Rettet die Ordner!

Offene Dateisysteme werden schleichend ersetzt durch gouvernantenhafte Software, die sich zwischen die Nutzer und ihre Dateien drängelt. Das ist ein Ärgernis.

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Wenn es eine rote Liste der vom Aussterben bedrohten Techniken gäbe – hier wäre ein Kandidat dafür: Die Dateien-Ordner. Ordnersysteme mit Verzeichnissen und Unterverzeichnissen waren bisher eine sehr erfolgreiche Organisationsform für Informationen – vielleicht deshalb, weil eine so eingängige Metapher aus dem Büroalltag dahinter steht: Jeder kann sich vorstellen, wie er Unterlagen in Akten, Ordner, Kästen oder Schubladen ablegt.

Doch das bewährte Prinzip wird schleichend ausgemustert – vor allem von jener Firma mit dem angebissenen Obst im Logo. iPad und iPhone haben gar keine für den Nutzer transparente Ordnerstruktur mehr. Und selbst auf normalen Mac-Rechnern ist der Ordner auf dem Rückzug. Zum Beispiel beim Programm iPhoto: Ich kann dort nicht einfach Bilder anschauen, sondern muss sie erst "importieren" – selbst wenn sie schon mundgerecht als wohlgeordnetes Verzeichnis auf der Festplatte liegen. Was gibt's denn da noch zu importieren?

Oder bei iTunes – wenn ich dort einen Ordner zusammengehöriger Musikstücke lade, kann es passieren, dass iTunes für jeden einzelnen Song ein eigenes Album anlegt. Mag ja sein, dass ich die begleitenden ID3-Tags, die Details zum Song enthalten, nicht mit der Sorgfalt gepflegt habe, die Apple-Programmierer offenbar für angemessen halten. Aber bitte, liebe Software: Wenn Du aus den Tags nicht schlau wirst, dann lasse wenigstens die Ordnerstruktur in Ruhe, denn sie erhalten schließlich auch Informationen. Ich, Dein Nutzer, habe mir schon etwas dabei gedacht, sie so und nicht anders zu gruppieren. Respektiere das gefälligst.

Selbst wenn ich meine Musiksammlung picobello von Abba bis ZZ Top durchgetaggt hätte – eine klassische Ordnerstruktur finde ich immer noch praktischer als dieses Rumjonglieren mit Tags. Mit Ordnern kann ich Dateien verschieben, kopieren, neu zusammenstellen und so weiter. Das alles wird viel umständlicher, wenn sich eine zusätzliche Software-Schicht zwischen mich und meine Dateien drängelt.

Das ließe sich ja noch verschmerzen, wenn das Problem nur Apple beträfe. Doch auch mein Nokia-Handy ist von dieser Ordnerallergie befallen. Nokia fährt da einen zweigleisigen Kurs: Einerseits gibt es in der sogenannten Ovi-Suite auch wieder so eine gouvernantenhafte Verwaltungssoftware, die eigentlich auch nichts anderes tut, als Dateien von einem Ort zu einem anderen zu schubsen, dafür aber eine dreiviertel Ewigkeit braucht. Andererseits erlaubt das Handy immerhin noch einen Blick auf seine Ordnerstruktur. Allerdings kümmert sich das Gerät nicht groß um dessen Logik: Wenn ich etwa einen Ordner mit Hörbüchern in das Musikverzeichnis schiebe, kann ich ihn nicht separat abspielen, sondern die einzelnen Kapitel werden munter unter die Musikstücke gemischt. Zudem werden in der Ordner-Übersicht aus unerfindlichen Gründen nicht alle Songs angezeigt – aber wer weiß, vielleicht ist das in diesem Fall tatsächlich mal ein Bug und kein Feature.

Und wozu das alles? Wird das Leben in irgendeiner Form einfacher oder bequemer, wenn ich statt Ordner nur noch mit "Alben" oder "Galerien" herumhantieren muss? Was fĂĽr einen Vorteil bringt das Verstecken der Dateisysteme? Ich habe keine Ahnung, aber vielleicht ist mir da irgendetwas entgangen. Also: Rettet die Ordner! (bsc)