Schafe blicken auf
Während eine Kampagne des Informationskreises KernEnergie diese als aktiven Klimaschutz verkauft, gibt es in den AKW Brunsbüttel und Krümmel Probleme. Die Realität ist leider nicht so simpel wie ein Plakat.
- Niels Boeing
Vorgestern in Berlin: In einem Berliner U-Bahnhof bleibt mein Blick an einem Plakat hängen, auf dem friedlich Schafe in einer weiten Landschaft grasen. „Klimaschützer der Woche“ prangt in großen Lettern darauf – aber gemeint sind nicht die Schafe, sondern das Kraftwerk am Horizont. Genauer: das AKW Brunsbüttel. „CO2-Ausstoß: Null“ lese ich darunter. Verantworltich zeichnet der Informationskreis KernEnergie, der auch die prägnante URL www.klimaschuetzer.de angemeldet hat.
Das Timing der Kampagne ist eigentlich gut gewählt: Morgen wird Angela Merkel zum nächsten Energiegespräch ins Kanzleramt einladen, in dem weitere Weichen für eine nachhaltige und klimafreundliche Energieversorgung gestellt werden sollen. Wie ärgerlich, dass ausgerechnet das AKW Brunsbüttel am Donnerstag Mittag notabgeschaltet werden musste, als nach dem Einbau eines neuen Schaltelements ein Kurzschluss eingetreten war. Und dass zwei Stunden später im AKW Krümmel ein Transformator Feuer fing.
Fast könnte man glauben, als habe eine höhere Gerechtigkeit angesichts der doch etwas zu simplen Botschaft vom unkomplizierten Klimaschutz durch Kernenergie uns daran erinnert, dass die immer noch eine Risikotechnologie ist. Doch Aberglaube beiseite: Sehen wir einmal etwas genauer hin.
Es ist zwar richtig, dass der unmittelbare Betrieb eines AKW CO2-neutral ist. Betrachtet man jedoch dessen ganzen Lebenszyklus, vor allem die Herstellung der Brennelemente vor dem Betrieb, ergibt sich ein anderes Bild. Die Kampagnenseite informiert, dass pro Kilowattstunde (kWh) Atomstrom zwischen 5 und 33 Gram CO2-Äquivalent anfallen – soviel wie bei Wind- und Wasserkraft auch. Die Photovoltaik hingegen schneidet deutlich schlechter ab: mit 78 bis 217 Gramm pro kWH. Eine im April im Auftrag des Bundesumweltministeriums vorgestellte Studie kommt jedoch auch auf etwas andere Zahlen: Danach schlägt Atomstrom mit 31 bis 68 Gramm zu Buche, Windenergie mit nur 23 Gramm, Wasserkraft mit 39 Gramm und Photovoltaik mit 89 Gramm.
Doch die Berechnung von CO2-Äquivalenten pro kWh Strom ist nicht die ganze Wahrheit. Die Studie weist zu Recht daraufhin, dass AKW Strom, aber keine nutzbare Wärme produzieren. Bei einer Kraft-Wärme-Kopplung schneiden andere Optionen besser ab. Rechnet man zu einer 1 kWh Atomstrom 2 kWh Wärmeenergie aus einer Ölheizung hinzu, erhält man einen CO2-Ausstoß von 772 Gramm. Ein kleines Gas-Blockheizkraftwerk kommt für die selbe Energieleistung hingegen trotz des fossilen Energieträgers auf etwas weniger, nämlich 747 Gramm CO2, ein Biomasse-Blockheizkraftwerk gar nur auf 228 Gramm.
Die Rechnung zeigt vor allem eines: Das Energieversorgungssystem ist doch ein wenig komplexer, als es die schlichten Plakate vermuten lassen. Die Kernenergie-Lobby begeht hier denselben Fehler, den Klimawandel-Skeptiker den Klimaforschern seit Jahren um die Ohren hauen: eine zwar medienwirksame, aber zu simple Fixierung auf CO2-Werte, die aus dem Kontext gerissen werden.
Doch mit der Kraft-Wärme-Kopplung ist die Komplexität noch nicht hinreichend abgedeckt. Spiegel online und taz berichten etwa, der Brand im AKW Krümmel könnte durch Spannungsschwankungen im Stromnetz infolge des Herunterfahrens des AKW Brunsbüttel ausgelöst worden sein. Solche unvorhergesehenen Wechselwirkungen im Netz sind nicht neu: Sie haben die großen Blackouts im Nordosten der USA und in Ost-Kanada 2003 sowie in Süddeutschland und Ostfrankreich 2006 hervorgerufen.
Das zeigt: Wenn von der Sicherheit der Kernenergie die Rede ist, geht es nicht nur um das Risiko eines GAU, also einer Kernschmelze. Es mag zwar sein, dass dieses in der dritten, kommenden AKW-Generation auf Basis von Hochtemperaturreaktoren zehnmal niedriger ist (siehe TR 12/2003). Doch die Versorgungssicherheit ist offenbar schon bei vergleichsweise harmloseren Störfällen wie in Krümmel nicht 100-prozentig. Experten bemängeln, dass die Energieversorger nicht genug in den Ausbau ihrer Netze investieren. Und das nicht nur, um ihren Aktionären höhere Renditen bieten zu können – sondern auch, weil durch die steigende Nachfrage nach Kraftwerkstechnik in Schwellenländern die Preise für Anlagen anzögen und zur Verunsicherung des Marktes beitrügen, wie Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energieagentur kürzlich auf Spiegel online feststellt. Angesichts dessen ist mehr als fraglich, ob die Milliarden je zusammen kommen, um die dritte, sicherere AKW-Generation flächendecken zu installieren – vorausgesetzt, die Bundesregierung würde dafür grünes Licht geben.
Erweitert man die Perspektive noch über die Stromnetze hinaus, lassen sich weitere Zweifel gegen ein allzu großes Vertrauen in die Kernenergie als die Lösung unserer Energie- und Klimaschutzprobleme anführen. Die habe ich bereits im vergangenen Jahr aufgelistet und will sie hier nicht noch einmal wiederholen.
Es genügt nicht, die Zukunft der Kernkraft nur nach Betriebsemissionen und Kernschmelze-Risiko zu beurteilen. Was bei den Energiegesprächen her muss, ist das Big Picture der Energieversorgung. Dann würde sich zeigen: Kernenergie ist bestenfalls eine Übergangslösung, und die Milliarden für ihre Renaissance könnten schon jetzt besser ausgegeben werden, um eine langfristig nachhaltige und klimafreundliche Energieinfrastruktur zu schaffen.
Nachtrag: Dass der Brand im AKW KrĂĽmmel auch Auswirkungen auf den Reaktor selbst hatte, berichtet Spiegel online am 4. Juli. Der Verdacht liegt in der Tat nahe, dass diese Informationen vor dem Energiegipfel im Kanzleramt zurĂĽckgehalten wurden. (wst)