Was war. Was wird.
Ja, genau, die olympischen Spiele haben begonnen, da drĂĽckt auch Big Brother mal beide Augen zu, stellt Hal Faber verwundert fest. Da dĂĽrfen dann die Punks auch mal Woodstock feiern.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Wer es nicht bisher schon wusste, darf es heute erfahren: Diese kleine Wochenschau setzt Trends. Als Reaktion auf die austistische Rücknahme der Rechtschreibreform erschien der letzte Rückblick in gemäßigter Kleinschreibung. Wenig später nahm die tageszeitung die Idee auf.
*** Wer übrigens die Trends setzt, das sind, ganz klar, die nimmermüden Kommentatoren, die Anreger des Heiseforums, nicht so sehr die Aufreger. Eine solche Anregung war der Wunsch, Microsoft möchte den Standard der deutschen Schreiberei setzen. Ganz verquer ist das nicht, wenn man die Süddeutsche Zeitung studiert, deren Rechtschreibung nur noch im Ausmerzen der unterkringelten Word-Meckereien besteht. Nun schreibt die SZ selbst, dass Microsoft Word in der Original-Version 14 verschiedene Einstellungen zur Rechtschreibung kennt und die deutsche Textseelsorge bei den Angelsachsen auf Unverständnis trifft. "Be consistent" heißt es dort, nicht etwa "be right". Ansonsten klinke ich mich aus der Deppen-Debatte aus, die wahrscheinlich in Monthags-Demos enden wird. Ein letztes, bekanntes Statement zur Rechtschreibung aus dem entspannten Amerika: Es gibt 600 Trillionen Möglichkeiten, Viagra zu schreiben.
*** Be consistent: Wenn diese weise Maxime auch für die Software gelten würde, wäre das ein großer Fortschritt für die Menschheit. Aber das schafft nicht einmal eine zentralistisch Software produzierende Firma wie Microsoft, wie ihr neues XPSE beweist. Eine lustige Software übrigens, haben doch die TCO-Spezialisten von Gartner sich hingesetzt, schnell XPSE analysiert und warnen nun eindringlich davor, eine Microsoft-Software einzusetzen, die offensichtlich die Software-Piraterie fördert. Eine wahrlich scharfsinnige Analyse, die die TCO-Debatte bevögeln wird.
*** Beflügelt von ihrem bevorstehenden Börsengang haben die Google Guys dem Playboy am 22. April ein Interview gegeben, das jetzt in der September-Nummer erschienen ist. Nun wird der Playboy bekanntlich wegen seiner Interviews gekauft, nicht wegen der Bilder. Daher sorgt das Interview für Aufsehen, soll es doch eine quiet period verletzt haben, auch wenn selbige in keinem US-Gesetz fest gelegt ist. Verboten ist allerdings die Werbung für den Börsengang, worunter das Interview wiederum fallen kann: Schließlich ließen die Google Guys für den Playboy die Höschen bei Gmail fallen, mit allen Konsequenzen. Das bringt mich natürlich zu dem anderen IPO-Kandidaten aus der Szene, der im Googlefight gegen seine Vergangenheit antreten will: "Come on Baby, run Linspire, uh, oh come on Baby, set Microsoft on Fire...". Die lustige Werbung ist aus dem Netz verschwunden und durch dröge Sachen ersetzt, bei den avisierten Börsenkursen zeigt der Daumen nach unten. Jawohl, der Daumen ist das mächtigste Werkzeug dieses Jahrhunderts geworden, wie James Katz vom Center for Mobile Communication Studies an der Rutgers University heraus gefunden hat.
*** Doch was sind Kurse und Daumen, wenn das Salär stimmt, könnte man mit Darl McBride von der Beweis suchenden SCO Group sagen. Der gute Mann verdiente 1 Million Dollar, wohingegen es John Chambers, der bei Cisco Systems so gerne der Good Guy ist und niemanden rauswerfen will, es nur auf 1 Dollar brachte. Das ist nunmehr vorbei: Nach guten Zahlen, doch mäßigen Aussichten darf Chambers ab dem 1. August sich auf ein Jahresgehalt von 350.000 Dollar freuen. Das ist zwar nicht die hübsche Summe, die ein McBride bekommt, aber dafür muss John Chambers auch nicht Rücklagen bilden für den Fall, dass eine größere Kaution vor einem Kontakt mit den Gefängnissen benötigt wird. Ja, es gibt in dieser Branche immer wieder Dinge, die erstaunen können. Zu ihnen gehört die Tatsache, dass die Cisco-Mitgründerin Sandy Lerner, die heute Kosmetik unter dem Namen Urban Decay an die Frau bringt, einstmals an einer Studie über Kautionen und Geldstrafen im amerikanischen Gefängniswesen beteiligt war. Nutzlose Faktoide, gewiss, doch gibt es besseres Futter für diejenigen, die sich gerne über die Wochenschau aufregen.
*** Die Olympiade hat begonnen, Jan Ullrich hat ohne Behinderung durch Jens-Judas Voigt bereits gepatzt. Die Wkipädistas leisten Schwerstarbeit, weil die sportlichen Olympioniken nicht einen Klick auf ihr Online-Tagebuch machen dürfen, ohne dass drakonische Strafen fällig werden. Immerhin ist das Login-Passwort für das Mail-System nicht mehr auf der Rückseite der Akkreditierungen ausgedruckt, was als großer Fortschritt in der Sicherheit gefeiert wird. Probleme macht nur noch der große Bruder: 1500 hochauflösende Videokameras sind aufgestellt, doch keine einzige schaffte es, die Motorrad-Spritztour der griechischen Doping-Stars Kenteris und Thanou aufzuzeichnen. Tja, machmal drückt halt auch Big Brother beide Augen zu, wenn's denn der höheren nationalen Ehre dienlich sein kann.
*** Doch der Sommer ist kurz und kostbar, alle wollen hinaus in die warme Nacht und schalten ihre Computer aus, nichts ahnend, dass diese auch dann noch in gefährlichen Peer-to-Peer Netzen weiter fortfahren, heiße Sachen auszutauschen. Darum geht es jetzt flugs zu den Jubiläen und Gedenktagen, von denen der wichtigste eigentlich erst morgen mit einer kleinen Montags-Demo gefeiert werden kann. 13 Innovationsmodule! 13 gesellschaftliche Gruppen! Ja, zwei Jahre ist es her, da wurde der modernste Dienstleister geboren, ein "Masterplan der Gesellschaft", geboren "in einem neuen Geist, der zusammenführt, der anstiftet zu mehr Gemeinsinn". Aber doch bitte nicht als Volksfront, das ist nackter Undank, Welten Lohn. Aber was sind schon zwei Jahre und Hartz gegen 40 und Wagenbach? Genau, lasst uns statt Hartz zu bejammern den Wagenbach feiern, der mit seinen Büchern nur selten im gesellschaftlichen Mainstream lag, aber oft anregend und, wenn das nicht, dann wenigstens erheiternd war. Und ist -- und hoffentlich noch lange bleibt. Cheerio, Mr. Wagenbach: Man muss nicht unbedingt den Vasari nur als letztendliche intellektuelle Unterfütterung der allzu teutonischen Italien-Leidenschaft zu gebrauchen wissen, um sich zu den wilden Lesern zu zählen.
*** Wie an den letzten beiden Wochenenden angekündigt, begehen wir als Antwort auf den Musikwettbewerb des Registers heute das 35. Jubiläum des einflussreichsten Rock-Konzertes der Welt. Natürlich wird diese Einschätzung von Woodstock gleich bemeckert werden, von den Monterey-Fans oder den Senioren, die sich beim rattig kalten Fehmarn-Konzert die Glieder abfroren, um ihn zu sehen. Glaubenskriege gibt es nicht nur zwischen Windows-, Linux- und Mac-OS-Fanatikern. Der Link zum Stein von Jimi Hendrix hat natürlich seinen Grund, denn unter all den Liedern, die in Woodstock gespielt wurden, gewann im Heise-Poll der WWWW-Leser und -Leserinnen mit großem Abstand das Star-Spangled Banner, eingeschickt von Anhängern verschiedener Linux- und Windows-Versionen als aktuelles Stück gegen ein hartherziges Amerika, gegen das schon viele protestierten.
Nummer zwei wurde Richie Havens' Freedom, mit klarer Windows-Präferenz unter den Einsendern. Absolut gesehen scheint übrigens FreeBSD das bevorzugte System der musikalischen WWWW-Leser zu sein. Doch sollen hier nicht nur die gängigen Spleens gepflegt werden, sondern auch die nachdenklicheren Töne. Die Liste der bemerkenswerten Nominierungen mit weit reichenden Bezügen auf Woodstock sieht dann so aus:
Frank Zappa: Flower Punks: Genera (OS der Lisp-Maschinen)
Deep Purple: Child in Time: OS/2
Peanuts: TV-Filmmusik: FreeBSD (Woodstock war Snoopys Freund!)
Nine Inch Nails: Head like a Hole: Mandrake Linux
XTC: All along the Watchtower: FreeBSD
Wobei ich gestehen muss, dass mir letztgenannte Nominierung am sympathischsten erscheint. Es war eine interessante musikalische Erfahrung, als die Punks versuchten, ihre Vorläufer zu verstehen -- und dabei nur ein radebrechendes Stottern produzieren konnten, mit dem sie aber mehr sagten als mit allem, was die Musikindustrie heutzutage ihren so genannten Superstars ins Mündchen legt.
Was wird.
Mit guten Liedern eingedeckt, kann die Woche beginnen. Einige werden den Sommer auf der Linuxbierwanderung genießen, die morgen beginnt. Andere, vorzugsweise fantasielose Journalisten, werden sich an den revolutionären Lifeblogs erfreuen, die Nokia im Verein mit dem Münchener Starfigaro Meir präsentiert oder halt dem "Papst der Digitalfotografie" lauschen, nicht ahnend, dass aus dem Geknippse eine Religion geworden ist. Angesichts solcher Boboismen sei an dieser Stelle noch einmal des verstorbenen Henri Cartier-Bresson gedacht, der die Erinnerung an das 20. Jahrhundert in seinen Bildern festhielt wie kein anderer. Sein Portrait von Sartre etwa prägte auch mein Bild der Ansichten dieses Jahrhunderts, das uns als das schreckliche kurze in Erinnerung bleiben wird und doch besser endete als das gegenwärtige begann. (Hal Faber) / (jk)