dabei, die der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch für blanken Unsinn hält. Aber bitte, hier geht es um Politik, nicht um Sexualität. Wer weiß wirklich, wie gefährlich Gelegenheitssurfer sind, wenn sie einschlägige Stellen in den dicken Büchern, wie die Illustration von Leda und ihrem Schwanz. Noch gefährlicher ist die Politik! Da ist das Feld der menschlichen Perversionen deutlich größer. Erinnern wir uns daran, dass das Lateinische coire (für Zusammenführen) sowohl zum Koitus führt wie zur Koalition. Eigentlich wartet die Szene nur darauf, dass nach 4chan, 12chan oder Krautchan ihr Politico-Chan zu bekommen, komplett mit allen Verschwörungstheorien.

*** Bleiben wir in der Politik. Es ist ja ganz reizend, dass Europa eine IT-Agentur bekommt, die all die Fahnundungs- und Visa-Daten betreut und so für unser alle Sicherheit sorgt. Dennoch ist Agentur für Freiheit, Sicherheit & Recht ein Name, der schlechte Assoziationen hervorruft. Freiheit und Sicherheit zusammen bei einer Behörde klingt einfach verdächtig. Der Vorschlag von Heise-Lesern, lieber eine Behörde für Frieden, Eierkuchen und Blümchen im Haar zu schaffen, dürfte in Brüssel auch keine Chancen haben, obwohl genauso irrsinnig. Können wir uns auf MiniWahr einigen, mit all den Erinnerungen an ein Ministerium für Wahrheit?

*** Ach ja, und doch, der Punk ist nicht tot. Malcolm Mc Laren aber, der ist von uns gegangen, der geniale Spinner und begnadete Vermarkter, ja auch so nicht vermarktbarer Musik wie des Punk. Er fand in den Sex Pistols aber auch die passenden Mitstreiter, so ist denn auch "This is not a Love Song" möglicherweise doch auch ein Liebeslied, ein Liebeslied Johnny Rottens an den Mann, der ihm ungeahnte Möglichkeiten eröffnete. Wir Zurückbleibenden aber sollten uns vielleicht nicht mit den Sex Pistols aufhalten und stattdessen mal wieder, gelangweilt von all dem aus den USA herüberdröhnenden Post-Punk, lieber U.K. Subs, Sham 69, Killing Joke oder auch Joe Strummers Clash zu Gehör bringen.

Was wird.

Ein kleines grünes Gleichheitszeichen soll das Logo für die Netzneutralität sein, die in der nächsten Woche in Berlin auf der re:publica verhandelt wird. Alle Daten sind gleich, das klingt im Deutschen viel platter als in Globish, wo die Bill of Rights konstatiert "All data are created equal", ganz in Anlehnung an das bekannte "All men are created equal". Man kann das neue Datenrecht, das wohlgemerkt kein Datenschutzrecht sein soll, mit allen mittlerweile auf 9 Thesen erweiterten Katalog zur Netzneutralität bei Jeff Jarvis nachlesen, der damit in Berlin auftreten will. Die ersten vier Thesen sollten selbstverständlich sein. Mit dem Recht, seine Daten zu kontrollieren, wird der Datenbrief des CCC in die Welt geschickt, und das nicht per Brieftaube. Dann wäre da noch das Recht darauf, seine eigene Identität kontrollieren zu können, was übersetzt nicht schlicht auf ein Single Sign-on herausläuft. Gefragt ist das Ich mit eigenem Verstand, das alle Thesen vom Kontrollverlust ablehnt und dagegen seine Existenz setzt. Dumm ist nur, dass so ein Satz pathetisch klingen muss, weil über tausend Jahre Humanismus in unseren Schamhaaren sitzen, nicht im Gen. (jk)