Mobiles Netz 0.0
Die Datenroaming-Tarife, die innerhalb der EU gelten, sind auch nach dem Eingreifen der Kommission völlig indiskutabel.
Als Besitzer eines modernen Smartphones gehe ich meiner Umwelt regelmäßig auf den Keks. Ich kann stets die neuesten Nachrichten herunterrattern, weil ich meine RSS-Feeds immer schon nach dem Verlassen der U-Bahn ausgelesen habe. Die Verwendung von Online-Lexika erlaubt es mir zudem, jeglichen Wissensstreit in Kneipe oder Cafe mit ein paar Streicheleinheiten auf meinem Touchscreen ein für alle Mal zu beenden. Und da gibt es auch noch die weniger nervigen Superkräfte, die mir mein mobiler Minicomputer verschafft: So kann ich meiner Frau stets erzählen, wo wir uns gerade befinden, wann die schnellste S-Bahn kommt und ob die von uns gesuchte Galerie wirklich ums Eck ist.
Allein, all diese wunderbaren Fähigkeiten enden an der Landesgrenze. Als ich neulich auf einem Trip in die belgische Hauptstadt war, wollte ich für ein halbes Stündchen einen bestimmten Laden im Zentrum erkunden. Wäre ich in Berlin gewesen, hätte ich einfach mein iPhone gezückt. Doch dank der noch immer unfassbar teuren Roaming-Tarife habe ich das lieber gelassen – von zu vielen Horrorstorys musste ich bereits lesen.
Die EU verhält sich dabei wirklich süß. In Form der Kommissarin Viviane Reding wird uns zwar immer wieder erzählt, dass man etwas tun müsse – und reguliert wird inzwischen ja auch schon. Allerdings ist die Tarifentwicklung selbst mit Regulierung noch immer so wirklichkeitsfern, dass man sich fragt, ob diese Alibiveranstaltung von der Mobilfunkindustrie inszeniert wurde. So sollen die Kosten für ein Megabyte (!) bis 2011 (!) schrittweise (!) auf 50 Cent (!) "absinken".
50 Cent für ein Megabyte? Hier mal eine Rechnung: Wenn man sich einen 2 Megabyte großen Song für 99 Cent bei iTunes mit diesem Wundertarif herunterlädt, kommt noch mal ganz locker ein Euro für die Mobilfunker hinzu. Mit dem Verwaltungsaufwand und/oder dem notwendigen Aufbau der Infrastruktur sind solche Mondpreise schlicht nicht erklärlich. (Zumal die 50 Cent ja noch gar nicht erreicht sind. So blecht man etwa bei einem der deutschen "Discounter" aktuell schlappe 1,90 Euro für ein Megabyte im Ausland.)
Klaro, man kann Tricks anwenden und sich eben eine SIM-Karte eines lokalen Anbieters besorgen, falls die eigene Technik nicht über einen entsprechende Sperre verfügt. Allerdings sind solche Offerten nicht immer zu vernünftigen Tarifen in Prepaid-Form zu haben und man muss sich zuvor durch ausländische Websites wühlen, bevor man das passende Angebot entdeckt hat.
Besonders lustig sind indes in diesem Zusammenhang die Krokodilstränen der Carrier. Neulich sprach ausgerechnet Telekom-Boss Obermann davon, dass man doch endlich "günstigere Verrechnungspreise" brauche. "Es ist für die Kunden unzumutbar, für ein paar Stunden Surfen im Auslandsnetz dreistellige Beträge zu zahlen", sprach er. Darf ich kurz fragen, wie es sein kann, dass vernünftige Roaming-Tarife nicht einmal in Netzen möglich sind, die dem ein und demselben Konzern gehören? T-Mobile (Pardon: Telekom.de) ist in vielen EU-Ländern vertreten.
(bsc)